24 Stunden Bau-Belästigung? Paulanergelände am Nockherberg: Nachts auf der Großbaustelle

"Wir haben fast Angst, dass das Haus zusammenbricht", sagt Anwohnerfamilie Sailer. Auf dem Nockherberg wird noch bis 2023 gebaut. Foto: Sigi Müller

Auf dem ehemaligen Paulanergelände am Nockherberg wird seit einem halben Jahr gebaut - nun rund um die Uhr. Für die Anwohner ist die Situation unerträglich.

München - In der Zwei-Zimmer-Wohnung von Karin S. in der Welfenstraße am Nockherberg vibrieren Boden und Wände, überall liegt eine feine, graue Staubschicht.

Seit Mai wird auf dem ehemaligen Paulaner-Gelände in der Au gebaut. Solange schon leidet die Anwohnerin Karin S. unter dem Lärm und Staub (AZ berichtete).

Rund 1.500 neue (Luxus-)Wohnungen werden auf insgesamt 150.000 Quadratmetern am Nockherberg gebaut. Das soll voraussichtlich bis 2023 dauern. Nun wird sogar rund um die Uhr auf der Baustelle gebaut, sagen die Anwohner. Laut dem Bauherren, der Bayerischen Hausbau, handelt es sich dabei jedoch nur um Ausnahmen. So sei in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag, "eine Bodenplatte betoniert" worden. Dennoch sei es "grundsätzlich jedem Bauherrn in der Stadt auf jeder Baustelle erlaubt, 24 Stunden täglich Arbeiten durchzuführen", sofern "die zulässigen Emissions-Grenzwerte nicht überschritten" werden.

Die normalen Arbeitszeiten auf der Baustelle am Nockherberg seien Montag bis Samstag von 7 bis 20 Uhr. Die Bayerische Hausbau habe keine Sondergenehmigung bei der Lokalbaukommission beantragt, gibt sie selbst an.

Doch laut den Anwohnern sieht das in der Realität anders aus. Für Karin S. ist die Situation besonders schwer erträglich, denn sie leidet an der Hauterkrankung Vitiligo, auch Weißfleckenkrankheit genannt. Ihre Haut ist sehr lichtempfindlich und deshalb kann sie ihre Wohnung fast nie verlassen. Und die ist von insgesamt drei Baustellen umgeben.

In ihrem Internet-Blog dokumentiert sie als "Muschelschloss" seit Baubeginn mit Fotos und Berichten das Geschehen auf der Baustelle. "Um halb sechs in der Früh wird hier längst gearbeitet", erzählt sie. "Dann stehen hier Lkw, die etwas anliefern, und lassen ihre Motoren laufen."

Flutlicht beleuchtet schon vor 7 Uhr die Baustelle, wie Karin S.' Foto zeigt.
Flutlicht beleuchtet schon vor 7 Uhr die Baustelle, wie Karin S.' Foto zeigt. Foto: Karin S.

"Wir haben fast Angst, dass das Haus zusammenbricht"

Für Familie Sailer, Nachbarn von Karin S., ist besonders das grelle Flutlicht auf der Baustelle ein Problem. "Das Licht beeinträchtigt unseren Schlafrhythmus sehr. Man wacht mitten in der Nacht auf und es ist draußen hell", erzählen sie.

Auf AZ-Anfrage sagt die Bayerische Hausbau dazu: "Das Arbeitslicht wird ebenfalls mit Beendigung der Arbeiten um 20 Uhr ausgeschaltet. Dann ist lediglich noch eine LED-Leiste als Mindestbeleuchtung eingeschaltet, die zur Sicherung der Baustelle notwendig ist."

Das können die Anwohner jedoch nicht bestätigen. Auch die Vibrationen durch die Bauarbeiten spürt Familie Sailer deutlich: "Wir haben da fast Angst, dass das Haus zusammenbricht." Für die jungen Eltern und ihre Kinder wäre es schon eine Erleichterung, wenn nicht mehr nachts gearbeitet und das Flutlicht ausgeschaltet würde.

Doch Karin S. ist mittlerweile am Ende ihrer Kräfte. "Ich zittere ständig, manchmal liege ich im Bett, weil mir so schlecht ist. Und dann bebt immer noch mein Bett", klagt sie. Der Staub macht ihr auch zu schaffen: "Wenn ich staubsauge und dann für fünf Minuten das Fenster öffne, knirscht der Fußboden vor Dreck."

Deshalb sucht die 58-Jährige seit dem Frühjahr nach einer neuen Wohnung - bisher ergebnislos. "Ich bin ein Münchner Kindl und würde gerne hier bleiben", sagt sie, "aber ich suche bayernweit." Seit 2008 bezieht sie Erwerbsminderungsrente, ihre Wohnung für 440 Euro kann sie sich gerade so leisten. "Ich brauche aber eine Zwei-Zimmer-Wohnung. In nur einem Raum würde mir irgendwann die Decke auf den Kopf fallen. Ich bin ja nur zuhause."

Unterstützung bekommt Karin S. mittlerweile vom Hamburger Rechtsanwalt Bernd Vetter, ein Spezialist für Mietrecht. Er hat sich mit der Bayerischen Hausbau in Verbindung gesetzt.

Auf 150.000 Quadratmetern entstehen rund 1.500 neue Wohnungen.
Auf 150.000 Quadratmetern entstehen rund 1.500 neue Wohnungen. Foto: Sigi Müller

 

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