50 Jahre Woodstock Interview mit dem Woodstock-Fotografen Elliott Landy

Elliot Landy fotografiert Woodstock. Foto: Elliott Landy/LandyVision Inc.

Elliott Landy war in Woodstock offizieller Fotograf, hat aber nicht jede Band verewigt. Dann kam ein Joint dazwischen

 

Das bedeutendste Festival aller Zeiten feiert Jubiläum: Seit 50 Jahren steht "Woodstock" für Frieden, Liebe und großartige Rockmusik. Dabei war die "Woodstock Music & Art Fair" gar nicht in Woodstock – sondern 70 Kilometer entfernt bei Bethel. Die Organisatoren wollten aber den Namen der einzigartigen Rock-Künstlerkolonie nutzen, in der damals Bob Dylan, The Band und Van Morrison lebten. Elliott Landy fotografierte all diese Musiker in Woodstock, lebte selbst dort – und war offizieller Fotograf des Festivals.

AZ: Mister Landy, Woodstock wird als Jahrhundertereignis gefeiert. Aber Musiker wie John Fogerty oder The Who schildern das Festival als Hölle auf Erden. Wie war’s denn nun?
ELLIOTT LANDY: Diese Musiker mussten dort ja arbeiten, und da stellen sich ganz andere Fragen: Funktionieren die Mikrofone? Taugt die Anlage was? Wie kommen wir rein und wieder raus? Manche konnten ja ihr Equipment nur mit dem Helikopter hineinbringen. Aber die Magie von Woodstock lag gerade darin, dass man vom normalen Leben abgeschnitten war. Genau darum geht es auch bei Meditation: Man taucht tief in sich selbst ein, hört auf, an den Alltag zu denken. Und so war es in Woodstock: Es war eine Meditation gigantischen Ausmaßes. Deshalb haben dort alle so einen tiefen Frieden empfunden.

Sie selbst haben aber auch arbeiten müssen, und zwar immer bis zum Morgengrauen, so lange spielten die Bands. Wie war das für Sie?
Ich war damals jung und stark. Und ich habe gar nicht alles fotografiert. Ich habe auch viel verpasst. Meine damalige Freundin hatte ein Geschäft in Woodstock, und das ist in der Nacht abgebrannt. Ich konnte sie nicht erreichen, deshalb bin ich in die Stadt gefahren. 

Und die lag 70 Kilometer vom Festivalgelände entfernt. Welche Bands haben Sie verpasst?
Lassen Sie uns über was anderes reden ... Na gut: Ich habe The Who verpasst, Sly & The Family Stone, Crosby, Stills & Nash. Aber selbst als ich dort war, habe ich nicht alle Bands fotografiert. Beim Auftritt der Grateful Dead stand ich mit einem Videoteam weit hinter der Bühne. Wir hatten einfach Spaß, rauchten einen Joint. Ich hatte nicht das Gefühl, die Grateful Dead fotografieren zu müssen, nur weil sie eine berühmte Band waren. Woodstock war ein sehr relaxter Ort, keiner war angespannt oder hatte das Gefühl, etwas tun zu müssen. Und ich war schon immer ziemlich entspannt. Ich dachte nicht, etwas Bestimmtes erreichen zu müssen. So habe ich immer gelebt, ich habe Druck vermieden. Aber so bin auch zu Bob Dylan oder The Band gekommen.

Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Dylan ergeben? 
Ich bekam den Auftrag, ihn für die "Saturday Evening Post" zu fotografieren, ein großes Magazin. Wir freundeten uns an, verbrachten ein bisschen Zeit miteinander. Irgendwann rief er an: Er sei gerade aus Nashville zurückgekommen und brauche ein Foto für die Rückseite seines Albums "Nashville Skyline" – auf der Vorderseite sollte eben jene Skyline von Nashville zu sehen sein. Wir saßen in seinem Wohnzimmer und warteten auf die "Magische Stunde", in der das Licht am wärmsten ist. Dann sagte ich, los geht’s, und er nahm seinen altmodischen Hut von der Wand – niemand hatte damals solche Hüte auf. Ich dachte, es wäre ein Gag. 

