Alte Eisenbahnersiedlung Hunderte Wohnungen in Gefahr: Neuhausen wehrt sich

Einer der betroffenen Genossenschaftsblocks von der Donnersbergerstraße aus gesehen. Vincent Münscher und Petra Kozojed (kleines Bild) wehren sich gegen den Verkauf. Foto: my

Hunderte alte Eisenbahnerwohnungen in Neuhausen sind von Verkauf bedroht. Doch in der Nachbarschaft regt sich Widerstand.

Neuhausen - Mit 30 hatten sie gerechnet, mindestens 100 Menschen sind gekommen. Petra Kozojed und Vincent Münscher sind sichtlich überwältigt, vom Menschenauflauf rund um Kozojeds kleinen Friseursalon in der sonst sehr ruhigen Wohngegend mitten in Neuhausen.

So viel Zulauf, das gebe den Menschen Hoffnung, sagt Münscher. Der Anlass: Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek und die Vorsitzende der Landtagsfraktion, Katharina Schulze, waren gekommen, außerdem Mitglieder des Bezirksausschusses rund um die Vorsitzende Anna Hanusch (Grüne).

Für hunderte Wohnungen endet die Erbpacht

In den zwei Wohnblöcken zwischen der Donnersberger-, Schlör-, Schluder- und Sedlmayrstraße geht die Angst um: Die Erbpacht für die Grundstücke, auf denen die Wohnhäuser, Baujahr 1908, mit 503 Wohnungen stehen, läuft aus, weil die Genossenschaft die veranschlagte Kaufsumme von 168 Millionen Euro nicht aufbringen kann, droht der Verkauf (AZ berichtete). Der Grund gehört dem Bundeseisenbahnvermögen, das ist verpflichtet, meistbietend zu verkaufen.

Der Preis kam durch ein Gutachten zustande, bei dem auch die Möglichkeit der baulichen Verdichtung berücksichtigt wurde. "Dann würden hier 800 bis 900 Wohnungen drauf gehen", sagt Roland Beck, einer der Vorstände der betroffenen Genossenschaft, der EBG München-West.

Deren Problem ist kein Einzelschicksal. Allein in der näheren Umgebung sitzen neun Genossenschaften, in München gibt es elf Eisenbahngenossenschaften, mit 3.000 Wohnungen, schätzt Beck. Eine benachbarte weitere Eisenbahnergenossenschaft habe sogar 1.500 Wohnungen auf Erpachtgrundstücken.

Eine Mietergemeinschaft wurde gegründet

Die Neuhauser haben eine Mietergemeinschaft gegründet, um die Öffentlichkeit, die Genossen, aber vor allem die Politik, die hier eingreifen könnte, aufmerksam zu machen. Mit dabei: Petra Kozojed und und Vincent Münscher. "Es war gar nicht so einfach die Leute zu motivieren", erzählt Kozojed.

Doch sie blieben dran, denn es geht um viel: Die Mieter in der Genossenschaft zahlen im Durchschnitt neun Euro pro Quadratmeter, werden die Häuser privatisiert oder sogar durch Neubauten ersetzt, sähe das sicherlich anders aus. "Wenn die Genossenschaften hier wegbrechen, gibt es dieses Viertel nicht mehr", sagt ein Nachbar, der selbst gar nicht betroffen ist. Wie viele fürchtet er die Strahlkraft, die teurerer Wohnraum hier auf den Rest des Viertels hätte.

Ein Brief an die Bundesregierung

Im Kampf um die günstigen Wohnungen hat der Bezirksausschuss im März einen Brief an Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) geschrieben – bisher ohne Antwort. Als erste Maßnahme will man die Erhaltungssatzung auf das betroffene Gebiet erweitern, um wenigstens etwas Schutz zu bieten.

Auch die Grünen haben im Mai an Scheuer geschrieben. Schulze erinnert all das an den Verkauf der GBW-Wohnungen. Ein solcher Skandal dürfe sich nicht wiederholen. Die Mieterinitiative hat derweil Unterschriften gesammelt: 1.800 Unterschriften auf Papier, nun ist eine Online-Petition gestartet.

Die Politiker vor Ort sind sich derweil einig, Gesetze könne man ändern, bleibt nur die Frage, ob und wie schnell die Bundesebene Handlungsbedarf sieht. Die Neuhauser kämpfen weiter.

 

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