23-Jähriger mit schwersten Verletzungen Ein Opfer erzählt: Selbstgemachte Böller schossen mich ins Koma

, aktualisiert am 28.12.2017 - 18:04 Uhr
Oliver S. mit einem Foto der völlig zerstörten Garage – die Wucht der Explosion verletzte ihn lebensgefährlich. Foto: Daniel von Loeper

Illegales Feuerwerk verursacht jedes Jahr etliche Unfälle – ein junger Mann erzählt, wie er Silvester fast nicht überlebt hätte.

 

München - An den Tag, an dem Oliver S. (Name von der Redaktion geändert) fast gestorben wäre, kann er sich so gut wie nicht mehr erinnern. Nicht an die zwei Explosionen, nicht an den Flug mit dem Rettungshubschrauber und nicht an die Stunden und Tage danach, als die Ärzte um sein Leben kämpften: "Ich war weg", beschreibt er die drei Wochen, die er im Koma lag, "und dann war ich wieder da – mit dem Bewusstsein, dass ich richtig Mist gebaut habe."

Selbstgebaute Böller in der Garage

Dabei beginnt für den 23-Jährigen der 29. Dezember 2016 aus seiner damaligen Sicht harmlos. Er hatte sich mit Freunden in einer Garage in Schwabhausen (Lkr. Landsberg am Lech) getroffen. Die Gruppe wollte Feuerwerk für Silvester herstellen. Eine Tradition der Clique: "Wir haben damit angefangen, da waren wir noch nicht volljährig. Anleitungen gibt es im Internet, die Zutaten in jedem Supermarkt", schildert S.

Die Zutaten möchte S. in einer Metallschüssel noch feiner mahlen. Dazu setzt er sich auf eine Bank und klemmt sich die Schüssel zwischen die Beine. Ein Freund fragt noch, ob das nicht gefährlich sei, doch zu spät. Die Mischung explodiert. Die Wucht reißt die Garagentür aus den Angeln und S. das Fleisch so von den Oberschenkeln, dass die Knochen hervorschauen. S. wird mit lebensbedrohlichen Verletzungen in eine Klinik in München geflogen. Auch einer seiner Freunde wird schwer verletzt.

Böller aus dem Ausland: "Nichts für Laien"

Fälle wie dieser sind kein Einzelfall. Jedes Jahr haben Polizei und Rettungskräfte mit den Folgen leichtfertiger Böllerei zu tun. 75 Fälle wurden der bayerischen Polizei zum vergangenen Jahreswechsel gemeldet – die Dunkelziffer dürfte höher sein. Jürgen Gust, ist Sachgebietsleiter für Sprengstoff- und Strahlendelikte beim Landeskriminalamt. Er warnt nicht nur vor selbstgebauten Böllern, sondern auch vor Feuerwerk aus dem Ausland. Insbesondere die Böller aus Osteuropa und China seien unberechenbar: "So etwas gehört nicht in die Hände von Laien."

Wenn Gust die Unterschiede zwischen deutschen und ausländischen Böllern demonstrieren will, greift er dazu in die Gemüsekiste. Ein Kohlkopf soll die Sprengkraft verdeutlichen. Zunächst zündet Gust einen handelsüblichen deutschen Böller in dem Kohl. Der übersteht die Explosion fast unbeschadet.

Das nicht einmal drei Gramm schwere Pendant aus Tschechien zerfetzt das Gemüse dagegen mit einem lauten Knall. "Und jetzt stellen Sie sich statt des Kohls Ihre Hand vor", sagt Gust mit Blick auf die meterweit verstreuten Blattstücke. "So etwas kann Ihnen alle Finger wegreißen."

Der LKA-Experten rät, nur hierzulande geprüfte und zugelassenen Böller zu kaufen und sich dabei immer strikt an die Gebrauchsanweisung zu halten. "Wenn unsere Präventionshinweise beachtet werden, werden wir auch weniger Verletzte zu verzeichnen haben", davon ist Gust überzeugt.

Dieses Jahr will Oliver Silvester ohne Feuerwerk feiern

Feuerwerksopfer Oliver S. weiß: Er hatte Glück im Unglück. Ein Jahr nach dem Unfall kann er wieder normal laufen und Sport treiben. Trotzdem sitzt der Schock noch tief bei ihm und seinen Angehörigen. Silvester will der 23-Jährige dieses Jahr deshalb ohne Feuerwerk feiern: "Gemütlich mit der Familie", sagt er.

Und obwohl er die Ereignisse noch immer nicht ganz verarbeitet hat, will er seine Geschichte erzählen – um andere zu warnen. Denn S. weiß, wie leicht es ist, die Gefahren der Böller zu unterschätzen: "Wir dachten auch, es sei ein kalkulierbares Risiko, es ist kein kalkulierbares Risiko." Sein Appell an Feuerwerksfreunde lautet deshalb, sich fernzuhalten von Knallern fragwürdiger Herkunft: "Es lohnt sich nicht, sein Leben dafür zu riskieren, dass es ein bisschen mehr knallt."


Die DLRG rät – So helfen Sie bei Silvester-Notfällen

  • Verbrennungen: Schnell reagieren! Kleinere Verbrennungen sollen gekühlt werden, großflächige nicht, da sonst eine Unterkühlung droht. Verbrennungen, die größer als die Handfläche sind, erfordern die Behandlung eines Arztes.
  • Handverletzungen: Größere Wunden müssen sofort steril abgedeckt werden. Bei größerem Blutverlust rufen Sie sofort einen Notarzt! Falls Finger oder Fingerteile abgerissen wurden, versuchen Sie, diese zu bergen und geben Sie sie den Rettungskräften mit.
  • Augenverletzungen: Verbinden Sie bei einer Augenverletzung immer beide Augen, damit das verletzte Auge nicht mehr bewegt wird. Wichtig ist es, bei ernsten Verletzungen umgehend die 112 zu wählen.
  • Alkoholvergiftungen: Maßloser oder ungewohnter Alkohol-Konsum kann zu einer Vergiftung führen – mit lebensgefährlichen Folgen. Ein leichter Rausch ist noch kein Notfall. Aber wenn jemand durch überhöhten Alkoholgenuss zusammenbricht, muss das unbedingt ernst genommen werden. Sofort Atmung und Puls prüfen! Bleibt die Person auch nach wiederholten Ansprechversuchen bewusstlos, unbedingt einen Notarzt rufen. Es besteht die Gefahr, dass der Bewusstlose erbricht und die Atemwege verschlossen werden. Deshalb den Betroffenen in stabile Seitenlage bringen und möglichst warm halten. In einer kalten Silvesternacht im Freien sind solche Maßnahmen wegen der drohenden Unterkühlung lebensrettend.

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