Abrechnung mit der Mutter „Mamsi und ich“ von C. Bernd Sucher

Der Journalist und Autor C. Bernd Sucher. Foto: Thomas Dashuber

C. Bernd Sucher hat sich in seinem Buch „Mamsi und ich“ mit seinem Verhältnis zu seiner schwierigen Mutter beschäftigt

 

Irgendwann schreibt der Sohn seiner Mutter dann doch mal einen Beschwerdebrief. „Liebe Mamsi“, beklagt sich der damals 30-jährige C. Bernd Sucher, „seit ich denken kann, nörgelst du an mir herum. Schlimmer: Du hast mich gemaßregelt. Du hast mich verletzt. Du hast mich verraten. Und ich erinnere mich nicht, je von dir geküsst worden zu sein.“

Es sind bittere Worte eines Sohnes, der es seiner Mutter nie recht machen konnte. Selbst dann nicht, als er 1980 Kulturredakteur bei der „Süddeutschen Zeitung“ wird – und danach zu einem einflussreichen Theaterkritiker in Deutschland aufsteigt. 1996 wird er Professor für Kulturkritik an der Hochschule für Fernsehen und Film. Auch auf der Bühne begeistert er mit der Reihe „Suchers Leidenschaften“. Aber alle diese Erfolge waren Suchers jüdischer Mutter Margot, die 2005 starb, letztlich nie genug.

Schwarze Pädagogik

Weiter, besser, mehr: So lautete ihr unerbittliches Erziehungsmotto für den einzigen Sohn, von Geburt an. Oder, wie Sucher es formuliert: „Mamsis Erziehung glich einer Dressur. Bekam ich einen Einser, durfte ich mir ein Schnitzel wünschen oder ein Eis. Bekam ich eine Drei, schämte sie sich für mich und jammerte, dass sie nicht glauben könne, so ein unbegabtes Kind in die Welt gesetzt zu haben.“

Das sind vernichtende Muttersätze, die natürlich kein Kind je vergisst. Und nicht nur hier kommt einem als Leser das Schlagwort von der schwarzen Pädagogik in den Sinn. Denn Suchers Mutter schreckte bei ihrer Erziehung auch vor drakonischen Strafen nicht zurück. Wenn der kleine Bernd am Daumen lutschte, veranlasste sie, dass man ihm nachts die Daumen hochband. Wenn er Fieber hatte, scheuchte sie ihn trotzdem zur Schule. Und bei schlechten Noten und nach seinen ersten homoerotischen Abenteuern schickte sie den Vater zu ihm aufs Zimmer – mit einer siebenstriemigen Peitsche. Ja, schlimmer noch: Die Mutter sah der Auspeitschung ihres Sohnes ungerührt zu und zählte die Schläge laut mit.

Kann man so eine Mutter überhaupt lieben? C. Bernd Sucher tat es. Er „vergötterte“ seine Mamsi und versuchte, ihren übersteigerten Ansprüchen gerecht zu werden. Immer noch besser wollte er sein, noch klüger, noch strahlender. Was zur Folge hatte, dass kein Kind sich mit ihm, dem „Superstreber“, anfreunden mochte.

Anrührende Chronik

Es dauerte lange, bis der Sohn zu verstehen begann, warum seine Mutter so überstreng und manchmal grausam zu ihm war. Schon als Grundschüler wusste er zwar, dass sie als Jüdin 1942 ins KZ verschleppt wurde. Doch wie stark diese Gewalterfahrung seine Mamsi geprägt hatte, das erkannte C. Bernd Sucher erst als Erwachsener, als sich 1986 eine Polin bei der Familie meldete. Janina Szafranek hieß die mutige Frau, die seiner Mutter 1943 zur Flucht aus dem KZ Belzec verhalf. 1988 reiste Sucher zu ihr nach Lublin und erfuhr von der Lebensretterin erste Andeutungen jenes Ungeheuerlichen, über das die Mutter nie sprechen konnte.

Nach weiteren Recherchen begriff der Sohn allmählich, wie unauslöschlich brutal die 17-jährige Margot im KZ gequält und gedemütigt worden war – und auch, warum ihre Qual selbst nach 1945 nicht endete, als sie einen protestantischen Mann heiratete. Denn dessen Vater, ein ehemaliger Nazi, verlangte von der Schwiegertochter, dass spätere Kinder nicht jüdisch, sondern christlich erzogen werden müssten.

Respekt vor der Lebensgeschichte

Ein Verrat an den eigenen Wurzeln, den Suchers Mutter zeitlebens ebenfalls aus Scham verschwieg. „Mein Sohn“, notierte sie nach der Hochzeit, „wird richtigstellen, was ich falsch gemacht habe. Er wird fortführen und erreichen, was mir zu erreichen versagt geblieben ist.“ Noch als Ungeborener wurde Sucher also zur Projektionsfläche seiner seelisch zutiefst versehrten Mutter. Ihre geheimen Notizen aber versteckte sie so gut, dass der Sohn sie erst nach ihrem Tod entdeckte.

Traurig bemerkt er im Buch: „All das hätte meine Mutter mir sagen müssen!“. Seine anrührende Chronik ist ein wichtiges Zeugnis dafür, wie Traumata über Generationen weitervererbt werden – und wie auch Holocaust-Opfer manchmal zu Gewalttätern werden konnten. Den Anklagebrief an seine Mutter hat Sucher, der sich inzwischen stolz zu seinem Judentum bekennt, übrigens nie abgeschickt: aus Respekt vor ihrer Leidensgeschichte.

C. Bernd Sucher stellt „Mamsi und ich. Die Geschichte einer Befreiung“ (Piper, 256 S., 20 Euro) am 9. Juli um 20 Uhr im Literaturhaus (Salvatorplatz 1) vor

 

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