Al-Kaida 2.0? So verändert der IS seine Terror-Strategie

Abu Bakr al-Bagdadi ist der Anführer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) Foto: dpa

Bei Anschlägen in drei Ländern sterben mehr als 200 Menschen - für alle Angriffe will der IS verantwortlich sein. Die Taten stünden für einen neuen Dschihad nach dem Vorbild des Erzfeindes Al-Kaida.

 

Kairo - Der Islamische Staat (IS) ist überall. Oder behauptet es zumindest: Die Terrormiliz will gleich mehrere verheerende Anschläge der vergangenen Woche verantwortet haben. 21 Tote bei einer Schießerei im tunesischen Nationalmuseum, 45 Tote bei zwei Bombenanschlägen auf kurdische Feiern in Nordsyrien und mindestens 137 Tote nach Selbstmordattentaten auf Moscheen im Jemen - das ist die Bilanz der "Ritter des Kalifats", wie der IS die Angreifer in seinen im Internet veröffentlichten Audiobotschaften nennt.

Die Miliz kämpft eigentlich im Irak und in Syrien. Im vergangenen Sommer hatte sie in Teilen der Länder ein "Kalifat" ausgerufen, ihr Anführer Abu Bakr al-Bagdadi lässt sich seither als "Kalif" anreden.

Doch das Kalifat bröckelt. Luftschläge der von den USA angeführten Allianz machen den Dschihadisten ein freies Bewegen in ihren Gebieten fast unmöglich. Koordinierte Angriffe der irakischen Armee und kurdischer Kämpfer schlagen den IS im Irak nach lokalen Medienberichten langsam aber stetig zurück. Beobachter berichten von Fahnenflüchtigen und schwindender Kampfesmoral im Gottesstaat.

Der IS scheint daher eine neue Strategie zu fahren. Mit Angriffen außerhalb des "Kalifats" wollen die Dschihadisten ihren Terror exportieren - Angst und Schrecken über das Kalifat hinaus, als seien seine Grenzen schon jetzt universell.

Tatsächlich verrät der IS so seinen Gründungsmythos. Al-Bagdadi schuf die Miliz aus einem irakischen Ableger des Terrornetzes Al-Kaida. Doch statt mit spektakulären Anschlägen wie denen auf das World Trade Center in New York schrecken zu verbreiten, träumte Al-Bagdadi von einem Terrorkampf, der einen tatsächlichen Staat hervorbringt: sein Kalifat, eine muslimische Utopie für Gotteskrieger aus aller Welt.

Dafür waren Al-Bagdadi auch brutalste Mittel recht - Enthauptungen, öffentliche Kreuzigungen, Verbrennungen. Als Al-Kaida-Chef Aiman al-Sawahiri versuchte, den Iraker an die kurze Leine zu nehmen, antwortete Al-Bagdadi in einer im Internet veröffentlichen Botschaft nur: "Ich muss mich zwischen den Regeln Gottes und denen Al-Sawahiris entscheiden, und ich wähle die Regeln Gottes."

Mit der Ausrufung seines Kalifats begeisterte Al-Bagdadi nach Meinung von Experten Kämpfer, wie es Al-Kaida lange nicht vermochte. Die Dschihadisten seien gerade dort erfolgreich, wo Staaten der Zerfall droht, sagt der IS-Experte Behnam Said. Sie hätten Kämpfern "eine relativ stabile Herrschaft und die Bereitstellung staatlicher Leistungen" geboten, als Damaskus und Bagdad scheiterten.

Doch je mehr Kämpfer die Miliz begeistert, desto skrupelloser muss sie ihre Eroberungen behaupten. "Erhalten und Erweitern" ist die ausgerufene Doktrin Al-Bagdadis für sein Staatsgebiet.

Der IS stellte zunächst mehr und mehr Horrorvideos ins Internet, eine Inszenierung, die dem von der Miliz geforderten strikten Bilderverbot eigentlich zuwiderläuft. Nun gründet er über sein Kalifat hinaus neue "Provinzen" - und wird so mehr zu dem losen Netzwerk, wie Al-Bagdadi es bei Al-Kaida einst verachtete. In Ägypten und Libyen wurden bereits Ableger des IS ausgerufen, die Angriffe in Tunesien und im Jemen sollen die Illusion des Staates nun noch weiter ausbauen.

Dschihadismus-Forscher Aaron Zelin vom Washington Institute sieht in dem neuen Netzwerk eine größere Gefahr, als sie Al-Kaidas Netzwerk einst darstellte. Zwar seien die Provinzen bislang kaum der Rede wert, jedoch nutze der IS sie bereits jetzt in Videos für Propagandazwecke. Das "Erhalten und Erweitern" des IS sei so zwar eine gefühlte Wirklichkeit. Aber allein die reiche, um Gotteskrieger aus aller Welt in ihrem Fanatismus zu bestärken.

So mag Al-Bagdadis Staat eine Utopie sein - sein Traum vom Terror ist es nicht.

 

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