Ägyptisches Museum Andreas Wiedermann über Verdis "Aida"

Das Ägyptische Museum als Opernbühne: Die Gerichtsszene im vierten Akt mit Robson Tavares als Oberpriester Ramfis (Mitte). Foto: Misha Jackl

Das Ensemble Opera Incognita bringt Verdis „Aida“ ins Ägyptische Museum. Ein Gespräch mit Regisseur Andreas Wiedermann

 

Die „Aida“ gehört zu den ewigen Schlagern der Opernbühne. Dabei ließ sich Giuseppe Verdi erst nach einigem Zögern und durch ein saftiges Honorar von 150 000 Goldfranken auf den Auftrag ein. Der 1871 in Kairo uraufgeführte Vierakter wird gerne opulent inszeniert, oft an der frischen Luft. Dass die „Aida“ auch in reduzierter Form und dazu in den Tiefen eines Museumsbaus bestens funktioniert, will Regisseur Andreas Wiedermann mit seinem Ensemble Opera Incognita zeigen. Am 31. August ist Premiere.

AZ: Herr Wiedermann, Sie spielen meistens an außergewöhnlichen Orten. Hat Sie das Ägyptische Museum gereizt, oder wollten Sie einfach mal die „Aida“ machen?
ANDREAS WIEDERMANN: Schon beim ersten Besuch war uns klar, dass wir – also der Dirigent Ernst Bartmann und ich – hier etwas machen wollen. Im Museum war man sehr offen, und natürlich lag die „Aida“ auf der Hand.

Es war ja auch ein Ägyptologe, der sich die Dreiecksgeschichte am Nil ausgedacht hat.
Auguste Édouard Mariette hat außerdem das Ägyptische Museum in Kairo gegründet. Doch diese Bezüge merkt man der Geschichte kurioserweise gar nicht an. Die „Aida“ ist völlig fiktiv, kein einziger Name wirklich ägyptisch, und historisch kann man sie auch nicht verorten. Wir haben aber in allen vier Akten Rituale. Von der Schwertweihe im ersten Akt bis zur Anklage Radamès durch die Priester im vierten Akt. Das hat weniger mit der Realität zu tun, als es in anderen Verdi-Opern der Fall ist. Die Figuren sind hier auch viel stereotyper. Ernst Bartmann spricht bei der „Aida“ gerne von einem Bühnenweihfestspiel.

Dann sind Sie doch im Museum am richtigen Ort.
Unbedingt, wir gehen mit der „Aida“ in einen Raum, der keinen Realismus für sich in Anspruch nimmt. Wobei wir nicht in den Schausälen zwischen den Skulpturen spielen, da fehlt der Platz, und mit den originalen Objekten wäre das auch viel zu heikel. Wir sind im völlig leeren Sonderausstellungssaal, also bereits in Radamès Grabkammer.

Dort laufen Sie jedenfalls nicht Gefahr, in die Ägypten-Kitschfalle zu tappen.
Nein, deshalb können wir bei der Ausstattung sogar dezente stilistische Ägypten-Andeutungen machen. Die Kostüme etwa sind historisch, die kommen vor der langen Wand von über 30 Metern sehr gut zur Geltung. Die Darsteller spielen übrigens zweidimensional, das heißt, wie auf einem Relief.

Ist das Ihre Referenz an die Kunst hier im Museum?
Nicht nur. Wir haben zusätzlich zwei Archäologen eingebaut, die Fundstücke durch den Raum schieben. Diese sehr heutigen Figuren, die am Ende als Todesengel wahrgenommen werden, verzahnen die antiken mit den poetischen Fundstücken und dem Risorgimento. Die Oper hat viel mehr mit der italienischen Unabhängigkeitsbewegung und uns heute zu tun, als mit Ägypten. Man kann also einen Bogen schlagen von den nationalistischen Strömungen der Oper selbst hin zum Nationalismus des Risorgimento, und von der Staatsgründung Italiens hin zu unseren heutigen nationalen bis nationalistischen Strömungen.

