1827 eröffnet Aus is! Traditionslokal "Weber an der Wand" bei Oberaudorf macht dicht

Wie ein Adlerhorst thront der "Weber an der Wand" hoch über Oberaudorf. Jetzt ist er leider geschlossen. Foto: Karl Stankiewitz

1666 als Einsiedelei gegründet, thront das altbayerische Lokal "Weber an der Wand" seit 1827 an einem Felsen bei Oberaudorf. Früher Ort für Adlige und Dichter. Nun ist die Wirtschaft endgültig geschlossen.

 

Oberaudorf - Und wieder hat ein Traditionswirtshaus seine Tore geschlossen. Nicht irgendeines, sondern ein Kleinod in der alpenländischen Kulturlandschaft, welchem allerhöchste Herrschaften und berühmteste Künstler einen bis heute leuchtenden Glanz verliehen haben: der "Weber an der Wand" nahe Oberaudorf. Zuletzt war das Wirtshaus nur noch gelegentlich für "Geschlossene Gesellschaften" geöffnet.

Außergewöhnlich sind die Lage - und mehr noch die lange Geschichte dieses Idylls. Erstmals wurde das auf einem Felsvorsprung am Bachbichl befindliche Anwesen bereits im Jahr 1666 erwähnt. Fünf Eremiten bewohnten hier bis 1794 eine Holzhütte, zeitweise versahen sie den Schuldienst für die Dorfgemeinde. Im Dezember 1809 - jenseits der nahen Tiroler Grenze war gerade der Aufstand gegen die bayerischen Besatzer blutig niedergeschlagen worden - erwarb der Leinenweber Georg Seywald die verlassene Einsiedelei an der steilen Wand über der alten Heer- und Handelsstraße am Inn.

Anstelle der Klause mauerte er direkt an den Fels ein Haus aus Stein, das er mit Blumenbeeten, Laubengängen und schattigen Ruheplätzen umgab. In einem Treibhaus kultivierte er aus Jungpflanzen, die ihm Innschiffer mitbrachten, sogar Orangen und Zitronen. Pure Romantik und weithin duftende Botanik lockten zahllose Besucher zum "Weber an der Wand". Auch Kronprinz Ludwig machte, als er ab 1823 mit seinen Künstlerfreunden mehrmals nach Rom reiste, stets einen Abstecher dorthin.

Ihn interessierten vielleicht auch die beiden reizenden Wirtstöchter, die nicht nur Rotwein und kalte Speisen auftrugen, sondern auch musizierten und jodelten. Eine heiratete den Tiroler Bauernburschen Christoph Schober; dieser ersetzte als nächster Wirt das Gewächshaus durch ein Salettl für die hohen Gäste, die sich rasch vermehrten. Zumal das Amtsgericht Rosenheim dem Wirtshaus 1827 eine "Bierschankgerechtigkeit" erteilt hatte - auf persönlichen Wunsch jenes Stammgastes, der inzwischen König war.

Ab 1829 führte Schober ein Gästebuch, das älteste Bayerns. In einzigartiger Weise spiegeln die - heute in der Bayerischen Staatsbibliothek aufbewahrten - losen Blätter ein Stück europäischer Geschichte und Kunst des 19. Jahrhunderts. Es kehrten also ein beim Weber an der Wand, jeweils mit Gefolge: 1823 Zar Alexander von Russland auf dem Weg zum Drei-Kaiser-Treffen am Tegernsee; er hinterließ zwei Dukaten Trinkgeld; 1846 kam Herzog Max in Bayern, der "Zithermaxe", Sisis Vater; 1849 meldete sich der spätere Prinzregent Luitpold als Graf von Scheyern; 1858 signierte mit ungewöhnlich klarer Schrift "Max, König von Bayern"; 1860 zeigte Königin Marie ihren Söhnen Ludwig und Otto, die so unglücklich enden sollten, das stille Idyll am Inn.

