Ahmad Mansour im AZ-Interview Psychologe: So tickt die Generation Allah

Eine Aufnahme, die Sorgen bereitet: Muslimische Jugendliche jubeln in Frankfurt am Main einem salafistischen Prediger zu. Foto: dpa

Der Psychologe Ahmad Mansour, ein in Berlin lebender arabischer Israeli, hat ein Buch über die „Generation Allah“ verfasst. Hier spricht er über unterschätzte Gefahren, konservative Islamverbände und Unterrichtseinheiten, die nicht jeden erreichen.

 

AZ: Herr Mansour, wer ist die „Generation Allah“?

Das sind ganz viele Jugendliche, die in Deutschland leben und zwar nicht radikal und gewalttätig sind, aber freiheits- und demokratiefeindlichen Ideologien anhängen. Sie pflegen antisemitische Einstellungen und problematische Frauenbilder, glauben an einen strafenden Gott, hinterfragen ihre Religion nicht und sind anfällig für Verschwörungstheorien.

Wer sind die Schuldigen in diesen Verschwörungstheorien?

In der Mehrheit der Fälle die Juden, aber auch der Westen, die Amerikaner, die Europäer. Diese Generation ist sehr anfällig für einfache Erklärungen einer komplizierten Welt.

Deutschland verdrängt die Gefahr, die von muslimischen Extremisten ausgeht, schreiben Sie.

Wir beschäftigen uns nur mit jenen, die Anschläge planen oder nach Syrien ausreisen wollen, aber nicht mit der Generation von Menschen, die nicht vom Verfassungsschutz beobachtet werden soll, aber unsere Werte teilweise oder ganz ablehnt. Dieses Phänomen muss überhaupt erst einmal wahrgenommen werden, damit man Gegenstrategien entwickeln kann. Wer Islamismus erst bekämpft, wenn er in Gewalt umschlägt, der kommt zu spät.

Welche Rolle spielen die muslimischen Flüchtlinge, die jetzt nach Deutschland kommen?

Diese Menschen können wir gewinnen. Sie kommen mit Offenheit, haben erlebt, was Islamismus mit ihrem Land gemacht hat, sind davor geflüchtet. Wir müssen Programme entwickeln, um diese Jugend zu erreichen, bevor sie in die Fänge von Radikalen gerät.

Salafisten seien derzeit leider die besseren Sozialarbeiter, schreiben Sie in Ihrem Buch. Was meinen Sie damit?

Sie stehen vor den Asylbewerberheimen, vor Schulen, Jugendzentren und sprechen Jugendliche an – auf Deutsch und in Jugendsprache. Sie widmen sich ihren Problemen und sind sehr nah an ihrem Leben, bieten ihnen jene Orientierung und Stärke, nach der sie sich sehnen. Das ist eine große Gefahr. Wenn wir diese Jugendlichen nicht abholen, tun es die Radikalen.

„Der Islam gehört zu Deutschland“ – ein richtiger Satz?

Mein Islam – der mit Demokratie und Menschenrechten vereinbar ist – gehört zu Deutschland. Der Islam, der auf Angst, Buchstabengläubigkeit, auf Geschlechtertrennung, Feindbildern und Antisemitismus basiert, gehört definitiv nicht zu Europa und Deutschland.

Können die Islamverbände in Deutschland die Integration positiv beeinflussen?

Kaum. Diese Verbände pflegen ein konservatives Islamverständnis – ihnen eine Schlüsselrolle zuzuweisen, wäre fatal.

Wer kann diese Aufgabe stattdessen übernehmen?

Professionelle Pädagogen und Sozialarbeiter, die wir aus- und fortbilden, damit sie diese nationale Jahrhundertaufgabe meistern können. Das geht nicht nur auf ehrenamtlicher Basis. Hier vermisse ich Konzepte. Angela Merkel sagt „Wir schaffen das“, zielt damit aber vor allem auf Organisatorisches wie Unterkunft und Verpflegung, aber nicht auf Integration, die mehr ist als ein Schlafplatz und Essen.

Was können die Schulen tun, um die „Generation Allah“ zu erreichen?

Vieles. Die Schulen können Jugendliche, die sich radikalisieren, erkennen und Hilfe suchen – vor allem endlich beginnen, differenziert über aktuelle politische Probleme zu sprechen. Der Nahostkonflikt, der Islam in Deutschland und Europa – das sind Themen, die die Jugendlichen sehr beschäftigen. Wenn sie in der Schule keine Antworten finden, suchen sie sie sich woanders. Hier sind die Lehrer schlecht vorbereitet und werden auch im Stich gelassen. Die Politik ist gefragt.

Die Pädagogik habe muslimischen Antisemitismus viel zu lange ignoriert, lautet eine Ihrer Thesen. Der Holocaust ist ein großes Thema im deutschen Schulunterricht – kann das nichts bewirken?

Diese Unterrichtseinheiten sind vor allem auf deutsche Jugendliche ohne Migrationshintergrund ausgelegt. Jugendliche aus Einwandererfamilien fragen sich oft: Und was hat das mit mir zu tun?

Muslime seien „keine geschützte Tierart“, formulieren Sie. Inwiefern werden sie als solche behandelt?

Wenn ich weinend beklage, wie schlimm es für Muslime in Deutschland sei, dann bekomme ich rasch Zustimmung und Unterstützung. Spreche ich aber über die Verantwortung, die Muslime haben, über Missstände, über Terrorismus, über Ungeheuer wie den Islamischen Staat und Al-Kaida, dann wird das vielen nicht passen. Das ist eine Form des Rassismus: weil man Muslimen nicht zutraut, dass sie Kritik aushalten und in der Lage sind, Diskurse zu führen.

„Das hat mit dem Islam nichts zu tun“, hört man gebetsmühlenartig nach Anschlägen. Hilfreich?

Dieser Satz tut uns nicht gut, weil wir uns damit beschäftigen müssen, welche Inhalte des Mainstream-Islams im Terrorismus auftauchen.

Gibt es nicht auch tatsächliche Benachteiligung von Muslimen in Deutschland, etwa wenn Bewerbungen wegen des fremd klingenden Namens im Papierkorb landen?

Gewiss, diese Diskriminierung gibt es und sie muss bekämpft werden. Vielleicht war die Bewerbung aber auch einfach schlecht geschrieben. Es ist natürlich einfach, zu sagen, dass Rassismus die Ursache sei. Es gibt beides: Opfer-Sein und eine gefühlte Opferrolle.

Wie blicken Sie in die Zukunft?

Eher optimistisch, sofern die Politik das Problem der „Generation Allah“ wahrnimmt und nicht ausblendet. Wir müssen dringend investieren, um diese Generation zu retten – das ist wichtiger als das Geld, das für die Banken aufgewendet worden ist. Gut gemeinte, vermeintlich tolerante Formeln und Mahnwachen helfen leider nicht. Es braucht ernsthafte und langfristige Programme wider den blinden Fleck in der Gesellschaft.

Interview: Timo Lokoschat

Ahmad Mansour: Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen. S. Fischer Verlag, 19,99 Euro

 

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