Aktive Sterbehilfe Immer mehr Belgier wünschen sich den Tod

Der Großteil der Todkranken in Belgien stirbt zu Hause oder in den wenigen palliativen Einrichtungen des Landes. Foto: Sebastian Kahnert/dpa

In Belgien wollen viele Menschen ihrem Leben selbstbestimmt ein Ende setzen. Das löst erneut eine Debatte um die aktive Sterbehilfe aus

 

Brüssel - Es war Nathalies Geschichte, die vor zwei Jahren die Menschen anrührte. Das 14-jährige Mädchen in einem Krankenhaus bei Brüssel litt an einem Gehirntumor. Ihren Arzt hatte sie damals gebeten: „Bitte mach, dass der Engel kommt und mich holt.“ Mediziner, Politiker und Öffentlichkeit entschlossen sich zu einem Schritt, den kein anderes Land wagte: Seit 2014 ist in Belgien die Tötung auf Verlangen auch an Kindern möglich. Im September dieses Jahres wurde sie zum ersten Mal praktiziert. Nathalie starb übrigens eines natürlichen Todes, nur wenige Tage nach ihrer Bitte.

Im Land mit der liberalsten Sterbehilfe-Regelung der Welt wird nun wieder diskutiert, seitdem die „Staatliche Kommission zur Überwachung der Euthanasie“ vor wenigen Tagen ihren Bericht für 2015 vorgelegt hat: 2022 Menschen starben, weil sie darum gebeten hatten. Die meisten waren zwischen 39 und 79 Jahre alt. Der Großteil (fast 68 Prozent) konnte oder wollte die Folgen einer Krebserkrankung nicht mehr aushalten, schwere Nervenkrankheiten (6,7 Prozent) stellten den zweitwichtigsten Grund für den Wunsch nach dem Tod dar.

1,8 Prozent der Todesfälle in Belgien geschahen durch die aktive Sterbehilfe. Das mag nicht viel erscheinen. Für die Gegner aber ist das Grund genug, erneut zu fragen, ob das nicht doch jener Dammbruch ist, den viele befürchteten, als der Gesetzgeber den Weg zum Tod eröffnete – wenn auch unter strengen Auflagen.

„Sterbehilfe wird immer breiter akzeptiert.“

„Die absoluten Zahlen belegen keinen Dammbruch“, sagt Professor Lukas Radbruch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, der AZ. „Dennoch lässt er sich an vielen einzelnen Faktoren erahnen.“ Der Anteil der Demenzkranken, die in Belgien um eine tödliche Medikamentendosis bitten, sei deutlich angestiegen. „In diesem Jahr wurde zum ersten Mal auch bei einem Kind Sterbehilfe vollzogen. Der Kreis derer, die keine Hilfe finden, weitet sich aus. Das ist ein Alarmzeichen.“

Für den Chef der deutschen Palliativ-Gesellschaft heißt das: „Sterbehilfe wird immer breiter akzeptiert.“ Das eigentlich strikte System einer Kommission aus Ärzten, Theologen und Ethikern sowie anderen Fachleute, die in Belgien jeden Fall überprüfen und den eigenen, selbstverantwortlichen Wunsch des Patienten verifizieren müssen, „funktioniert nicht“, sagt Radbruch. „Es wird selten nachträglich kontrolliert oder gar verfolgt.“

Tatsächlich, so heißt es aus den Reihen der Sterbehilfe-Gegner in Belgien, habe man nur einen ungenauen Überblick, weil nicht einmal die Hälfte der erfassten Fälle in Krankenhäusern stattfänden. Der weitaus größere Teil der Todkranken stirbt zu Hause oder in den wenigen palliativen Einrichtungen. So sind es nicht wenige, die in Belgien und darüber hinaus zu dem Schluss kommen, mit der aktiven Sterbehilfe schaffe man einen zu leichten Ausweg für jene, denen auch anders und besser geholfen werden könnte.

 

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