Bayerisches Staatsschauspiel Marieluise Fleißer: "Der starke Stamm" im Residenztheater

"Der starke Stamm" im Residenztheater. Foto: Sandra Then

Mit „Der starke Stamm“ von Marieluise Fleißer gibt sich das Residenztheatrer eine betont bayerische Farbe

 

Hoch ragt ein riesiges Scheunentor auf der Bühne des Residenztheaters auf, ein monumentales Zeichen dafür, dass dieser Abend aufs Land führen wird und dabei einiges ins Monströse ausufern wird, gerade was die zwischenmenschlichen Beziehungen angeht. Fahles Licht fällt durch die Ritzen dieses Tors, so, wie ein paar Emotionen durch starre Oberflächen dringen werden.

Viel Schönes ist aber nicht dabei, weil die Leute hier aus hartem, bösem Holz geschnitzt sind. Der Boden besteht aus Holzplanken und ist leicht abgeschrägt, denn manche Gedanken werden zwar geradeaus geäußert, aber ein richtig grades Rückgrat hat doch keiner. Auf dem Land, da regiert halt weiterhin die Sünd‘.

Niedere Triebe und faustdick hinter den Ohren

Ein einfaches, aussagekräftiges Bühnenbild hat Paul Zoller für Julia Hölschers Inszenierung von „Der starke Stamm“ gebaut. Auch die Dörfler in Marieluise Fleißers Volkstück wirken auf den ersten Blick simpel, lassen sich in ihrem Tun ohne viel Grübelei von ihren niederen Trieben leiten und haben es dabei doch faustdick hinter den Ohren.

Dass sie am Anfang, zum Begräbnis der Frau des Sattlermeisters Bitterwolf, betörend schön den Choral „Näher, mein Gott, zu Dir“ hinter dem Scheunentor singen, entpuppt sich schnell als christliche Larve von Menschen, für die eine Wallfahrt nur eine weitere Geschäftsmöglichkeit ist und die, jeder für sich, ganz weit weg vom Herrgott sind.

Den anfänglichen Leichenschmaus in Fleissers Stück inszeniert Hölscher ohne Fraß, dafür mit Bierkrügen als statische, wohl platzierte Familienaufstellung. Da steht für einen Moment Robert Dölle als der frisch verwitwete Bitterwolf allein auf der rechten Seite, die erbschleicherische Bagage auf der linken, aber das ergibt schon ein Gleichgewicht, weil der Bitterwolf ein kräftiger Mann ist, der sich in seinem Schwerpunkt ruhend nicht vom Fleck rühren muss.

Kunstbaierisch mit tief grundierter Stimme

Dölle stanzt das Fleisschersche Kunstbaierisch mit tief grundierter Stimme brutal klar in die Luft und hat das Dörfliche eindrücklich in seinen Körper gebracht: ein Land-Patriarch ohne Gnade, aber auch ohne Hoffnung. Der ganze Einstieg ist ein von der Regie präzise rhythmisiertes Prélude aus solistischen Phrasen, ausgedehnten Pausen und schnelleren Wortwechseln.

Geduckter Dorfdepp

Weit entfernt auf der anderen Seite, als Gegenpol zum Bitterwolf steht sein Sohn Hubert in einem weißen Kleidchen, was kein Hinweis auf seine sexuelle Orientierung ist, sondern ein Affront gegen das dunkel gekleidete Umfeld. Der stark aufspielende Johannes Nussbaum gibt seiner Figur ähnlich wie Dölle in Sekundenschnelle Kontur: Wirkt Hubert mit seinen verschatteten Augen und blondierten kurzen Haaren wie ein geduckter Dorfdepp, der auch mal ausgelassen im Regen tanzt, erweist er sich als zurückhaltend-kluger, die Durchtriebenheit der anderen durchschauender Künstler in spe.

Ähnlich wie der Vater faucht der Sohn zwischendurch seine Wut heraus, sucht aber im Gegensatz zum Alten nach einer Exit-Strategie. Denn gefangen sind sie alle in der Trostlosigkeit der Landgemeinschaft, in der das Interesse am Geld regiert, wobei die (vermeintlich) finanzstärkeren Männer sich das Stoische leisten können, während die Frauen umtriebiger wirken, auf der Suche nach einem Gatten, der ihnen das Leben sichert.

Leid in dieser „beschissenen Welt“

Dass die junge Magd Annerl und Bitterwolfs Schwägerin Balbina unter starker Existenznot leiden, weshalb das Annerl den Bitterwolf in eine Heirat lockt und die Balbina mit diversen Geschäften jongliert, wird jedoch wenig spürbar. Als Balbina wirkt Katja Jung etwas zu weich, ist einfach zu wenig die raffinierte Böse, deren Machenschaften man mit Vergnügen beiwohnen könnte.

Ihren stärksten Moment hat sie dann auch, wenn sie auf schwarzen, prall mit Heu gefüllten Müllsäcken sitzend ihr Leid in dieser „beschissenen Welt“ beklagt. Auch Luana Velis changiert ein wenig unbestimmt zwischen einer, die sich von den Männern begaffen lassen muss, aber doch irgendwo eine Widerstandskraft in sich hat.

Nach dem starken Beginn geht der Inszenierung zunehmend die Genauigkeit der Positionen und Worte verloren. Fleissers Sprache, destilliert aus einer stark baierischen und einer hochdeutschen Stückfassung, klingt nicht aus jedem Schauspielermund überzeugend. Letztlich ist es ein ganz schöner Irrsinn, dieses kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieg verfasste Volksstück praktisch eins-zu-eins noch mal auf die Bühne zu setzen. Als ob das Rad der Zeit sich nicht ein wenig weitergedreht hätte.

Nur der Harley fahrende Onkel zündet gut

Auf der Palette des bisherigen Programms des Residenztheaters, die von der mitgenommenen „Basler Dramaturgie“ mitbestimmt wird, was auch bedeutet, dass einige klassische Stücke neu überschrieben und damit ins Heute transportiert werden, ist dieser „starke Stamm“ eine merkwürdig schillernde Farbe: archaisches Bauerntheater auf der bayerischen Großstadtbühne, ganz klassisch gespielt und mit einigen gelungenen Momenten des Aberwitzes.

Allein der Auftritt von Arnulf Schumacher als Harley fahrender, silbermähniger Onkel zündet gut. Der letzte Akt reißt die Spannung hoch und löst die Handlung bitterkomisch auf. Als Gewinner des Abends geht Sohn Hubert hervor. Als der von seinem finalen Glück erfährt, kratzt er sich nur ganz leicht hinten am Bein – verhalten freudiger, treffend komischer kann ein Triumph nicht sein.   

Residenztheater, wieder heute, Sa., 19.30 Uhr und So., 18.30 Uhr sowie am 2., 6., 8., 24. Februar, Karten Tel: 2185 1940

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