Dann hat ihm das Bild so gefallen, dass er Vorder- und Rückseite des Covers getauscht hat.
Das war das magische Bild meiner Karriere, ein wirklich schönes Bild, man sieht Dylan lachen und voller Liebe. So war er, als ich ihn gekannt habe: sehr liebevoll zu seiner Familie. Und er war immer freundlich zu mir.

Sie sind wohl der einzige, der Bilder von ihm und seinen Kindern machen durfte.
Er hat mich darum gebeten. Mir ging es nicht um eine Karriere oder um Geld, sondern nur um die Bilder. Und ich glaube, das hat Bob so wahrgenommen. Er wusste, dass ich ihn nicht ausnutzen wollte. 

Sie fotografierten auch The Band, und die Bilder zeigten nicht gerade Hippies. Wie kamen sie zustande?
Ich habe Robbie Robertson meine Konzertbilder von Country Joe und Janis Joplin gezeigt, und er sagte: Das ist nicht die Art von Bildern, die wir wollen. Dann bin ich nach Toronto gefahren und habe sie mit ihren Familien fotografiert. In den Sechzigern fanden viele junge Leute ihre Eltern blöd, aber die Typen von The Band wollten ein Statement setzen: Junge Leuten sollten ihre Familien würdigen. Das waren schließlich die Leute, die sie aufgezogen haben, für sie gearbeitet haben, ihnen geholfen haben, dahin zu kommen, wo sie waren.

Dann haben sie in Woodstock Bilder gemacht, auf denen The Band aussahen wie Männer aus dem 19. Jahrhundert. Die Bilder hatten einen massiven Einfluss auf ihr Image. 
Sie waren sehr bodenständig, dem Land verbunden, und sehr freundlich zu allen Leuten: zu dem Angestellten im Laden genauso wie zum Plattenboss – wie altmodische Leute. Und sie hatten eine energetische Verbindung zu einer vergangenen Zeit. Ich habe ihnen Bilder von Mathew Brady gezeigt, die er nach dem US-Bürgerkrieg gemacht hat. Sie fanden die Idee gut. Ich sagte ihnen: In dieser Zeit war es eine Ehre, fotografiert zu werden, man schenkte dem Fotografen Aufmerksamkeit, sah direkt in die Kamera. Und wir haben die Art imitiert, wie Bilder damals entstanden sind. Alle mussten lange reglos da stehen. Ich glaube, die Bilder passten perfekt zu ihrer Musik. Da ging es nicht um Publicity.

Van Morrison haben sie für sein "Moondance"-Album in extremer Nahaufnahme fotografiert. Man sieht nur einen Teil seines Gesichts. Warum?
Extreme Nahaufnahmen waren mein Stil, ich hatte ein spezielles Objektiv dafür. Und Van Morrison hatte ein riesiges Pickel auf der Stirn. Da hat mein Stil gut gepasst. 

Sie haben wenig später aufgehört, als Rockfotograf zu arbeiten. Wieso?
Ich wollte nicht mehr im Musikbusiness sein. Ich musste mich ständig mit Plattenfirmen streiten, um ordentlich bezahlt zu werden, ich wünschte, ich hätte einen Agenten gehabt. Und ich wollte auch diese Art von Bildern nicht mehr machen, es interessierte mich nicht mehr. Das Wesen von Kunst ist, dass etwas Neues entsteht – und ich hatte diese Art von Bildern nun mal schon gemacht. 

Sie lebten damals in Woodstock, heute auch wieder. Hat sich der Ort nach dem Festival sehr verändert? 
Nicht allzu sehr. Aber das Festival hat viel Gutes gebracht, viele Touristen sind gekommen. Es ist der berühmteste kleine Ort der Welt. Es ist eine alte Künstlerkolonie und hat einfach eine bestimmte Energie. Heute leben Jack DeJohnette und Donald Fagen von Steely Dan dort.

Elliott Landys Fotografien sind vom 16. August bis 30. September in seiner Ausstellung "Woodstock Vision" in der Nürnberger Egidienkirche zu sehen. 

 

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