Seit 120 Jahren Bahnhofsmission: "Ein Ort, an dem immer jemand da ist"

Die gute Seele des Hauptbahnhofs: die Bahnhofsmission München. Foto: dpa

Ob verzweifelt, hungrig oder einsam: Seit nun 120 Jahren ist die Bahnhofsmission in München Anlaufstelle für Menschen in Not. Doch nicht nur Obdachlose holen sich Rat bei den Helfern an Gleis 11.

München - Mit Tee und einem Stück Brot an einem Tisch sitzen: Manchmal sind es einfache Dinge, die einem Menschen in Not helfen können. In der Münchner Bahnhofsmission finden die, die sonst auf der Straße und damit am Rande der Gesellschaft leben, etwas Halt. Schnell, kostenlos und unbürokratisch wird dort täglich Menschen geholfen, die aus dem Raster gefallen sind und nicht mehr wissen, wie es weitergeht - und das nun seit mehr als 120 Jahren.

Jeden Tag kommen zwischen 200 und 300 Menschen in die Einrichtung an Gleis 11 im Münchner Hauptbahnhof - wollen essen, trinken oder einfach nur etwas Ruhe. Die Mitarbeiter helfen auch immer öfter mit scheinbar Alltäglichem. "Es kommt immer darauf an, was die Leute brauchen und wollen - das kann auch einfach nur ein Gürtel sein", berichtet Barbara Thoma, eine der beiden Leiterinnen der Einrichtung. Wo die Bahnhofsmission an ihre Grenzen stößt, vermittelt sie an andere Hilfseinrichtungen weiter.

Die rund 150 Mitarbeiter, viele von ihnen ehrenamtlich, versuchen Lösungen für die Probleme aller Hilfesuchenden zu finden. Sie beraten oder hören einfach nur zu - und das rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. "Irgendwann sind die Ämter zu, aber die Bahnhofsmission hat immer auf", sagt Thoma.

"Das ist ein Dienst, den es in einer Metropole braucht"

Unterstützung brauchen nicht nur Obdachlose. Auch bestohlene Reisende, Menschen mit Suchtproblemen oder Flüchtlinge suchen Hilfe bei den Mitarbeitern in den blauen Westen und dem weißen Emblem der Bahnhofsmission darauf. Nachts können auch Frauen und Kinder unterkommen, die Schutz suchen und nicht wissen wohin. "Es gibt immer mehr Menschen, die durch alle Netze fallen, die weitergereicht werden und irgendwann bei uns landen", sagt Bettina Spahn, die ebenfalls für die Leitung der Einrichtung verantwortlich ist. Das fühle sich sehr schwierig an gerade.

Sich selbst sieht die Einrichtung auch als einen Seismographen der Gesellschaft, der zum Beispiel aufzeigt, wo noch Hilfsangebote fehlen. "Das ist schon ein Dienst, den es in so einer Metropole braucht", sagt Spahn. Das Leben sei bunt. "Probleme gehören einfach zur Gesellschaft."

Finanziert wird die Einrichtung von der evangelischen und der katholischen Kirche, der Stadt und aus Spenden. Die Deutsche Bahn stellt die Räume kostenlos zur Verfügung. Dass der Hilfebedarf da ist, zeigt auch die Statistik. 2016 suchten mehr als 100 000 Menschen Kontakt zur Bahnhofsmission, vornehmlich Männer.

Sie würden unter einem sehr, sehr hohen Druck in die Bahnhofsmission kommen, berichtet Thoma. "Auch unter psychischem Druck." Weil es immer wieder zu Übergriffen gekommen ist, auch auf Mitarbeiter, schützt nun ein privater Sicherheitsdienst die Einrichtung. "Es war sehr schwierig und sehr belastend - man hat sich einfach nicht mehr sicher gefühlt", berichtet Spahn. Um die Türe aber weiterhin ganztags offen lassen zu können, habe man sich eben für den Schutz entschieden - und das erstmal auf Dauer.

Denn "ein Ort, an dem immer jemand da ist", sei wichtig und erhaltenswert, sagt Spahn. "Ich glaube das ist gerade in unserer Zeit nicht mehr so selbstverständlich."

 

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