Abgründe, Höhlen und Katastrophen Bayerische Bergwacht: Das waren die dramatischsten Einsätze

Die Bergwacht Grainau bei einem Einsatz am Höllentalferner, westlich des Wettersteingebirges. Hier ist ein Mann in eine Gletscherspalte gefallen. Dabei sind auch die Bergwachtler Anton Vogg senior und junior, die aber nicht erkannt werden möchten. Foto: C. Vogg

Wer im Gebirge Retter ist, kann viel erzählen. Autor Thomas Käsbohrer hat Geschichten gesammelt, in denen es um Leben und Tod geht. Eine davon spielt in einer Gletscherspalte. Die AZ gibt einen Einblick.

 

Rettung 1: Gefangen im Eis

Es sollte nur ein kurzer Aufstieg im Frühsommer vergangenen Jahres zum Höllentalferner sein, um die neuen Steigeisen zu testen. Doch für den damals 37-jährigen leidenschaftlichen Bergsteiger Hermann H. (Name geändert) endet er mit drei Tagen in einer Gletscherspalte.

Bergsteiger stürzt auf Schneebalkon ab

Zaghaft macht er seine ersten Schritte auf dem Eis. Er ist überrascht, wie gut die Steigeisen durch den pudrigen Schnee hindurch Halt finden. Es geht leichter, als er sich das vorgestellt hat. Er macht ein paar Sprünge, begeistert, Donnerwetter, wie die Eisen ins Eis beißen. Nur kurze Zeit später dann der Schritt, der alles verändert: H. tritt auf einem Schneefeld ins Leere und fällt zehn Meter in eine Gletscherspalte auf einen Balkon, wo ein Schneehaufen seinen Sturz abfängt.

Durch das kleine Loch, das er beim Sturz durch die Schneedecke gerissen hat, sieht er ein Stück des strahlend blauen Himmels über ihm leuchten, als wäre nichts geschehen. Doch plötzlich fühlt er: Der blaue Himmel ist unerreichbar weit weg. Noch weiter weg, als er jemals war.

Unfallopfer verbringt Nächte im Eis

Als H. am nächsten Tag nicht zur Arbeit erscheint und auch nicht auf dem Handy erreichbar ist, rufen seine Kollegen die Polizei. Um 17.30 Uhr am gleichen Tag wird die Bergwacht verständigt – der Alarm erreicht Bergwachtler Toni Vogg Senior und seinen Sohn Toni. Kurz nach 19 Uhr erreichen sie mit vier weiteren Bergwachtmännern den Gletscher des Höllentalferners, wissen aber nicht, wo sie suchen müssen. Regen, Graupel und dichter Nebel versperren die Sicht. Bis in die Nacht suchen sie den Gletscher ab, doch finden nichts. Schließlich müssen sie abziehen, nicht wissend, dass sie keine 30 Meter an Hermann H. vorbeigewandert sind. Für ihn beginnt die erste Nacht im Eis.

Den Versuch, die glatten Wände zu erklimmen, gibt er nach einer halben Stunde auf. Er weiß: Sein Feind ist der Schlaf. Im Schlaf würde sein Körper, ohne dass er es bemerkte, kälter und kälter werden. Die Unterkühlung würde ihr Werk tun. Noch bevor die Dunkelheit hereinbricht, hat er den Inhalt seines Rucksacks inspiziert. Eine Handvoll Müsliriegel. Nur noch wenig zu trinken. Ein Pullover. Eine Mütze.

Schlaf bringt Unterkühlung und möglicherweise den Tod

Immerhin muss er durch das Eiswasser nicht verdursten, doch vor allem der fehlende Schlaf macht ihm zu schaffen. Immer wieder steht er auf. Tritt auf der Stelle. Schlägt mit den Armen um sich. Stampft in seinem zwei Meter langen Verlies auf der Stelle, um sich zu wärmen. Gegen Morgen nickt er ein erstes Mal kurz ein. Auf die Zunge beißen, darauf herumkauen, bis es schmerzt.

Am zweiten Tag regnet und stürmt es, trotzdem startet die Polizei eine Rettungsaktion mit dem Helikopter. Doch das Wetter zwingt sie nach vier Stunden, die Aktion abzubrechen. Nach einer weiteren schlaflosen Nacht bricht für Hermann H. der dritte Tag im Eis an. Er hört den Hubschrauber, als er über ihm fliegt, springt, ruft, doch in seiner Eishöhle hört ihn niemand.

Hubschrauber findet den Bergsteiger

Es ist Bergretter Anton Vogg, der nicht aufgeben will. Nach Feierabend trommelt er die anderen Retter noch einmal zusammen, fordert erneut den Hubschrauber aus Landsberg an. Sie teilen sich in vier Zweierteams und suchen systematisch. Es ist kurz vor 19 Uhr, als einer der Retter ein schwaches Rufen hört. Es kommt von Herrmann H. Er ist schwach – aber am Leben. Mit einem Seil ziehen sie ihn hinauf, holen ihn ins Innere des Helikopters. H. kommt in eine Klinik. Die Retter haben es geschafft.

Ihren Gesichtern sieht man an, wie stolz sie sind in diesem einen Moment, bevor sie gleich ihr Material sortieren, ihre Rucksäcke packen. Und auf den Hubschrauber warten, der auch sie in der Dämmerung vom Höllentalferner nach unten bringen wird.

Rettung 2: Bad Reichenhall

In Käsbohrers Buch erinnert sich Bergretter Wast Pertl an den Einsturz der Eishalle Bad Reichenhall am 2. Januar 2006. Die Retter dürfen die Halle zunächst nicht betreten– was für sie kaum zu ertragen ist, erinnert sich Pertl. Die Halle ist zum Teil unter der hohen Schneelast zusammengebrochen. Obwohl Bergwacht und Feuerwehr alles tun, sterben an diesem Tag 15 Menschen, zwölf davon Kinder. Solche Ereignisse beeinflussen auch Retter: Pertl kehrt traumatisiert aus dem Einsatz zurück und zieht sich auf Anraten des Kriseninterventionsdienstes (KID Berg) vorübergehend aus dem Dienst zurück. Nach einer Therapie kehrt er zur Bergwacht zurück.

Rettung 3: Jubiläumsgrat

Dass selbst eine gut geplante Tour schnell gefährlich werden kann, zeigen die Erinnerungen von Bergwachtler Benno Hansbauer und Notarzt Armin Berner: Auf dem Jubiläumsgrat geraten fünf Bergsteiger in Not, weil ein Mitglied der Gruppe plötzlich stark erschöpft ist und ein weiteres sich am Fuß verletzt. Die Rettung per Hubschrauber ist schwierig, weil ein Schneesturm tobt. Die Retter finden den erschöpften Mann, der trotz Kälte nur T-Shirt und Unterhose trägt. Wie sich herausstellt, hat er die Höhenkrankheit. Er kommt ins Krankenhaus und wird geheilt. Die Übrigen können das Krankenhaus sofort verlassen.


Thomas Käsbohrer: "Am Berg. Bergretter über ihre dramatischsten Stunden". Millemari Verlag, 2019, 280 Seiten, Taschenbuch 24,95 Euro. 25 Prozent des Erlöses werden an die bayerische Bergwacht gespendet. Wer die Retter unterstützen will, kann für die bayerische Bergwacht spenden oder Förderer werden: Sparkasse Berchtesgadener Land, Spendenkonto DE14 7005 4306 0011 1110 02.

 

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