Im Übrigen finden sich die Namen von fast allen bayerischen Hochadelsfamilien. Das Lokal inspirierte zahlreiche Dichter, zeigen die alten Notizen Nachdem ab August 1858 eine Eisenbahn von Rosenheim bis zur Staatsgrenze dampfte, strömten andere Idyllensucher scharenweise nach Oberaudorf: Maler, Bildhauer, Schriftsteller, Gelehrte. Eine halbe Stunde war (und ist) vom Bahnhof zum Bachbichl hinauf zu gehen. Meist kamen sie aus München, aber auch aus Stuttgart oder Frankfurt. Hier ein Bruchteil der Liste: Cornelius, Schraudolph, Adam, Piloty, Thiersch, Thorwaldsen, Wilhelm von Kaulbach, Anton und August Schleich.

Auf der Terrasse genossen sie den Blick auf das Kaisergebirge; zuhause setzten ihre Bilder - nicht selten diente der Wirt Schober mit seinem Andreas-Hofer-Bart als Modell - den Fremdenverkehr erst richtig in Bewegung. Manche Gästebuchnotizen lassen erkennen, dass sich die Künstler nicht nur an der örtlichen Felsenquelle gelabt haben.

Was einigen bei Wein oder Bier spontan einfiel, ließe sich heute noch für die Tourismuswerbung nutzen. So schrieb der Apotheker und Idyllenmaler Carl Spitzweg: "Die Gegend muss sehr schön seyn hier, so viel ich nämlich bei meinen Promenaden mit Paraplü und Gebirgsstiefeln durch Dick und Dünn bemerken konnte." 

Und der erste Alpen-Autor Ludwig Steub ergoss Hymnen über "Audorf, Aurdorf, Urdorf, das Dorf der Ure, der Auerochsen" - also das heutige Oberaudorf, wo man "so viele wohlbekannte und liebe Seelen wiederfindet".

Auch Geistliche bis zum Kardinalsrang sowie Staatsbeamte kamen, zechten und ließen sich vom Wirtshaus an der Felswand inspirieren, so der „Kasperlgraf“ Pocci und der Sekretär Franz Xaver Gabelsberger, der in der von ihm erfundenen Kurzschrift dichtete: "Das schreib ich fröhlich nieder. Zum Häuschen an der Felsenwand, wo ich so schöne Blumen fand, möcht ich gern jährlich wieder."

Hochadlige und Dichter 

Von einem unleserlichen Dichter stammt dieser Vers: "Der Weber an der Wand / Der steht in Gottes Hand / Ruckt der Felsen nur a bissl / Fallt er in die Suppenschüssel." 

Auch ganz gewöhnliche Gäste bewahrt Bayerns berühmtestes Besucherbuch, zum Beispiel einen „k. k. Hauptsalzamtsinspektionsdiurnist“. Der letzte Eintrag am 4. Juli 1898, meldet die Ankunft des Premierleutnants Maximilian Ritter von Wächter mit Frau und Kindern. 1895 war Christoph Schober mit 80 Jahren verstorben.

Es folgten Jahrzehnte ohne Besonderheiten. Öfter wechselten Besitzer und Pächter, mehrmals war das Gasthaus geschlossen. Im Zweiten Weltkrieg diente es zur Kinderlandverschickung; am Schluss suchten die Oberaudorfer noch Schutz in der Felshöhle vor amerikanischen Tieffliegern.

Nach weiteren Jahren des Verfalls eröffnete in den Fast-Ruinen eine Rockerkneipe, die bald verrufen war; die Burschen kamen meist aus Rosenheim, für den weiblichen Part sorgte der Wirt. Als diese Disco geschlossen und das Weber-Haus im Oberbayerischen Volksblatt als „stark renovierungsbedürftig“ inseriert wurde, kam Konrad Walser ins Spiel.

Der heute 70-jährige Münchner hatte als Siebdrucker eine Werkstatt im Hinterhof des Hauses am Prinzregentenplatz, wo Hitlers Hauptwohnsitz war. Namhafte Künstler wie der „Macher“ HA Schult, HP Zimmer von der Gruppe „Spur“ und die Malerin Hanna von Rezzori waren bei ihm Kunden. Just am 26. April 1986, als in Tschernobyl ein Atomkraftwerk explodierte, fuhr Walser mit seinem stark renovierten Rennwagen zum angebotenen Gelände, fand dort zwar nur "an Stoahaufa" vor, war aber von der Lage dennoch begeistert: "Des muaß i hom." 

