40. Weltmeisterschaft in Bodenmais Tischeishockey: Die Party mit dem Puck

Die Tischeishockey-Weltmeisterschaft kommt heim nach Bayern. Dieses Wochenende starten die Spiele in Bodenmais. Foto: privat

Als Schüler hat der Münchner Peter Linden das Brettspiel Tischeishockey erfunden, das heute Fans auf der ganzen Welt hat. Die tragen diese Woche ihre 40. Weltmeisterschaft aus – in Bodenmais.

Peter Linden: Der Münchner Reisejournalist (58) und Dozent an zahlreichen deutschen Journalistenschulen lebt mit seiner Familie im Westend in München. 

Spiele erfunden hat Peter Linden eigentlich permanent, wenn ihm fad war als Schüler am Münchner Adolf-Weber-Gymnasium. Aber eins davon hat seine Freunde wirklich gefesselt.

Dieses Biertablett seiner Mama, auf dem er mit jeweils fünf bemalten Fünfpfennigmünzen zwei Mannschaften aufgestellt hat. In der Mitte ein gelb beklebter Pfennig als Puck. Den galt es ins gegnerische Tablettgriff-Tor zu schießen, zwei Mal zehn Minuten lang – ein bisschen wie beim Billard: Ein flacher Legobaustein schnippt das eigene Spieler-Fünferl an, Fünferl trifft Puck, Puck flitzt ins Tor. Linden nannte das: Tischeishockey.

Aus einer Handvoll Spezln wurde eine weltweite Fangemeinde

1978 war das, und aus der Handvoll Münchner Spezln von damals ist über die Jahre eine weltweite Fangemeinde geworden, mit 15 000 Spielern in 36 Ländern. Der harte Fankern, um die 120 Leute mit 15 Nationalitäten, trifft sich jedes Jahr eine Woche lang irgendwo auf der Welt, um gemeinsam im Urlaub den Weltmeister auszuspielen. Im walisischen Rhayader und dem Schweizer Arosa waren sie schon, im italienischen Riccione, dem griechischen Korinth, dem norwegischen Voss oder dem irischen Dingle. Immer kleine Orte, deren Bewohner eine Woche lang mit den Spielern WM feiern. Im 40. Jahr holt Peter Linden, der inzwischen 58 ist, die Tischeishockey-Weltmeisterschaft heim nach Bayern. Dieses Wochenende starten die Spiele in Bodenmais.

AZ: Herr Linden, wie lange muss man üben, um spontan mitzuspielen bei der WM?
PETER LINDEN: Es reicht, wenn man als Neuling am ersten Wochenende mit den Profis trainiert und die besten paar Tricks gezeigt bekommt. Es gibt jedes Jahr ein paar Wildcards für Einheimische, die sich den Spaß mit uns machen wollen. Der Zauber dieses Spiels ist ja, dass es selbst dann lustig ist, wenn man verliert.

Welche paar Tricks denn?
Wie man die Mannschaft taktisch aufstellt, etwa. Die Fußballregel, möglichst viele Spieler hinterm Ball zu haben, gilt für Tischeishockey auch. Dann: Nicht zu offensiv spielen, gut verteidigen. Und wer schon mal Snooker, Billard oder Darts gespielt hat, ist eh schon mal im Vorteil. Alle Spiele, die mit Zielen zu tun haben, mit ruhiger Hand, einem guten Auge, sind super zur Vorbereitung.

Aber eigentlich geht es gar nicht um einen sportlichen Wettkampf, oder?
Nein, das Spiel ist eine Klammer für unsere Reisen. Ein lustiger Grund, jedes Jahr wieder zusammenzukommen. An die 30 von uns kennen sich seit den Anfängen, haben längst Kinder, sogar Enkel. Wenn wir zusammen reisen, ist es kaum ein Thema, was einer im Alltag macht. Viele wissen von den anderen ernsthaft seit Jahren nicht, was die eigentlich beruflich so tun.

Aber Sie wissen das wohl?
Bei den meisten. Da ist vom Philosophieprofessor über ITler, Werbemenschen, Handwerker, Kaufleute, Lehrer, Lehrlinge und Journalisten alles dabei. Der jüngste Mitfahrer ist heuer zwei Monate alt, der älteste 78.

Die erste Weltmeisterschaft haben Sie 1979 ausgespielt, da hatten Sie gerade Ihr Abi.
Die zog sich in München mit 21 Freunden damals über zwei Wochen hin. Wir waren lauter Münchner und ein Brasilianer. Alle paar Tage gab es einen Spieltag in einem unserer Wohnzimmer.

