50-jähriges Deutschland-Jubiläum Rolling Stones: "Erbärmlich primitive Musik"

Die Fans stecken teilweise noch in Anzug und Krawatte – beim allerersten Konzert der Stones in München, drei Tage nach dem Tourneestart in Deutschland. Foto: Ulrich Handl

Vor 50 Jahren spielten die Rolling Stones zum ersten Mal in Deutschland, am 14. September kamen sie in den Circus Krone.

 

München - Aus Sicht der meisten damals Erwachsenen war das, was heute Musikgeschichte ist, eine Bedrohung: Als ungewaschene „Höhlenmenschen“ angekündigt gaben die Rolling Stones vor 50 Jahren, am 11. September 1965, ihr allererstes Konzert in Deutschland – ausgerechnet in Münster, weder damals noch heute als Nabel des Rock’n’Roll bekannt. Die Stadt kam mit einem Schrecken über die neue Wildheit davon - ganz anders als wenige Tage danach die Waldbühne in Berlin.

Kreischende Mädchen rannten die Saalhüter über den Haufen

1965 war das Jahr, in dem die erst drei Jahre alte Band an ihrem internationalen Durchbruch arbeitete. Es war das Jahr von „Satisfaction“, der ersten Nordamerika- und Europa-Tourneen. Und es war das Jahr, in dem - bereits grassierender Beatles-Manie zum Trotz – in Deutschland noch der Schlager die Hitlisten dominierte.

Kein Wunder also, dass viele den Untergang von Sitte und Moral nahen sahen: Die Stones sollten nach Münster kommen. Mit allerlei populären Bands im Vorprogramm sollten ihre zwei Auftritte dort kaum je mehr als 20 Minuten dauern. Und doch: „Als erste deutsche Stadt wurde heimgesucht, auf den Kopf gestellt und benebelt Münster in Westfalen, bekannt konservativ und sittenstreng“, berichtete die „Deutsche Wochenschau“ nach dem Konzert in der Halle Münsterland. „Erbärmlich einfallslose primitive Musik“, urteilte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.

In den anzüglichen Bewegungen Mick Jaggers, dem legeren Streifenpulli von Brian Jones brach sich aus Sicht vieler Beobachter von damals eine bislang unbekannte Zügellosigkeit Bahn, wie der Münsteraner Historiker Axel Schollmeier schildert. Für das Stadtmuseum hat er eine Ausstellung mit historischen Fotos kuratiert. Die Bilder zeigen junge Mädchen in Ekstase, Stuhlreihen, in denen niemand mehr sitzt. Und jede Menge Ordner des Technischen Hilfswerks, die die Bühne abschirmen.

Die Polizei hatte sich und sogar einen Wasserwerfer in Stellung gebracht. Der als härtesten Band vermarkteten Rockgruppe aus England eilte ihr Ruf voraus: Bei einem Konzert in Dublin wenige Tage zuvor war die Bühne gestürmt worden. „Hunderte von kreischenden Mädchen rannten die Saalhüter über den Haufen“, warnte Münsters Polizeidirektor in seinem Einsatzbefehl. Hunderte Einsatzkräfte wurden zusammengetrommelt, auch britische und niederländische Militärpolizei, um „dem besonders starken Andrang jugendlicher Musikenthusiasten gerecht zu werden“, heißt es in dem Einsatzplan.

Passiert ist aber nichts. Auch in Essen und Hamburg blieb es ruhig. Am 14. September kamen die Rolling Stones schließlich in den Circus Krone. Veranstaltungsdirektor Hans A. Schulz erinnert sich: „Lange Zeit wollte niemand im Circus Krone auftreten, die Münchner Promoter haben mich fast ausgelacht. Erst als es mir gelang, 1963 Chubby Checker in den Circus Krone zu holen, wollten uns die Veranstalter buchen.“ Das Konzert der Stones, veranstaltet von der „Bravo“, war für Schulz aber eine besondere Herausforderung: „Ich habe mit dem Münchner Polizeipräsident Schreiber zusammengesessen und wir haben über die Sicherheit diskutiert. Wir hatten dann beim Doppelkonzert am Nachmittag und am Abend nicht nur Polizisten auf dem ganzen Areal, sondern auch viele in zivil im Konzert. Wir haben wirklich gezittert, dass alles gut geht.“

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Hans A. Schulz arbeitet auch heute, mit 85 Jahren, noch für den Circus Krone und kontrolliert als freier Mitarbeiter das Rechnungswesen. Natürlich hat er es sich auch nicht entgehen lassen, die Band 2003 im Circus Krone zu sehen, als sie dort (neben ihren Auftritten im Olympiastadion und in der Olympiahalle) ihr einziges deutsches Clubkonzert gaben.

„Mir ist vor allem in Erinnerung geblieben, welche Kondition der Jagger hatte“, sagt Schulz. „Der ist ja die ganze Zeit die Bühne entlanggeturnt.“ 1966 kamen dann die Beatles in den Circus Krone und trugen mit dazu bei, dass dieser Ort bis heute in der Musikwelt mythisch ist. „Niemand wollte das Konzert versichern“, erinnert sich Schulz. „Wir sind das Risiko einfach eingegangen.“ Ein paar Holzbänke im Rang gingen bei der Fanbegeisterung zu Bruch. „Ich glaube, wir hatten einen Schaden von 400 Mark“, sagt Schulz.

Die Fans der Stones zerlegten die Berliner Waldbühne

Die erste Tournee der Stones auf deutschem Boden endete dann doch noch „standesgemäß“. Einen Tag nach dem Auftritt im Circus Krone spielten sie vor 22 000 Menschen in der ausverkauften Berliner Waldbühne. Das anderthalbstündige Vorprogramm örtlicher Beat-Gruppen ging in einem ohrenbetäubenden Kreisch- und Pfeifkonzert unter. Die aufgepeitschten Fans gerieten außer Kontrolle. Die Jugendlichen waren wütend, als Mick Jagger und Co. nach dem kurzen und offenbar wenig überzeugenden Auftritt von der Freiluftbühne verschwanden. Allerdings hatten zuvor Rocker die Bühne gestürmt und konnten nur schwer von der Polizei wieder zurückgedrängt werden. Bänke wurden zertrümmert, Flaschen flogen, die Polizei hielt mit Wasserwerfern dagegen.

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Vier Stunden lang lieferten sich tausende enttäuschte, aggressive Jugendliche im Kessel der Waldbühne eine erbitterte Schlacht mit der Polizei und verarbeiteten dabei fast das gesamte Sitzmobiliar zu Kleinholz. In den umliegenden Stadtteilen geht die Randale weiter, etliche Autos und 17 S-Bahnzüge werden teilweise bis zur Fahruntauglichkeit demoliert. Am nächsten Morgen zieht die Polizei die Bilanz der Schreckensnacht: 87 Verletzte, 85 Festnahmen und ein geschätzter Sachschaden von 400.000 Mark. Die schwer beschädigte Waldbühne sollte danach jahrelang nicht mehr genutzt werden.

In den Boulevard-Zeitungen waren Schlagzeilen wie „Barbarei in Massenhysterie“, „Hölle im Hexenkessel“ oder „Gemetzel der Gammler“ zu lesen.

 

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