Als blinde Passagiere nach Deutschland Migranten auf Güterzügen: Endstation Rosenheim

 Foto: Bundespolizei Rosenheim

Trotz Lebensgefahr versuchen Hunderte Migranten, auf Güterzügen nach München einzureisen. Die Polizei versucht, sie schon davor zu stoppen.

 

München - Aus der Dunkelheit im Innern des Sattelschleppers tritt einer nach dem anderen blinzelnd in den nebligen Morgen. Sam, der kleinste und zierlichste der elf jungen Männer, ist der Erste. Zögerlich geht er auf die Polizisten zu. Mit erhobenen Händen – obwohl ihn niemand dazu aufgefordert hat. Der 19-Jährige hat offenbar Angst, dass sie auf ihn schießen könnten.

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Doch niemand hat eine Waffe gezogen. In gelben Warnwesten stehen die Polizisten um die Schwarzafrikaner herum. Kaum einer spricht. Die Szene neben Gleis 7 im Rosenheimer Bahnhof am Dienstag läuft vollkommen ruhig ab. Die Stille ist gespenstisch. Für die jungen Männer aus Afrika ist hier erst mal Endstation. Sie schauen unsicher.

Für die Bundespolizisten ist der Aufgriff von Einwanderern Routine. Schon lange. Bis Anfang November war die Inspektion Rosenheim für 200 Bahnhöfe in Südbayern zuständig sowie für den Großteil des Gebiets an einem 645 Kilometer langen Grenzabschnitt zu Österreich. Erst vor Kurzem wurde umstrukturiert, der riesige Bereich auf drei Inspektionen verteilt.

2015 und bis Februar 2016 war die Zahl der Aufgriffe noch fünfstellig: Bis zu 50.000 Migranten kamen jeden Monat, im Februar vergangenen Jahres waren es immerhin noch 20.000. Seit der Schließung der Balkan-Route und nach dem Flüchtlingsabkommen mit der Türkei ist die Zahl stark zurückgegangen. Zur Zeit werden an der Grenze zu Österreich monatlich noch durchschnittlich 1000 Menschen aufgegriffen, die illegal einreisen.

Seit etwa einem Jahr fällt auf, dass immer mehr versuchen, als blinde Passagiere auf Güterzügen aus Italien nach Deutschland zu kommen. Es sind meist junge Männer aus Nigeria, Eritrea, Guinea und Gambia. Insgesamt 950 Güterzug-Migranten wurden 2017 in Bayern entdeckt. 321 waren es in Rosenheim, knapp 600 in München.

Wenn es die blinden Passagiere bis nach München schaffen und in den Rangierbahnhöfen Nord und Ost oder in Laim oder Grafing aus ihren Verstecken klettern, kommt es vor, dass dies Auswirkungen auf den gesamten Bahn- und S-Bahnverkehr hat. "Wenn Personen im Gleis sind, muss gesperrt werden", sagt Bundespolizeisprecher Wolfgang Hauner. "Die Sicherheit und das Leben der Menschen geht vor."

"40 bis 50 Prozent geben keinen Schutz- und Asylgrund an"

Für die Migranten ist es ein lebensgefährliches Unterfangen mit wenig Erfolgsaussicht. Fast die Hälfte derer, die aufgegriffen werden, muss Deutschland am selben oder spätestens am nächsten Tag wieder verlassen. "Sie werden den österreichischen Behörden überstellt", sagt Rainer Scharf, Sprecher der Bundespolizei in Rosenheim.

Denn: "40 bis 50 Prozent geben keinen Schutz- und Asylgrund an." Viele dieser Migranten treibt einfach die Hoffnung auf ein besseres Leben nach Deutschland. "Sie geben an, dass es ihnen in Italien nicht gefällt. Oder dass sie hier eine Ausbildung machen wollen", sagt Rainer Scharf. Dafür riskieren sie ihr Leben.

Wenn sie wie Sam übers Dach eines Sattelschleppers auf einem Zug klettern, kann sie ein Überschlag aus den 10.000-Volt-Oberleitungen verbrennen. Wenn sie sich unter den Lastern verstecken, können sie auf die Gleise rutschen und unter die Räder geraten. Zwei Männer kamen so 2017 in Bayern ums Leben.

