Als Tod und Elend kamen Relikte in München: Der Prager Fenstersturz jährt sich zum 400. Mal

Ein Stich aus dem Jahr 1632 zeigt, wie die Schweden vor den Toren Münchens lagern. Im Hintergrund brennende Dörfer imUmland. Foto: Stadtarchiv

Nach dem Prager Fenstersturz vom 23. Mai 1618 kommen Leid und Tod über Europa - auch in München bleiben Spuren davon zurück. Ein Blick auf Überbleibsel des größten Konfliktes der Frühen Neuzeit in der bayerischen Landeshauptstadt.

 

München - Lange Zeit bleiben die Münchner vom größten Konflikt der Frühen Neuzeit auf deutschem Boden verschont. Der 30-jährige Krieg (1618-1648) beginnt für sie weit weg – in Böhmen.

Dorthin lässt der bayerische Kurfürst Maximilian I. von Bayern (1573-1651), ein gläubiger Katholik und früherer Jesuitenschüler, seine Soldaten entsenden. Sie sollen die kaiserliche Armee des Gegenreformators Ferdinand II. (1578-1637) im Streit um die Religionshoheit und damit die Vorherrschaft im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen unterstützen. Diese zunächst lokal-ständische Auseinandersetzung bringt rasch die gesamteuropäische Ordnung aus den Fugen. Katholiken und Protestanten ringen auf deutschem Boden um die Macht.

Nacheinander greifen Spanien, die Niederlande, Dänemark, Schweden und Frankreich in das Geschehen ein. Maximilians Katholische Liga verliert an der Front Schlacht um Schlacht. Im April 1632 dringt der schwedische König Gustav Adolf II. (1594-1632) immer weiter nach Bayern vor. Bei Rain am Lech erringt er einen entscheidenden Sieg gegen die kaiserlichen Truppen. Damit ist für ihn der Weg nach Süddeutschland offen. Gustav Adolf besetzt das Ammerseegebiet und marschiert am 16. Mai 1632, vierzehn Jahre nach Beginn des 30-jährigen Krieges, gen München. Es ist ein Pfingstsonntag. Einen Tag später überreichen die Stadtväter Gustav Adolf kampflos am Gasteig die Stadtschlüssel.

Hungersnöte und Seuchen entvölkern ganze Landstriche. Im Oktober 1648 endet der Krieg in Deutschland. Bayern hat die Kurwürde wiedererlangt (1632) sowie die Oberpfalz zurück. Doch die Schrecken des Krieges bleiben tief im kollektiven Gedächtnis verankert.

Auch heute sind in München Spuren des Dreißigjährigen Krieges zu finden:

Die Mariensäule am Marienplatz - ein Denkmal der Dankbarkeit

Es ist ein Gelübde, dem die Münchner ihr Wahrzeichen auf dem Marienplatz zu verdanken haben. Ein "gottgefälliges Werk" will Kurfürst Maximilian I. tun, wenn München und Landshut vom Krieg verschont werden.

Der bayerische Herrscher hält Wort. Im Winter 1638 lässt er die Stele aus Adneter Marmor auf dem Platz errichten. Dabei soll er ein neulateinisches Fürbittengebet von Jakob Balde gesprochen haben: "Die Sach’ und den Herrn, die Ordnung, das Land und die Religion erhalte deinen Bayern, Jungfrau Maria!"

Auf der Säule steht eine vergoldete Marienstatue aus Bronze, von vier Heldenputti auf dem Sockel flankiert. Sie sollen die vier großen Plagen der Zeit veranschaulichen: Der Drache steht für den Hunger, der Löwe für den Krieg, der Basilisk für die Pest und die Schlange für den Unglauben. Auf einer Mondsichel stehend hält die Maria das Jesuskind im Arm.

Dass München im Krieg nicht zerstört wurde, hat einen sehr profanen Grund: Für seine "Milde" während der Besetzung der Stadt 1632 verlangt der Schwedenkönig Gustav Adolf II. Geld. 300.000 Reichstaler sollen die Münchner zahlen. Ein Drittel der Summe können sie auftreiben. 42 Geiseln verschleppt er deshalb als Faustpfand nach Augsburg. Erst drei Jahre später kommen sie wieder frei, obwohl sich Gustav Adolf schon lange zuvor wieder zurückgezogen hat.

Die Pest bricht aus - der Südfriedhof wächst

Für die schwedischen Soldaten ist der Bereich innerhalb der Stadtmauern zwar tabu, vor der Stadtgrenze geht es umso wilder zu: Soldaten ziehen marodierend durch die Vorstädte. Aubing brennt, Neuhauser Bauernhöfe werden geplündert – in der Au und Haidhausen lässt sich ein Großteil der Besatzer durchfüttern.

Doch das Schlimmste steht der Bevölkerung erst noch bevor: Mit dem Krieg ziehen auch die Seuchen ein. 1634 bricht in Bayern die Pest aus, eingeschleppt von spanischen Truppen, die München vor den Schweden beschützen sollten.

Auch Ruhr, Pocken und Skorbut raffen die Bevölkerung dahin. Ein Jahr später ist nahezu ein Drittel von Münchens Bewohnern tot. Beerdigt werden sie außerhalb der Stadt auf dem Alten Südfriedhof, Münchens Pestfriedhof seit dem Jahr 1563.

Die Karmeliterkirche am Promenadenplatz

Die Reformationszeit bringt die Glaubensbrüder des Karmeliten-Ordens in Bedrängnis. Viele erhalten keine Almosen mehr und sind in existenzieller Not. Im November 1629 wird die erste Niederlassung der Karmeliten in München bewilligt. Der Freisinger Bischof weist ihnen die "Nikolauskapelle" im Kreuzviertel zu. Diese wird bald abgerissen. Für einen Sieg bei der "Schlacht am Weißen Berg" im Jahr 1620 nahe Prag verspricht Kurfürst Maximilian der Gemeinschaft eine neue. 1656 wird sie gebaut. Sie ist Münchens erste Barockkirche.

Notstand führt zum Aufstieg des Bieres

Es ist kaum vorstellbar, aber vor dem 30-jährigen Krieg herrscht in München Biermangel!

Weil der bayerische Hof das Getränk massenweise aus Hannover importieren muss, lässt Herzog Wilhelm V. 1591 am Platzl sein Hofbräuhaus bauen. Mit dem Verkauf des Hofbräus kann sein Sohn, Kurfürst Maximilian, später einen Großteil der Kosten des Jahrzehnte währenden Krieges decken.

Durch die Verwüstungen auf deutschem Boden sind viele der prestigeträchtigen norddeutschen Brauereien zerstört. In Süddeutschland haben Brände die Weinberge verwüstet. Da frisch angelegtes Rebland lange braucht, bis gute Erträge erzielt werden, entscheiden sich viele Weinbauern gegen einen Wiederaufbau – die Blütezeit der Brauereien beginnt. 100 Jahre nach dem Krieg gibt es in München 67 Brauereien.

Münchens Stadtmauer - ein Wall gegen Feinde

Seit Mitte des 12. Jahrhunderts hat München eine Stadtmauer. Später kommt bis 1337 eine zweite dazu. Doch den militärischen Anforderungen der Frühen Neuzeit sind die Mauern nicht mehr gewachsen.

Nach Ausbruch des 30-jährigen Kriegs wird ein Festungsring mit Bastionen um die Stadt gelegt. Erdwall und breiter Graben davor werden Ende des 18. Jahrhunderts abgetragen. Die Erhebung im Finanzgarten ist sein letzter sichtbarer Rest.

 

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