Verdi hatte keine besondere Lust auf die „Aida“. Einem Freund schrieb er: „Eine Oper für Kairo komponieren!!! Ich werde nicht hingehen, um sie zu inszenieren, weil ich fürchten müsste, dort mumifiziert zu werden“. Ist die „Aida“ deshalb so schwierig?
Das ist gut möglich. Im Grunde hat Verdi eine Antikriegsoper geschrieben, auf der anderen Seite feiern wir heute gerade die hymnischen Stücke.

Noch vor ein paar Jahren dröhnte der Triumphmarsch durchs Stadion, wenn der FC Bayern ein Tor geschossen hatte.
Genau das meine ich, da hat sich im Laufe der Zeit auch etwas verselbstständigt, das von Verdi so bestimmt nicht beabsichtigt war. Deshalb nehmen wir immer wieder kleine Umdeutungen vor. Beim Siegesfest etwa wird der Triumphchor von den Sklaven, also von den Äthiopiern gesungen – unter Zwang. Wir verändern die Oper nicht, aber durch solche Eingriffe wird klar, dass die „Aida“ viel zwiespältiger ist, als man das gemeinhin annimmt.

Hilft das kleine Format, das heißt, Ihre deutlich reduzierte Besetzung?
Unbedingt, in einer opulenten Open-Air-Vorstellung wie in Verona kann man diese inhaltliche Auseinandersetzung kaum vermitteln.

In dieser Oper ist aber auch dauernd Krieg.
Man sieht ihn allerdings nicht, sondern nur das Ergebnis. Der Krieg findet in der Musik statt, deshalb wird es da unten im Museum auch schnell sehr laut. Optisch vermitteln wir diesen Krieg durch die Reliefs der Sieger und nehmen die Bewegung raus – wie im Bühnenweihfestspiel.

Das wäre dann eine museumsadäquate Präsentation.
Ich sehe noch eine andere Verbindung zum Museum an sich. Man hat es dort oft mit Aneinanderreihungen von Objekten zu tun. Unter dem Begriff „Kelten“ oder „Römer“ ist dann alles Mögliche zu sehen. Das kann mal interessieren, mal nicht und man geht einfach zum nächsten Stück. Genau das wird auch in unserer Inszenierung eine Rolle spielen. Wir haben zwar die Kontinuität der Geschichte, aber es wird genauso die Fundstücke im Sinne von Alexander Kluge geben. Die können miteinander korrespondieren – oder eben nicht. Wenn Aida etwa von ihrer Heimat singt, findet sie Sand, und dazu gibt es eine Auflistung untergegangener Städte.

Spielen Sie auf konkrete aktuelle Zerstörungen an?
Das wäre mir zu dick aufgetragen. Das kann man sich denken, aber es steht jedem frei.

Was ist die Aida bei Ihnen für eine Frau?
Eine starke Figur und eine, die die Sklavin ja spielen muss. Genaugenommen steht sie auf der gleichen Ebene wie die Königstochter Amneris. Ich frage mich auch immer, wie Aida sich in der Situation von Amneris, also auf der Siegerseite verhalten würde.

Dass Amneris sich mit Haut und Haar in Radamès verliebt hat, ist ja nicht unsympathisch.
Deshalb zeichnen wir sie auch nicht per se negativ. Unsere Darstellerin ist sogar eher eine Sympathieträgerin.

Radamès macht durch den Krieg Karriere.
Er ist anfangs absolut linientreu und bleibt das im Grunde auch. Radamès lernt ja erst durch die Frauen, Gefühle zu haben. Und selbst da gibt er Aida noch zu verstehen, er müsse sich für diese Liebe erst das O.K. vom König holen.

Heute würden sich die Frauen womöglich verbünden.
Ja, vielleicht. Dann würde die Oper aber „Radamès“ heißen.

„Aida“ im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst, München, Gabelsbergerstr. 35, am 31. August, 4., 6., 7., 11., 13., 14. September um 19.30 Uhr, am 3. September um 20 Uhr, Karten unter www.muenchenticket.de und Telefon 089 / 54 81 81 81

 

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