70. Geburtstag Blues-Barde Willy Michl: "Die Welt ist nicht mehr dieselbe"

Indianer durch und durch, geprägt von der Isar und München – und ein Trumm Mann mit dem Herz am richtigen Fleck. Foto: Christoph Jorda

Bayerns Blues-Indianer Willy Michl wird 70 und blickt zurück: Corona macht ihm Sorgen. Umso größer ist die Freude, seinen Geburtstag trotz allem mit einem Konzert feiern zu können.

 

Der Isarindianer wird am Donnerstag 70: Seinen Geburtstag feiert der bayerische Bluesbarde Willy Michl bei Eulenspiegel Flying Circus im Innenhof des Deutschen Theaters. Ein Gespräch über Bairischen Blues, seinen runden Geburtstag und die schwierige Zeit, in die dieser fällt.

AZ: Herr Michl, wie geht’s Ihnen in den Zeiten von Corona?
WILLY MICHL: Corona ist das Schlimmste, was ich je erlebt habe. Meine Familie, meine Freunde und ich wurden bisher verschont. Aber das Damoklesschwert einer Ansteckung hängt über jedem Menschen. Insofern ist die Pandemie für alle Menschen auch eine große psychische Belastung. Ich kann die Jungen gut verstehen, die nicht aufpassen wollen oder sich anders verhalten, als es angeordnet ist. Jedoch muss ich allen sagen: Haltet Abstand, tragt Masken und macht keine großen Versammlungen. Wer’s hat, ist in Lebensgefahr und auch eine Gefahr für andere. Das zu verbreiten ist mein Job als Bluessinger, als Isarindianer und Realist.

Wie gehen Sie selbst mit der Situation um?
Ich hab schon zu Beginn der Pandemie – als es die ersten Ansteckungen in Starnberg gab – gesagt, man muss jetzt Masken tragen. Wie ich das von Videos aus Japan kenne, dort haben die Menschen, die einen Infekt hatten, Masken getragen. Und als ich dann im Februar mit meinem Edelweißtuch über dem Gesicht, wie man das aus alten Western kennt, in den Supermarkt ging, da haben mich die Leute angesehen wie einen Marsmenschen, einen Alien. Aber man hat’s toleriert, sie kennen mich ja. Und ich hab’s durchgezogen, bin schon vor dem Lockdown wenig rausgegangen, ich wusste, es wird gravierend werden.

Wie sehr hat Sie das Auftrittsverbot getroffen?
Es ist und bleibt furchtbar. Jeder muss einsehen, dass es nie mehr sein wird, wie es mal war. In vollen Sälen oder kleinen Clubs, die Menschen dicht gedrängt: Es war einfach faszinierend, wenn sich die Herzen vereinten. Jetzt muss man lernen, mit Abstand zu leben. Sehr oft habe ich mich im Winter bei Konzerten mit Grippe angesteckt. Genauso ist es möglich, sich mit Corona zu infizieren. Deshalb kann zum Beispiel im Lustspielhaus nur eine Zuschauerzahl von 56 Personen sein, aber das ist dann kein Saal, in dem die altbekannte Stimmung aufkommt, und es rechnet sich nicht. Corona hat das Leben der Menschen auf der ganzen Erde abrupt verändert. Ein Christ könnte meinen, das ist die Strafe Gottes, und ich als Indianer, als Isarnative sage: Die Erde reagiert auf die Missetat der Menschen. Es fällt mir jedoch wahrlich nicht leicht, das auszusprechen.

Die Kunst- und Kulturszene drängt auf weitere Lockerungen – Sie nicht?
Es kommt darauf an, wie die Lockerungen aussehen. Ich kann nicht einfach sagen, ich will Lockerungen, wenn ich weiß, dass das für meine Fans eventuell ein Risiko darstellt – wie auch für mich. Lockerungen sind riskant, solange kein Impfstoff und keine effizienten Medikamente vorhanden sind. Auch wenn ein Impfstoff kommt, wird die Welt nicht mehr dieselbe sein. Für mich als reiner Livemusiker ist das ein Armageddon. Die einzige Möglichkeit aufzutreten sehe ich in Till Hofmanns Agenda.

Sie wollten Ihren 70. Geburtstag in seinem Lustspielhaus feiern, jetzt spielen Sie stattdessen bei seinem Eulenspiegel Flying Circus im Innenhof des Deutschen Museums.
Till Hofmann ist ein richtig großer Veranstalter, ein Impresario, ihm geht’s um die Menschen und um Kultur, um Sicherheit, Gesundheit, Freude und Leben. Im Freien ist die Infektionsgefahr sehr gering, deshalb macht er das. Ottfried Fischer sagte einmal, man kann dem Till gar nicht dankbar genug sein für das, was er tut. Das unterschreibe ich.

