250 Jahre Napoleon Der Korse und Korsika

Napoleon (mit Möwe) und seine vier Brüder in römisch-imperialer Pracht in Ajaccio. Foto: Volker Isfort

Napoleon ist natürlich der bekannteste Korse – auf seiner Heimatinsel allerdings nicht der beliebteste

 

Für seine strategisch wichtige Lage im Mittelmeer hat Korsika einen hohen Preis bezahlt: den der Unfreiheit. Denn wer immer seit den Phöniziern die Vorherrschaft über das Ligurische und Tyrrhenische Meer hatte, besetzte die Insel, zumindest die entscheidenden Häfen. Das Innere der Insel – das felsige Gebirge, die unzugänglichen Schluchten und Wälder – formte den Charakter. „Die Korsen, ohne jede Zivilisation, sind beinahe so unbezähmbar wie die wilden Tiere“, schrieb der Römer Livius vor 2000 Jahren. Aber selbst im 18. Jahrhundert glaubten die Philosophen, auf dem abseits der europäischen Zivilisation liegenden Korsika den Naturzustand der Menschen vorgefunden zu haben.

Berühmtester Sohn der Insel ist natürlich Napoleon, der am 15. August vor 250 Jahren geborene Revolutionär und spätere französische Kaiser. Schon Monate vor diesem Datum feierte ihn dessen Geburtsstadt Ajaccio mit Kostümumzügen. Hier ist er von der „Pharmacie Impériale“ auf dem Cours Napoléon bis hin zum „römischen“ Denkmal über dem Stadtstrand allgegenwärtig.

Pasquale Paoli ist der Held Korsikas

Bis heute verehrt und verklärt wird allerdings Pasquale Paoli, der „Vater des Vaterlandes“, der auch den aktuellen Nationalisten als Ankerfigur dient. Denn Paoli öffnete 1755 das winzige Fenster der Freiheit, als es den Korsen gelang, die schon lange schwächelnde Besatzungsmacht Genua loszuwerden. Der korsische Freiheitskampf faszinierte die Bürger damals weit über die Salons von Paris und London hinaus. „Das ganze aufgeklärte Europa war korsisch“, schrieb Voltaire. Selbst die Amerikaner tauften eine Stadt in Pennsylvania Paoli. Und Rousseau begann, eine Verfassung für Korsika zu entwerfen, die er aber nicht vollendete, weil ein Freund ihm die Insel und ihre Bewohner in den trübsten Farben schilderte.

Trotzdem verabschiedete Paoli eine Verfassung, die später als eine der ersten demokratischen gerühmt wurde, auch wenn er selbst einen autoritären Führungsstil bevorzugte und praktizierte. Sein Ziel war es, aus der kulturell rückständigen, von Clanstrukturen, Blutrache und Armut geprägten Gesellschaft eine moderne Nation zu machen. So gründete er 1765 die erste korsische Universität in Corte.

Aber für seine optimistischen Pläne blieb ihm nicht genug Zeit. Im Mai 1768 unterzeichnete die Republik Genua in Versailles eine Vereinbarung über die Abtretung Korsikas an Frankreich. Ein Jahr später schlugen die Franzosen die korsischen, meist aus ausländischen Söldnern bestehenden Truppen endgültig, und Pasquale Paoli musste zurück ins Londoner Exil.

Flucht nach Ajaccio

Ein gewisser Carlo Buonaparte, der noch in der Hauptstadt Corte für Paoli gearbeitet hatte, floh mit seiner Frau per Maulesel über die steilen Gebirgspässe nach Ajaccio. Letizia Buonaparte war im sechsten Monat schwanger, sie sollten das Kind später auf den Namen Napoleon taufen.

Carlo erkannte die Zeichen der neuen Zeit sehr schnell. Er leistete den Eid auf den König von Frankreich, nannte sich von jetzt an Charles und wurde Mitglied der Anwaltskammer von Ajaccio. Als gutes korsisches Familienoberhaupt setzte er nun alles daran, die Zukunft seiner Söhne zu sichern – und da bot die neue Zugehörigkeit zu Frankreich bessere Chancen als die starre korsische Gesellschaft. Dass Letizia ein Verhältnis mit Graf Marbeuf unterhielt, dem französischen Gouverneur der Insel, half der Karriere ihres Mannes und führte zum Erwerb eines Adelstitels. Als Charles de Bonaparte hoffte er, alle Spuren von korsischer Kleinbürgerlichkeit verwischen zu können.

Im Dezember 1778 verließen Napoleon und sein älterer Bruder Joseph Korsika, um in Frankreich ausgebildet zu werden. Napoleon kam nach Autun und dann auf die Militärschule nach Brienne in der Champagne, wo ihn die Mitschüler zunächst wegen seines harten korsischen Dialekts aufzogen. Der eher einzelgängerisch veranlagte Junge bekämpfte sein Heimweh mit Büchern über korsische Geschichte, verschlang aber auch die Klassiker und wurde im Alter von 16 Jahren und fünfzehn Tagen Offizier, wie er stolz notierte.