Jetzt im Winter droht außerdem der Kältetod – nicht nur bei der Fahrt über den Brenner. Dienstagfrüh zeigt das Thermometer in Rosenheim ein Grad unter Null. Sam schlottert vor Kälte. Er trägt zwar eine Daunenjacke, aber darunter hat er nur ein T-Shirt und einen Kapuzenpulli an. Dazu trägt er Jeans und Turnschuhe. Der 19-Jährige hat elf Stunden in einem ungeheizten Laster hinter sich. In Verona seien sie auf den Zug geklettert, erzählt er auf Englisch.

Sam berichtet der AZ, dass er aus Bakau in Gambia stamme. Sein Vater, ein regimekritischer Journalist, sei ermordet worden. Bereits seit Mai 2016 ist Sam auf der Flucht. Der 19-Jährige reiste von Westafrika allein nach Libyen, erreichte auf einem Flüchtlingsboot Sizilien. Warum will er ausgerechnet nach Deutschland? "Ich will eine bessere Zukunft haben", sagt er. Und: "Ich will Fußballer werden!" In Norditalien sind er und die anderen jungen Männer auf den Laster geklettert und haben die Plane aufgeschlitzt. Die Polizei vermutet, dass Schleuser dahinter stecken.

Auch Hubschrauber sind im Einsatz

Das zerrissene Dach des Lasters bringt die Beamten in Rosenheim auf die Spur. Denn bei den stichprobenartigen Kontrollen, die regelmäßig stattfinden, ist auch ein Hubschrauber im Einsatz. Zuerst werden die Güterzüge von oben angeschaut.

Allerdings gibt es Verstecke, die sogar der Wärmebildkamera verborgen bleiben. Deshalb werden auch Züge außerplanmäßig gestoppt, die zunächst unauffällig erscheinen. Die Beamten gehen an den mehrere hundert Meter langen Zügen entlang, leuchten mit Taschenlampen in die Hohlräume, prüfen Verplombungen und Laderäume. "Alle Güterzüge können wir nicht stoppen, dann käme der Güterverkehr zwischen Italien und Deutschland komplett zum Erliegen", sagt Rainer Scharf.

Sam und die anderen werden von den Polizisten in einen Container neben dem Bahnhofsgebäude geführt. Die jungen Männer setzen sich schweigend nebeneinander auf eine Bierbank und beobachten, was nun passiert. Polizeihauptmeister Markus Uhlenbrock (43) schaltet den Wasserkocher ein. Erst einmal gibt es einen heißen Tee im Pappbecher für alle.

Danach müssen sich die Afrikaner in einer Kabine hinter einem orangefarbenen Vorhang durchsuchen lassen. Handy, Papiere, Geld – alles kommt in einen durchsichtigen Plastikbeutel. Oberkommissar Mario Boh malt mit einem blauen Filzstift zwölf Mal das Mann-Symbol auf die Beutel und schreibt eine Buchstaben-Zahlen-Kombination darauf. Dann bekommt jeder ein grünes Bändchen ums Handgelenk mit seiner Nummer. "Damit wir die Sachen zuordnen können", sagt Boh.

Zweieinhalb Stunden, nachdem der Zug gestoppt wurde, sitzt Sam in einem silbergrauen Polizeibus. Er lächelt hinter der Scheibe. Ihm ist wieder warm. Und er ist voller Hoffnung. Der Bus bringt ihn zur Inspektion in die Burgfriedstraße. Dort werden seine Fingerabdrücke genommen und abgeglichen: Ob er schon mal als Straftäter aktenkundig geworden ist und ob er in der EU bereits registriert wurde. Dann wird er ausführlich mit einem Dolmetscher befragt: zu seiner Reiseroute, Schleusern, seinen Beweggründen.

Auf der Inspektion entscheidet sich auch, ob Sam vorerst bleiben darf in Deutschland. Und tatsächlich: Während allen anderen Erwachsenen aus der Gruppe die Einreise verweigert wird, da sie nicht um Schutz oder Asyl bitten, geht es für Sam weiter zum Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Dass er Profi-Fußballer werden will, ist kein Asylgrund. Was seinem Vater und seiner Familie widerfahren ist, schon.

Lesen Sie hier: Bayernpartei fordert Güterzug-Kontrollen vor Stammstrecke

 

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