Was ist aus dem Biertablett geworden?
Das haben wir professionalisiert, natürlich. Die nächste Stufe waren runde Pappen, auf die meine Mutter ihre Puzzles kleben wollte, um sie an die Wand zu hängen. Später sägten wir Resopalbretter aus, haben eine Folie draufgeklebt und die mit Puder bestäubt, damit die Fläche spiegelglatt wird. Als Bande haben wir die Pappe der „Dash“- Waschmitteltrommeln drangetackert, die hatte einen guten Abprall – mit zwei ausgeschnittenen Toren.

„Die dachten natürlich, ich spinne, als ich da mit meiner Platte stand“

Jetzt haben Sie sogar zahlende Sponsoren auf der Bande.
Der Durchbruch kam nach zehn Jahren mit Löwenbräu.

Wie das?
Ich war damals Sportredakteur bei der Süddeutschen Zeitung und kannte den Vorstandschef, weil Löwenbräu den Eishockeyclub EC Hedos gesponsert hat. Als ich von meinem Spiel erzählt habe, fand er das cool. Löwenbräu hat uns für die Bandenwerbung das erste Geld bezahlt, wir konnten in Neuhausen die Clubkneipe „Tabla“ eröffnen – und mit dem Geld 1988 zum ersten Mal ins Ausland nach Wales fahren.

Sind Sie da eigentlich ernst genommen worden?
Die dachten natürlich, ich spinne, als ich mit meiner Platte unterm Arm vor dem walisischen Bürgermeister in Rhayader stand und irgendwas von einer WM erzählt habe.

Aber?
Am Ende sind wir da mit 50 Leuten im Bus hingefahren, haben in einem Matratzenlager in der Schule übernachtet, in sämtlichen Pubs im Dorf die Vorrunden und das Finale gespielt, nette neue Freunde gefunden – und schließlich kam sogar das Fernsehen.

„Verkaufen? Das hätte unsere familiäre Atmosphäre zerstört“

Warum haben Sie das Spiel nie verkauft?
Es gab Mitte der 1990er ein Angebot von einem großen Spieleverlag. Der hat 100.000 D-Mark für die Rechte geboten, und das war natürlich sehr verlockend. Aber das hätte unsere familiäre Atmosphäre zerstört. Man hätte das Spiel dann im Laden kaufen können. Es wäre einfach nicht mehr unser Spiel gewesen.

Welche ist Ihre schönste WM gewesen bisher?
Da gab es so viele, weil wir ja jedes Jahr ein neues Programm haben. Wir spielen ja nur an zwei von sieben Tagen Tischeishockey, alles dazwischen ist Party und Action.

Zum Beispiel?
Wir sind Kanu gefahren auf schwedischen Flüssen, geklettert in Südfrankreich, waren in Norwegen im Windkanal, haben auf Amrum Dünen durchwandert. In der Toskana waren wir Weinfässer rollen und in Schottland haben wir die Highland Games nachgespielt. Jetzt in Bodenmais werden wir nachts auf den Arber steigen und bei Sonnenaufgang am Gipfel frühstücken.

Gibt’s Pannen, die in Erinnerung geblieben sind?
Na klar. In Edinburgh ist einiges schief gegangen – und dann ging im Finale auch noch der Feueralarm los, weil wir Wunderkerzen geschwenkt haben. Wir standen dann alle eine Stunde lang draußen im Regen. Aber so eine eingeschworene Gemeinschaft steckt das weg.

Haben sich Pärchen gefunden?
Einige sogar, auch internationale. Es gibt aus den Beziehungen auch Kinder, die schon mitfahren, samt deren Freunden. Zum Glück ist das so, das Spiel wird deshalb nicht mit mir älter. Nur der Rahmen ist heute weniger studentisch. Wir schlafen nicht mehr in Turnhallen, sondern heuer in Vier-Sterne-Hotel Waldeck.

Wie lange machen Sie weiter?
So lange mir schöne Ziele einfallen – und die gehen mir als Reisejournalist nicht aus. Nächstes Jahr geht’s nach Bitonto in Apulien. Und ich habe schon Bewerbungen für 2020. Wir müssen uns heute nicht mehr mit der Platte unterm Arm irgendwo vorstellen. Man bittet uns, zu kommen. Cool, oder?

 

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