4,5 Tonnen Müll am Wochenende Müllschicht nach Flaucher-Feierei: Was soll die Sauerei?

Na, hat’s geschmeckt? Neben der Tierparkbrücke haben Griller ihre Reste hinterlassen. Foto: Daniel von Loeper

Feiern am Flaucher heißt jedes Wochenende bis zu 4,5 Tonnen Müll. Dagegen helfen auch mehr Mistkübel wenig.

 

München - Ein Sonntagmorgen im Münchner Süden, im Landschaftschutzgebiet. Süßlicher Geruch steigt aus den Müllcontainern. Zwischen Isarkies liegen Plastikbecher, Bierflaschen und Pappteller, an denen Marinade und angetrockneter Ketchup klebt.

Irgendwo weiter unten auf der Kiesbank hat jemand seine Einweggrills vergessen – die Partygesellschaft muss sehr überstürzt aufgebrochen sein, denn sie hat einfach alles liegengelassen. Aluschalen, Kronkorken und Kippen.

Jedes Wochenende schaut der Flaucher nach Müllkippe aus

Es sind die Hinterlassenschaften eines typischen Schönwetterwochenendes am Flaucher. Der renaturierte Abschnitt beim Tierpark – idyllisch und an schönen Tagen heillos überlaufen. Was das bedeutet, sieht man sonntags um halb sechs Uhr, wenn die Feiernden wieder weg sind. Die Natur hat eine Müllschicht bekommen. Wie sie es immer tut, wenn es am Vortag nicht in Stömen geregnet hat.

Um dagegen vorzugehen, stellt die Stadt auf: 95 Gitterboxen, sogar sechs riesige Müllcontainer, an schönen Wochenenden zwei zusätzliche. 91 Kubikmeter Sammelvolumen kommen so zusammen. Und sie sammelt ein: Untertags, aber auch in der Früh, an den Wochenenden, wenn die, die am Flaucher gefeiert haben, noch im Bett liegen.

Zwischen 3,5 und 4,5 Tonnen Flaschen, Grillgut, Asche und Plastik sammeln die Helfer an einem Schönwetterwochenende an der Isar ein. Wenige Stunden nur braucht es, bis aus der Müllkippe Flaucher wieder das saubere Naherholungsgebiet wird, das Jogger, Flaneure und Sonnenanbeter so lieben.

Das Bewusstsein für die Natur schwindet

Doch mit dem Müll scheint auch das Bewusstsein zu verschwinden. Wie sonst erklärt es sich, dass schon eine Woche später um fünf Uhr früh alles wieder genauso verdreckt ausschaut?

Wobei einiges an Verschmutzung auch nicht auf den ersten Blick sichtbar ist – und darüber kann man wahrscheinlich froh sein. Wer in den Grünstreifen zwischen Kiesbett und Radlwegen Bärlauch sucht beispielsweise, sollte bedenken, dass die grünen Blätter wahrscheinlich mehr gedüngt sind, als dem Sammler lieb ist...

Zumindest dagegen hat die Stadt etwas getan, sie stellt mobile Toiletten auf, 25 sind es am belebten Isarabschnitt, manchmal auch mehr. Und: Seit Februar vergangenen Jahres gibt es sogar wieder zwei feste Toilettenhäuschen, die weniger seltsam nach Kaugummi und anderen Dingen riechen als die Klos aus Plastik. Freilich, es ist ein Angebot, das auch genutzt werden muss, wenn’s pressiert. Zum Bärlauch pflücken wird der Flaucher wahrscheinlich nie mehr der Geheimtipp.

Im Viertel sind die Nerven vieler arg strapaziert. Der Müll, die Grillschwaden, vergangenen Sommer haben Anwohner eine Petition gestartet, um das Grillen am Flaucher zu verbieten (AZ berichtete), daraus ist nichts geworden.

Nun hat die Stadt nach Angaben der Freien Wähler auch noch Schadstoffmessungen in der Grillzone abgelehnt. Solche seien nicht zielführend, habe die Stadt ihm gegenüber argumentiert, erklärte der Freie-Wähler-Abgeordnete Michael Piazolo dieser Tage. Daraus würden sich sowieso keine rechtlichen und praktischen Konsequenzen ergeben. Piazolo kann es nicht fassen. Offenbar sehe die Stadt keinen Handlungsbedarf an der Isar, schimpfte er. Piazolo hofft, dass sich nun die Staatsregierung einschaltet.

Der Weg zur Lösung ist zäh

Es gibt auch sanftere Versuche, auf die Menschen einzuwirken: Der Supermarkt am Thalkirchner Platz hat seine Papiertüten mit Isarmotiv bedruckt. "Zammramma"  steht drauf. Und es gibt Aktionen, bei denen man um die Ecke denken muss, wie bei der der Mitglieder des Vereins "Deine Isar": Sie lassen die Leute herzförmige Isarkiesel sammeln. Die werden im September versteigert und kommen dem Verein, der sich um die Sauberkeit am Fluss kümmert, zugute. Vielleicht, so die Hoffnung, denken die Flaucherbesucher daran, ihren Müll wieder mitzunehmen, wenn sie beim Kieselsteine-Suchen mehr Plastikgabeln als Herzkiesel finden.

