Alligator-Schildkröte "Lotti" Oggenrieder Weiher: Monster-Jagd am Badesee

Suche nach einer Alligator-Schildkröte: Die Bevölkerung verfolgt die Suchaktion der Einsatzkräfte ganz genau. Foto: Irene Kleber

Einem Bub (8) wird beim Baden die Achillessehne zweimal durchgebissen. Nun läuft die Suche nach dem gefährlichen Tier. Der See wird trocken gelegt, viele Helfer machen mit, der Bürgermeister betet.

 

Der Karpfen schnappt mit seinen schwabbeligen Lippen aus dem morastigen Wasser des Oggenrieder Weihers. Ein Raunen geht durch die Menge. „Da isses!“, ruft wer. Tuscheln. Dann Kopfschütteln. Das ist nicht das Viech.

Der Karpfen taucht ab, die Touristen, die Fischer, die Bewohner, die Gemeinderäte und der Bürgermeister von Irsee (Kreis Ostallgäu) bleiben ratlos zurück. Wo ist diese verdammte Schildkröte? Einige Kinder haben sie „Lotti“ genannt, andere sprechen vom „Monster“, aber niemand hat sie oder es gesehen.

Nur der kleine Andreas R. (8) hat sie gespürt. Seitdem sind die Ferien für ihn vorbei. Am vergangenen Montag stand der blonde Bub aus Bonn im brusthohen Wasser an der Nordseite des Weihers. Plötzlich schreit er: „Mich hat was gebissen.“ Seine Mutter bringt ihn nach Kaufbeuren. Dort stellt ein Arzt fest: Andreas’ Achillessehne ist zweimal durchtrennt. Jetzt muss er sechs Wochen einen Streckverband tragen und darf den Fuß ein halbes Jahr lang nicht belasten.

Der Arzt glaubt zuerst, dass Andreas sich an einer Glasscherbe geschnitten hat – hat dann aber Zweifel. Er recherchiert die halbe Nacht im Internet. Am Morgen ruft er Irsees Bürgermeister Andreas Lieb an und sagt: „Ihr habt da ein komisches Tier im Wasser.“

Was für ein Tier das ist, stellt ein Experte der Reptilienauffangstation in München fest. Anhand von Fotos der Bisse geht er von einer Schnapp- oder Geierschildkröte aus. Etwa 40 Zentimeter groß und 14 Kilo schwer.

Sonntag, 13.45 Uhr: Der fußballfeldgroße Weiher ist nur noch eine 30 Meter große Pfütze. Hier am Nordende lassen sie den See am Krebsbach ab. Ein dünner Ast ragt senkrecht aus dem 80 Zentimeter flachen Wasser, ein gelber Ball schwimmt noch drin, daneben eine einsame Entendame, darunter der Karpfen.

Im Schlamm stehen 15 Mitglieder des Fischervereins Kaufbeuren. Ihr Plan: Sie engen die Schildkröte ein. Ist es eine Geierschildkröte, bleibt sie im Schlamm – und sie fangen sie.

Ist es eine Schnappschildkröte, wird sie eventuell flüchten – „und zwar ziemlich schnell“, sagt Obergewässerwart Stefan Weser. Das alles hat er jedenfalls im Internet bei Wikipedia gelesen. Weser ist kein Experte. Für alle hier ist es die erste Monsterschildkrötenjagd.

Wesers Leute sind für den kleinen Badeweiher nicht mal zuständig, helfen aber gern: „Wir machen das aus Nächstenliebe“, sagt er. 1,5 Tonnen Fische tummeln sich hier im Wasser, bis zu 1000 Spiegelkarpfen, Graskarpfen, Rotfedern. Dazu Muscheln und tausende Süßwasserkrebse. Es wäre bitter, wenn die sterben.

Am späten Nachmittag wollen die Fischer sie deshalb mit Keschern und Körben herausschöpfen und in Kanistern zum Nachbarweiher bringen. Weser glaubt, dass viele Fische das nicht überleben werden. Für so eine Aktion sei es „viel zu warm“.

Bürgermeister Andreas Lieb sorgt sich eher um den Tourismus. Für den sei das Ganze „eine Katastrophe“, sagt er. Wasser ablassen, Badeverbot – und das mitten zur Ferienzeit. Viele Kinder meckern, dass sie jetzt ins Freibad müssen, manche Touristen sind verärgert: „Ich war immer morgens und abends hier schwimmen“, sagt etwa Sonja Schnappinger aus München. „Ich finde es ganz schlimm, dass ich hier nicht mehr reingehen darf.“ Dabei sei die Kröte gar nicht so gefährlich: „Ich glaube, die greifen nur an, wenn man steht und nicht, wenn man schwimmt.“

Bürgermeister Lieb geht lieber kein Risiko ein. „Mei, ich hoffe, dass wir das Viech finden, furchtbar, wenn das nochmal zubeißt.“ „Lotti“ erinnert ihn an das Ungeheuer von Loch Ness. Obwohl: Da gab’s zwar ein Ungeheuer, aber keinen Verletzten. „Wir haben einen Verletzten, aber kein Ungeheuer“, sagt Lieb.

Am Sonntagmorgen war er extra im Gottesdienst, oben in der Klosterkirche von Irsee: „Da hab’ ich um göttlichen Beistand gebeten. Vielleicht hilft’s. Eine Schutzheilige haben wir ja, die Heilige Kreszentia aus Kaufbeuren.“

Wie die Schildkröte in den Weiher gekommen ist, sei klar: „Die kann nur einer eingesetzt haben“, sagt der Bürgermeister. Der Eindringling werde jedenfalls nicht hier bleiben, die Schildkröte soll zur Reptilienauffangstation nach München. Wenn sie sie denn schnappen.

Am späten Nachmittag sieht’s nicht danach aus. Die Suche wird abgebrochen. In der Nacht sollen Polizei und Feuerwehr mit Scheinwerfern patrouillieren. Heute sollen Reptilien-Experten kommen und die vielversprechendsten Aufenthaltsorte der Schildkröte lokalisieren. Fischer Stefan Weser glaubt nicht, dass sie sich von ihnen fangen lässt. „Die ist tief im Schlamm“, sagt er. „Oder längst abgehauen.“

 

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