Lassen Sie uns auf Ihre Anfänge blicken. Wie haben Sie das Gitarrespielen gelernt? Mit welchen Vorbildern im Kopf?
Als ich 1966 die Beatles gesehen hatte, hier im Circus Krone, da brauchte ich eine Guitar. Mein Vater kaufte mir eine 12-saitige Eko-Gitarre. Ein Schulfreund brachte mir Akkorde bei. Und dann ging’s schnell, ich fand die richtigen Akkorde zu den Liedern und sang schon damals Barry McGuires "Eve of Destruction". Und ich machte auch schon eigene Songs. Vorbilder in der Musik hatte ich nie, ich suchte meinen eigenen Weg. Ich sah und hörte, was es gab, von den Stones bis Aretha Franklin, Miles Davis, Manitas de Plata und später Paco de Lucia. Ich liebte auch Klassik, Fritz Wunderlich, Erika Köth, Grace Bumbry und Maria Callas. Aber der Blues und die Soulmusik hatten es mir angetan. Ich begann meinen Weg als bairischer Bluesbarde. Ich bin der Urheber des bairischen Blues, der erste namhafte Künstler, der dieses neue Musikgenre auf eigene Weise und stilistisch signifikant gebracht hat. Das ist ein Fakt, und da bin ich stolz drauf.

Wie kam’s, dass Sie auf Bairisch gesungen haben?
Als ich anfing, habe ich meist englisch gesungen, bis auf Sachen wie "La Paloma", "Capri-Fischer", "Mackie Messer" und "Sag mir, wo die Blumen sind". Bloß haben dann die Radioleute, Musikproduzenten und Manager gesagt, englisch können die Amis besser als du, obwohl das Blödsinn ist. Aber als ich begann, Platten zu machen, hätte man einen deutschen Künstler wie mich nie englisch singen lassen, und da ich nicht hochdeutsch konnte, sang ich bairisch. Übrigens eignet sich meine Muttersprache phonetisch gut für diesen Musikstil.

Besser als Hochdeutsch?
Die Blue Note fragt nicht nach der Sprache. Es ist das Herz, das ein Lied zu etwas von Bedeutung werden lässt. Die Sprache ist eigentlich egal. Wichtig ist, dass die Menschen verstehen, was gesungen wird. Vielleicht war das der Grund dafür, dass ich bairisch singen musste: damit meine Menschen hier den Song verstehen können.

Heute ist Bairisch Modesprache in vielen Musikstilen, Stichwort: Neuer Heimatsound. Wie gefällt Ihnen das?
Es hat sich herausgestellt, dass sich neuer Heimatsound gut verkauft. Also wird er gemacht. Ich verstehe davon wenig, weiß nur, dass gesagt wird, ich hätte den Grundstein gelegt für dieses Geschäft. Aber ich höre lieber Prince als Heimatsound, mit Ausnahme meiner Freunde von Wanda oder meines Bruders Konstantin.

Ihr Idol ist Bob Dylan. Haben Sie mal versucht, ihn kennenzulernen?
Ich verehre Bob Dylan für seine Poesie und seine Klugheit, er ist der einzige Artist der modernen Musik, dem es gelang, die Musikindustrie auszuspielen und das zu bleiben, was er sein wollte. Neben ihm gibt es noch andere wie die Stones oder Prince, der sich gewehrt hat und dafür so früh gehen musste. Mein Idol ist jedoch nicht Dylan, sondern meine Frau Cora, sie ist die heilige Frau, die Große Bärin, Quell der Freude und Liebe. Ich habe übrigens nie versucht, irgendeinen Artist persönlich zu treffen. Nur einmal wollte ich John Mayall begrüßen, in Abensberg, wo ich sein Support Act war. Aber er oder sein Manager ließ mich nicht in seine Garderobe.

Wann erscheint Ihr seit längerem angekündigtes neues Album?
Autsch! Es wird erscheinen, das verspreche ich, aber ich weiß nicht wann. Ein Wahnsinn, ich geb’s zu. Mich hat die Pandemie mental restlos blockiert. Ich hoffe, dass ich’s im Herbst bringen kann, es sind so viele schöne Songs da. Und jetzt wo die Live-Events anders werden, muss man Platten machen.

Innenhof des Deutschen Museums, Donnerstag, 20 Uhr, Einlass um 19.15 Uhr, Karten für 33,80 Euro unter www.eulenspiegel-concerts.de und Telefon 34 49 75


 
Der neue Newsletter der AZ, "Kultur Royal" bietet jeden Donnerstag einen schnellen Überblick über das, was in der (Münchner) Kulturszene die Gemüter bewegt.
 

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