Es ist schwierig und der Weg zur Lösung zäh – München ist da nicht alleine.

Gleichgültigkeit und Unwissen sind die Haupttreiber für das Müllproblem

Clean Europe Network hat mit Unterstützung der Europäischen Kommission in mehreren Städten Europas untersucht, warum Menschen ihre Umgebung vermüllen. Man könnte die Ergebnisse unter den Schlagworten Gleichgültigkeit und Unwissen zusammenfassen.

Unwissen, weil viele, so die Forscher, doch irgendwie zu glauben scheinen, die Natur werde es schon selbst richten. Gleichgültigkeit, weil man seinen Saustall nicht ständig ansehen muss. Anders als in der eigenen Wohnung kann man ja immer woanders hingehen – und bis man zurückkommt, wird schon wer anderes aufgeräumt haben.

Die Forscher haben einen Leitfaden entwickelt, wie man dieses Verhalten aufbrechen kann. Oder es zumindest versuchen. Erziehung sei wichtig, so Clean Europe Network – und das am besten sehr früh. Zwischen fünf und zwölf Jahren könne man Kindern noch gut vermitteln, dass Müll in den Eimer gehört und nicht an den Kiesstrand. Danach kommt die Pubertät, wo ohnehin alles schwierig wird. Und Erwachsenen noch Vernunft beibringen? Leider kaum mehr möglich.

11.116 Kronkorken im Monat

Man kann ihrer Bequemlichkeit entgegenkommen, möglichst viele Müllbehälter an vielen Stellen aufstellen. Den Spieltrieb wecken mit kreativen Müllsammelanlagen. Die Studie nennt hier eine Müllstraße in Dänemark: Damit Autofahrer ihren Müll nicht einfach aus dem Fenster schmeißen, stellten die Behörden am Straßenrand trichterförmige Behälter auf sowie Schilder mit der Aufforderung, den Müll doch zielgerichtet im Vorbeifahren einzuwerfen als ziellos aus dem Fenster zu pfeffern.

In München hat der Verein "Rehab Republic" 2017 eine Art Murmelbahn für Kronkorken aufgestellt, um die Deckel zu sammeln. Innerhalb eines Monats kamen 11 116 Kronkorken zusammen. Nicht schlecht, aber angesichts des Müllproblems auch recht wenig. So stellen auch die Forscher beim Clean Europe Network resigniert fest, dass Mülltonnen aufzustellen zwar eine schnelle Maßnahme sei, aber "eine Erfolgsgarantie gibt es nicht".

Und was ist mit Zwang? Die Stadt hat einen privaten Sicherheitsdienst an den Flaucher geschickt. Auch die Polizei hat am Wochenende mehrmals Einsatzkräfte an den Fluss geschickt. Das letzte Mal kurz nach vier Uhr. Freilich, diejenigen, die mit den meisten Promille und am aller spätesten von der Kiesbank wanken, sind wahrscheinlich auch die, die dort besonders gern vergessen, ihren Einweggrill noch zur Gitterbox zu tragen.

Doch zu diesen Zeiten haben die Sicherheitsdienstler ihre Schicht natürlich schon beendet.


AZ-Umfrage: Hat der Flaucher ein Müllproblem?

Marie Timmich (21): "Ich sehe das nicht so problematisch. Die meisten nehmen ihren Müll wieder mit und die Pfandflaschen werden von den Flaschensammlern eingesammelt. Was allerdings gut wäre, wären mehr Mülleimer."

Ekaterina Kashcheeva (44) mit Tochter Lora (12): "Es gibt ein Müllproblem an der Isar. Härtere Strafen helfen immer. Gerade Glasscherben sind ein Problem. Ein Verbot von Glasflaschen halte ich nicht für durchführbar. Das Problem mit dem Plastikmüll würde dadurch noch größer."

Marion Liertz (56): "Glasflaschen sind ein Problem für Badende, Fußgänger und Hunde. Es ist nicht immer böser Wille. Boote, die Kästen Bier dabeihaben und kentern, liegengebliebene Flaschen im Dunkeln. Toll wäre, wenn mehr Schulklassen zum Müllsammeln gehen würden."

Bernd Herrndorf (52): "Ich finde, es gibt zu wenig Mülltonnen. Ja klar, wenn Jugendliche abends feiern, hilft Aufklärung nicht mehr viel. Ein Glasflaschenverbot halte ich für sehr sinnvoll. Immer wieder hört man von Notarzteinsätzen wegen schlimmen Schnittverletzungen."

 

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