20 Jahre nach der Bluttat Amoklauf von Bad Reichenhall gibt weiter Rätsel auf

Schreckliche Erinnerungen: Rettungskräfte transportieren am Tag der Tat in der Nähe des Hauses, aus dem Martin P. schoss, eine Leiche ab. Foto: Stefan Puchner/dpa

Am 1. November 1999 schießt Martin P. mit der Waffe seines Vaters um sich. Er tötet vier Menschen und sich selbst – 20 Jahre später bleibt Vieles ungeklärt.

 

Bad Reichenhall - Idyllisch vor der Bergkulisse zeigen Bilder das Wohnhaus der Familie, Blumen zieren den Balkon. Die Eltern sind auf den Friedhof ans Grab seiner Großmutter gegangen. Es ist Allerheiligen, der Tag der Toten, als der 16-jährige Martin P. mit Waffen seines Vaters im oberbayerischen Kurort Bad Reichenhall ein Massaker anrichtet.

1.11. 1999: 18-Jähriger tötet vier Menschen und sich selbst

Am 1. November 1999 erschießt er seine 18 Jahre alte Schwester und feuert aus der elterlichen Wohnung wahllos auf Passanten. Ein Fußgänger (54) und ein Nachbarehepaar (59/60) sterben. Am Ende jagt sich der Schütze eine Kugel in den Kopf.

Die Bilanz: fünf Tote und fünf Schwerverletzte, unter ihnen der Schauspieler Günter Lamprecht und seine Lebensgefährtin, die zufällig vor dem Haus unterwegs waren. Auch 20 Jahre später ist unklar, was sich in der Wohnung zwischen den Geschwistern abspielte, was Martin P. trieb, den Waffenschrank des Vaters aufzubrechen und zu töten.

Amoklauf von Bad Reichenhall: Vieles ist auch 20 Jahre später unklar

"Es war das erste Mal, dass das Phänomen bei uns auftrat", sagt der heutige Münchner Polizeipräsident Hubertus Andrä, der damals den Einsatz leitete. "Natürlich habe ich diesen Tag noch im Kopf", sagt er. Zuerst habe man geglaubt, der Vater schieße – weil er eine gewisse Nähe zu Waffen gehabt habe.

Bis dieser mit seiner Frau an der polizeilichen Absperrung auftaucht. "Da war klar, dass möglicherweise sein Sohn der Schütze ist." Dramatische Szenen spielten sich damals vor dem Wohnhaus des 16-Jährigen ab. Stundenlang konnten Verletzten und Tote nicht geborgen werden, weil Martin P. mit einem halbautomatischen Selbstladegewehr aus zwei Fenstern der elterlichen Wohnung schoss.

Amoklauf war in Bad Reichenhall lange ein Tabu-Thema

Bei vielen ist die Tat weniger in Erinnerung geblieben als spätere Amokläufe. Die Aufarbeitung der Tat gestaltete sich schwierig. Lange Zeit wollte man in Bad Reichenhall nicht über die Ereignisse sprechen.

Die Ermittler betrachteten derartige Taten als bedauerliche Einzelfälle und nicht, wie heute, als Massenphänomen. Vor dem Amoklauf in Erfurt 2002 mit 17 Toten, sagt der ehemalige Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden Rudolf Egg, sei man eher von allein in der Persönlichkeit des Täters begründeten Einzeltaten ausgegangen. "Man hat sie als etwas Isoliertes angesehen."

Nach Erfurt und dem Schulmassaker in Winnenden 2009 kam Egg zufolge verstärkt die Frage nach Hintergründen auf. Eine positive Lehre sei, dass man mehr auf am Rand stehende Menschen achte. "Die Störer kann man nicht übersehen. Es sind aber oft diese Stummen, eher Depressiven und Suizidalen, die dann völlig unerwartet solche Taten begehen."

Bad Reichenhall: Amokläufer war unauffälliger Einzelgänger

Ähnlich wurde Martin P. beschrieben: als unauffälliger Einzelgänger. Den Ermittlungen zufolge hatte er sich für die Neonazi-Szene zu interessieren begonnen. In seinem Zimmer hing ein Hakenkreuz, er hörte Musik mit gewaltverherrlichendem Inhalt, sah sich Gewaltvideos an. Politische Motive schieden nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft aus. Dennoch sagt Kriminologe Egg: "Sympathie mit dem Naziregime kann einem Täter subjektiv Stärke verleihen." Einem schwachen Menschen könne es das Gefühl geben, einer großartigen Bewegung anzugehören.

Insgesamt 50 Schüsse feuerte der Berufsschüler aus vier Waffen ab. Seiner Schwester schoss er fünf Mal in Kopf und Brust – es wirkte fast wie eine Hinrichtung.


So erlebte Ministerpräsident Edmund Stoiber den Amoklauf

Das Elternhaus des Amokschützen befand sich unmittelbar neben dem städtischen Krankenhaus des 17.000-Einwohner-Städtchens. Deshalb fielen ihm auch Patienten der Klinik zum Opfer, als er aus den Fenstern des Hauses schoss. Die zum Tatort geeilten Polizisten hatten Mühe, die Opfer aus dem Schussfeld zu bergen.

Erst Stunden später, als der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) – er war zufällig in der Region – seine gepanzerte Dienstlimousine als Schutzschild für die Helfer schickte, konnten die Opfer aus dem Kugelhagel geholt werden.

Stoiber: "Ich habe sofort einen gepanzerten Dienstwagen geschickt"

Bayerns Ministerpräsident a.D. erinnert sich für der AZ: "Ich war an diesem Feiertag – Allerheiligen – bei Kurt Biedenkopf zu Besuch, in seinem Ferienhaus am Chiemsee. Wir haben uns auch dort hin und wieder zu politischen Gesprächen getroffen, weil wir als bayerischer bzw. sächsischer Ministerpräsident immer eng zusammengearbeitet haben. So auch im November 1999.

Ich bin von meinen Sicherheitsbeamten über den Vorfall informiert worden. Es hieß, dass der Amokläufer aus dem Fenster schießt und die Polizei deshalb Verwundete nicht bergen kann. Bad Reichenhall ist nicht weit vom Chiemsee entfernt. Ich habe deshalb sofort einen Fahrer mit meinem gepanzerten Dienstwagen dorthin geschickt, damit die Einsatzkräfte ihn vor Ort benutzen konnten. Es war eine Ausnahmesituation, die im Anschluss daran eine große Sicherheitsdebatte ausgelöst hat.

Stoiber: "Staatsregierung wollte Killerspiele verbieten"

Aus solchen Fällen will man ja immer auch Lehren für die Zukunft ziehen. Weil der Täter intensiv gewalthaltige Videospiele gespielt hat, stellte die Staatsregierung einen Antrag, diese sogenannten Killerspiele zu verbieten, sie ist schlussendlich mit dem Vorhaben aber nicht durchgedrungen.

Zusätzlich haben wir eine Verschärfung des Waffenrechts diskutiert. In Deutschland haben wir – auch als Lehre aus verschiedenen Amokläufen – inzwischen ein ausgefeiltes Waffenrecht. Aber klar ist: Nach jedem derartigen Vorfall wird und muss erneut über mögliche waffenrechtliche Konsequenzen diskutiert werden. Das ist ja auch die selbstverständliche Konsequenz nach dem schlimmen Anschlag in Halle."

 

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