Er verkaufte sein Elternhaus in Bogenhausen, seinen BMW-Veritas sowie zwei Motorräder und lieh sich Geld. Und begann mit dem Wiederaufbau. In der Freizeit war er tagelang mit Schubkarren und Schaufel am beschwerlichen Arbeitsplatz, manchmal bis in die Nacht mit Scheinwerfer. Zehn Jahre lang sah man ihn dort schuften. Das wiederhergestellte Wirtshaus ließ Walser dann von einer jungen Frau bewirtschaften. Dies tat sie in einer Weise, die genau seinen Vorstellungen entsprach und gewünschten Gästen gefiel. Auf roh gezimmerte Tische brachte die Traudl vorzugsweise Speckplatten, Almkas und Knödel. Der "Weber an der Wand" wurde zum Geheimtipp, der bis nach München für Ausflugs- und Stammgäste sorgte.

So einer war beispielsweise der bayerische SPD-Vorsitzende Rudi Schöfberger. Leider war die Traudl so hübsch, dass sie von den Tiroler Jungmännern heftig umschwärmt wurde, so dass sie ihr Lebensgefährte eines Tages aus der Gefahrenzone entfernte. Die beiden Damen aus besseren Kreisen, die als Pächterinen folgten, meinten das Niveau in Richtung Gourmet-Restaurant anheben zu müssen.

Gästen wie Prinz Leopold von Bayern und Prinz Ludwig zu Salm-Salm

Das kam denn auch entsprechend an, mit neuen Gästen wie Prinz Leopold von Bayern, Prinz Ludwig zu Salm-Salm, Prinzessin Caroline von Hannover oder der Sachs-Family, die ein Stück höher in der Rechenau residiert; Sohn Rolf brauste zu seinem 50. Geburtstag im September 2005 mit dem Motorrad rauf.

Es wurde halt ein bisschen laut im Idyll. Solche Wandlung passte dem Konrad Walser nicht so recht ins eher altmodische Konzept. Den nächsten Pächter nun traf der Schlag. Und der Übernächste, den er vom Bahnhofsstüberl angeheuert hatte, starb auch bald. Nichts ging mehr. Nach 33 Jahren Idealismus für altbayerische Wirtskultur entschloss sich der Weber-Nachfolger zum vorläufigen Ende. Die Suche nach einem geeigneten neuen Pächter verlief bisher erfolglos. Eine Zeit lang hat Konrad Walser mit der Idee gespielt, ein kleines Museum aufzumachen.

Schöne Schätze hätte er ja durchaus. So geriet er irgendwie - genauer will er es nicht verraten - an eine in Alabastergips abgenommene Kopie der rechten Hand des toten Königs Ludwig II. Auch die vom Zaren hinterlassenen Münzen hat er ausgraben können; sie sind aber gar nicht aus Gold, wie eine Legende sagt, sondern nur aus Bronze.

Ein besonderes exklusives Exponat wäre natürlich die Kopie des Gästebuches mit seinen historischen Notizen, Gedichten, Wanderberichten, Zeichnungen, vergilbten Fotos. Aber mei, resigniert der Reliquiensammler, „wer steigt scho wega so an oidn Graffe do rauf?“

Das Heimatmuseum im mittelalterlichen Burgtor und das kleine Barockmuseum in der Grafenburg, beide nur wenige Gehminuten entfernt, klagten ja auch nicht gerade über Besucherandrang. So kann sich der letzte Weberwirt vorerst nur in sein aus Geröll errichtetes Wohnhäusl zurückziehen, sich selbst bedienen mit einem Weißbier und einer Virginia und von einer wie auch immer gearteten Zukunft der Taverne träumen. Als Wirt steht Walser an der Wand.


Anfragen für Geschlossene Gesellschaften: 08033 - 36 11

 

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