Am Gärtnerplatztheater "Drei Männer im Schnee": Was für eine Silvesternacht!

Wildes Ski-Ballett mit dem Graswander Toni vor dem Grand Hotel – einen Ohrwurm gibt es noch dazu. Foto: Christian Pogo Zach

Kästner-Ton und Pigor-Würze: Die Revue-Operette "Drei Männer im Schnee" am Gärtnerplatztheater.

 

München - Um so etwas zu sehen, muss ich sonst immer nach London fliegen", raunt es vom Nachbarsitz. In der Tat: Diese "Drei Männer im Schnee" sind große Unterhaltung! Die Verwechslungskomödien-Idee von Erich Kästner aus dem Jahr 1934, dargeboten als heutiges Musiktheater mit bunten Bildern, Liedern voller Witz und Würze, einer stilistisch reichen Musik, exakter Choreografie – und über allem reichlich Herz.

Man spürt noch den Spaß, den Thomas Pigor beim Verfassen der Texte für diese hinreißende Revue-Operette gehabt haben muss, und man sieht die Freude, mit der die Darsteller und Musiker zu Sache gehen. Dass gleich vier Komponisten, neben Pigor selbst Konrad Koselleck, Christoph Israel und Benedikt Eichhorn, die Musik beigesteuert haben, ergibt eine großartige Stilbandbreite.

Nazis stören nicht, sind aber unschön

Dass man kurz nach Weihnachten und Silvester auf der Bühne gleich wieder einer Weihnachtsfeier und einem Jahreswechsel beiwohnt, irritiert zunächst. Aber erstens sind die Bühnenfeste (mit Chor und Kinderchor des Gärtnerplatzes) dann doch opulenter, als es die eigenen waren, zweitens passt ein Silvesterball heute besser ins Grand Hotel als ein Lumpenball.

Lumpen kommen aber dann doch vor: Unter die Feiernden mischen sich drei Nazis mit Hakenkreuz-Armbinde. Die stören eigentlich nicht weiter, geben dem Ganzen aber fortan eine dezent unangenehme Note, weil sie einfach Teil der Gesellschaft werden. Und sie erinnern daran, dass der optimistische Ausruf "1933 wird ein gutes Jahr!" sich – jedenfalls für Nicht-Nazis – so nicht erfüllte.

Aber die eigentliche Geschichte ist die von Kästner bekannte, die bei Pigor einige Erweiterungen erfährt: Im Grand Hotel in den Alpen treffen der arbeitslose Werbefachmann Fritz Hagedorn (Armin Kahl), der für einen Millionär gehalten wird, und der Millionär Eduard Tobler (Erwin Windegger), den man für einen armen Strolch hält, aufeinander. Dazu kommen diesmal gleich diverse Liebesgeschichten.

Nebenrollen rücken in den Vordergrund

Vor allem können sich am Gärtnerplatz, anders als im Buch und im Film, die Nebenfiguren so richtig austoben: Der Portier (Eduard Wildner) darf seine ganze Falschheit und Verachtung gegenüber den Gästen im wunderbar bösen Lied "Es ist immer ein bisserl das Herz dabei" heraussingen, was durch den österreichischen Zungenschlag noch einmal ätzender wird.

Auch das übrige Personal, das sich im Stück "Grandhotel Bruckbeuren" vorstellt, ist erfrischend ehrlich: "Wir sind die Top-Spezialisten fürs Gepäck", singen zum Beispiel die Pagen, "und wenn wir Trinkgeld bekommen, dann kommt auch nichts weg." Lange im Ohr bleibt "Skifahr’n im Schnee", in dem der Graswander Toni mit seinen Schülern ein grandioses Ski-Ballett hinlegt, das am Ende etwas aus der Spur läuft.

So richtig böse wird das alles nie. Kästner-Fans können sich wohlig ins vertraute Textpolster fallen lassen (das gilt auch für die sehr schöne Bühne von Rainer Sinell und die Kostüme von Dagmar Morell).

Frauenfiguren aufgewertet

Nur ab und zu erlaubt Pigor sich sanfte Übertreibungen. Die liebestolle Frau Calabré (Sigrid Hauser), die sich immer an ihre jeweiligen Männer anpasst, lässt er sich auch zur Krähe machen. Und die Hauptfigur, Fritz Hagedorn, ist nicht nur wie bei Kästner Werbefachmann, sondern auch Erfinder, unter anderem des Rollkoffers. Eine ebenso gute wie notwendige Entscheidung war es, die Frauenfiguren aufzuwerten.

Da hat sich seit den 1930ern ja doch einiges getan. Die Millionärstochter Hilde (Julia Klotz) muss also nicht nur darauf warten, geheiratet zu werden, sondern sie darf als kluge Unternehmerin neben ihrem Vater auftreten. Und die Haushälterin Kunkel ist nicht nur die Watschenfigur – sondern die Geliebte des Millionärs Tobler!

Drei Stunden Spaß

Der Hauptunterschied zur literarischen Vorlage ist die sehr, sehr wilde Silvesternacht, die alles auf den Kopf stellt und allerlei erotische Abenteuer nach sich zieht. Aus einem Zimmer quellen am Morgen danach gut zwei Dutzend Partygäste – bei der Feier wäre man gern dabeigewesen. Und es kommt zu Paarungen, die bei Kästner kaum möglich waren. So findet der Kammerdiener Kesselhuth, der dritte Mann im Schnee, sein homoerotisches Glück – gemeinsam träumt man vom Berliner Nollendorfplatz.

Die Drehbühne ist im ersten Akt Weihnachtsfeier-Saal, Hotelvorplatz und Lobby. Durchs Fenster strahlen im Hintergrund die schneebedeckten Gipfel so schön, dass man gleich seine Wanderstiefel schnüren möchte.

Im zweiten Akt geht es auch hinauf auf den Wolkenstein. Es gibt eine anstrengende und eine romantische Gondelfahrt und am Ende überraschenden Besuch. Das hat dann nichts mehr mit Kästner zu tun. Es macht aber, wie der ganze dreistündige Abend, sehr viel Spaß.


Gärtnerplatztheater, am 9. und 28.2. (19.30 Uhr) und im März, Karten unter der Telefonnummer 21 85 19 60

 

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