Niedrige Seelen

Erst neun Jahre nach seinem Abschied von der Insel kehrte Napoleon im August 1786 zurück und sah zum ersten Mal die Geschwister, die nach seiner Abreise zur Welt gekommen waren.

Sein Vater war ein Jahr zuvor gestorben, und Napoleon fühlte sich als verantwortliches Familienoberhaupt, weil ihm sein älterer Bruder Joseph für diese Rolle zu weich erschien. In Frankreich hatte sich Napoleon zu einem glühenden korsischen Nationalisten entwickelt und wetterte nicht nur gegen jene „niedrigen Seelen, die sich den Franzosen als Erste in die Arme warfen“, sondern bezeichnete explizit seinen toten Vater als Verräter. Der Hass saß so tief, dass er es auch Jahre später, auf dem Gipfel seiner Macht, ablehnte, für seinen Vater ein Denkmal errichten zu lassen.

Die Französische Revolution setzte auch auf der Insel neue Kräfte frei, allerdings sehr widersprüchliche. Am 30. November 1789 erklärte die französische Nationalversammlung, „dass Korsika zu Frankreich gehört und die Einwohner von derselben Verfassung regiert werden sollten wie die anderen Franzosen“. Doch viele Korsen wollten mit den Fesseln der Monarchie auch die Bindung ans Festland über Bord werfen.

Eigene Pläne

Unter großem Jubel der Bevölkerung kehrte Paoli aus dem englischen Exil nach Korsika zurück. Doch mit dem neuen Freiheitsbegriff hatte der 64-Jährige seine Schwierigkeiten: Er glaubte fest an das Autoritätsprinzip des guten Patriarchen. Napoleon und Joseph bemühten sich um die Freundschaft von Paoli, doch als es Napoleon nicht gelang, mit 300 Männern die von den Franzosen besetzte Festung in Ajaccio zu befreien, verlor er den Respekt von Paoli.

Napoleon setzte im zunehmend unübersichtlichen politischen Kampf auf das falsche Pferd. Sein erneuter Versuch, Ajaccio unter seine Kontrolle zu bringen, scheiterte kläglich. Paolis Anhänger plünderten und besetzten das Haus der Bonapartes. Letizia musste sich kurzzeitig mit ihren Kindern in der Macchia Korsikas verstecken, wie es seit Jahrhunderten die Mörder vor der Vendetta getan hatten.

Schließlich gelang es ihr, mit hunderten anderen Vertriebenen auf einem französischen Schiff nach Toulon zu fahren, wo die nun mittellose und ganz von Napoleon abhängige Familie zumindest in Sicherheit war. Diese Schmach sollte Napoleon seinen Landsleuten nie verzeihen. Es war nicht nur der Abschied von der Insel seiner Kindheit, sondern auch vom politischen Helden seiner Jugend. „Paoli trägt Güte und Sanftheit im Gesicht, im Herzen aber Hass und Rachsucht“, schrieb er.

Paoli verfolgte seine eigenen Pläne. Unter dem Schutz der Briten spaltete er Korsika von Frankreich ab. Doch das anglo-korsische Königreich, formal unter der britischen Krone, hatte nur zwei Jahre Bestand. Als sich die Briten zurückzogen, hatte auch Paoli keine andere Wahl, als erneut ein Schiff ins britische Exil zu nehmen. Dort starb er 1807.

Duft der Macchia

Zwar konnten die Buonapartes nach der neuerlichen Vertreibung der Briten ihr Haus in Ajaccio wieder in ihren Besitz nehmen, aber Napoleon selbst, dessen steiler Aufstieg mit dem Italienfeldzug 1796 begann, sah seine Insel nur noch ein einziges Mal. Als er 1799 nach dem fehlgeschlagenen Ägyptenfeldzug nach Frankreich zurücksegelte, hielt ihn der Mistral vom 1. bis zum 7. Oktober auf der Insel fest. Er besuchte seine alte Amme und soll von den Korsen sogar bejubelt worden sein. Aber im Herzen war Napoleon nun ein Franzose und die Insel viel zu klein für seine Visionen. Die politische Autonomie für Korsika war für den Mann, der Europa eroberte, selbstverständlich gar kein Thema.

Er reduzierte zwar die Steuerbelastung der Korsen, setzte aber auch von 1802 bis 1811 den berüchtigten General Morand als Militärgouverneur ein, der jedes Erglimmen einer neuen Befreiungsbewegung mit Massenhinrichtungen ersticken ließ. Und natürlich blieb Paolis Corte nicht länger Hauptstadt: Dieses Privileg fiel nun Ajaccio zu.

Am Ende seines Lebens, auf dem 7000 Kilometer von Korsika entfernten kargen Eiland St. Helena, sollte sich Napoleon wieder an den einzigartigen Duft der Macchia erinnern, der heute in jedem Souvenirladen, in Stoffbeutelchen abgepackt, zu erwerben ist – gleich neben den Büsten von Napoleon und Pasquale Paoli.

Den besten Überblick über das Leben Napoleons auf Korsika gibt die Biografie „Bonaparte“ von Patrice Gueniffey (Suhrkamp Verlag, 1288 S., 58 Euro)
 

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading