20 Jahre im Münchner Osten Messestadt Riem - die gel(i)ebte Stadt aus der Retorte

Man sieht in Riem weniger Autos als in anderen Vierteln. Das liegt auch daran, dass hier nur zwei Autostellplätze für zehn Wohnungen vorgesehen sind. Foto: Lea Kramer

Die Messestadt Riem gilt als Retortenstadt, die Bewohner aber schätzen ihr Viertel – obwohl es wenig Gastronomie gibt.

 

Riem - An sonnigen Sommervormitttagen schaut es genau so aus, wie die von außerhalb immer witzeln: leere Gassen, keine Menschenseele – Riem, die Schlafstadt.

Was Nicht-Messestädter vergessen: Die Leere ist kein Ausdruck von Ödnis, die Bewohner zieht’s bei hitzigen Temperaturen in ihren Park – und natürlich an den Messesee.

Der See, einst für die Bundesgartenschau 2005 angelegt, ist heute eines der Verkaufsargumente für die auf dem früheren Flughafen entstandene Planstadt. Vor 20 Jahren zogen die ersten Bewohner ein. Damals standen auf der Steinwiese nur wenige Häuser. Von Beginn an hatte das Gebiet mit Vorurteilen zu kämpfen: So berichtete etwa die AZ über den durch "Skandal und Streit" beschädigten Ruf der Messestadt.

Messestadt Riem: großer See, aber keine Eisdiele

Von der Innenstadt aus als mittelmäßige, graue Retortenstadt belächelt, zeigte die Messestadt ihren neuen Bewohnern schnell ein sonniges Gesicht. So berichten Eltern durchweg positiv über die gute Kinderbetreuungssituation in der Messestadt. Monika Axmann zog an Weihnachten 1999 mit Mann und zwei Kindern aus dem Westend nach Riem. In der Jubiläumsausgabe des Stadtteilmagazins "TakeOff!" sagt sie: "Wegziehen wollen wir nicht mehr, denn dann würden wir sooo vieles vermissen: die vielen, netten Kontakte und Freundschaften, den tollen Park, vor allem den See."

Während Krippen, Kindergärten und Schulen von Anfang an Teil der Messestadt waren, fehlte es lange an anderer Infrastruktur. Supermärkte sind auch heute noch rar. In den ersten Jahren mussten die Messestädter weite Wege ins Truderinger Zentrum auf sich nehmen, um ihren Kühlschrank zu füllen.

Knapp 20 Jahre dauerte es, bis ein Bio-Markt auf das Gelände zog. Inzwischen ist ein weiterer Discounter dazugekommen, auf dem Wochenmarkt am Willy-Brandt-Platz wird Käse, Brot und Gemüse aus dem Umland angeboten.

Fehlende Infrastruktur in den Anfangsjahren

Das versprochene Multiplexkino fiel der Finanzkrise 2008 zum Opfer, ebenso wie die Fertigstellung des Quartierszentrums am Willy-Brandt-Platz. Schon sehr früh sollte er dreiseitig bebaut werden. Dem Bauträger ging das Geld aus.

Damit das mit dem Wohlfühl-Ort am "Platz der Leere" endlich klappt, wurden dort inzwischen Liegen aus Plastik aufgestellt. Ein Quellsteinbrunnen garantiert meditative Gluckergeräusche und Unachtsamen zuweilen nasse Füße. Richtig gelungen ist das alles nicht. Die Grünen im BA haben deshalb angestoßen, dass das Areal neugestaltet wird.

Auf der anderen Seite, am "Platz der Menschenrechte", sieht es ähnlich kahl aus. Trotz Sitzgelegenheiten und kleinen Bäumen kommt wenig mediterranes Flair auf.

Denn: Vor allem, was gastronomische Angebote angeht, ist das Viertel unterentwickelt. Die Restaurants in den Riem Arcaden schließen größtenteils um 20 Uhr. Auf 540 Hektar Fläche gibt es nicht einmal eine Eisdiele außerhalb des Einkaufszentrums, Kioske müssen im Sommer Abhilfe schaffen.

Fehlende Laufkundschaft - Café muss schließen

Das Café an der U-Bahnhaltestelle Messestadt West ist dauerhaft geschlossen. Im Café Wohnzimmer, dem an die Baugenossenschaft Wagnis angegliederten Nachbarschaftstreff, sind im März die Lichter ausgegangen. Der Pächter konnte sich die Miete nicht mehr leisten – offenbar auch, weil die Laufkundschaft fehlt. Mithilfe einer Interimslösung soll das Café über den Sommer kommen. Zwischen Donnerstag und Sonntag können Bewohner aus dem Viertel zum Spontan-Gastronom werden.

Scheitert es zuweilen an der Infrastruktur, ist das Engagement der Messestädter vorbildlich. Neben Kultureinrichtungen wie der "Kultur-Etage" bringen sich die Bewohner in den drei Nachbarschaftstreffs, dem Bürgerforum, den beiden Kirchengemeinden Sophienkirche und St. Florian, einer Theatergruppe, dem Familienzentrum, dem interkulturellen muslimischen Forum sowie in zahlreichen anderen Vereinen ein.

Das kommt nicht von ungefähr: Im Jahr 2013 hatte das Sozialreferat ein Papier veröffentlicht, das Riem eine auffällige Sozialstruktur bescheinigte. Überdurchschnittlich viele Sozialwohnungen gibt es demnach im Viertel. Die Bewohner stammen aus 111 Nationen. Sie haben fast drei Mal so viele Kinder wie die Bewohner in anderen Vierteln der Stadt, fast ein Drittel der Messestädter ist noch keine 18 Jahren alt. Zugleich gab es zwar eine Hauptschule, aber kein Gymnasium.

Messestadt Riem: Engagement der Bewohner ist vorbildlich

Was die Familien noch mehr belastete: Kein Kinderarzt wollte sich hier niederlassen. Seit Juni gibt es Hoffnung für Eltern, die ihre kranken Kinder bislang bis nach Haar bringen mussten: Als Gemeinschaftsprojekt der Stadt, der Kassenärztlichen Vereinigung und der Gemeinnützigen Gesellschaft Startstark ist eine Kinder- und Jugendarztpraxis entstanden.

Modellhaften Charakter hat indes der Umgang mit dem Autoverkehr. Nur zwei Stellplätze pro zehn Wohnungen gibt es. Die Haltestelle der U2 war bereits gebaut, bevor die meisten Bewohner einzogen. Die zentralen Tiefgaragen sind inzwischen gut angenommen. Und auch der Busverkehr auf den vielen Einbahnstraßen funktioniert. Manchmal kommt es zum Leidwesen der Bewohner noch zu Wildparkern, vor allem dann, wenn große Messen in der Stadt gastieren.

20 Jahre Messestadt Riem

Was die Menschen im Münchner Osten noch in Rage bringt, ist der Kopfbau. Die historische Flughafenbesuchertribüne sollte ein Ort für Kunst werden. Doch Schimmelsporen und morsches Gerüst machen eine Nutzung seit 2014 unmöglich. Eine Sanierung ist heikel, eine Umnutzung aufgrund von Urheberrechten aus Buga-Zeiten schwierig. Das Gebäude ist sich selbst überlassen und verfällt zunehmend. Kulturschaffende um den Künstler Michael Lapper haben die Initiative "KopfbauT" ins Leben gerufen. Noch bis September sind Veranstaltungen, Ausstellungen, Workshops und Aktionen an verschiedenen Orten vorgesehen, damit nach 20 Jahren Messestadt die Kultur wenigstens nicht bröckelt.

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