1200. Todestag "Karl der Große hat nie gelebt!"

Der Mann auf dem Gemälde fasst sich an den Kopf - wie die meisten Historiker angesichts der Thesen von Geschichtsforscher Heribert Illig. Foto: AZ

Der Geschichtsforscher Heribert Illig behauptet, dass 297 Jahre Mittelalter erfunden sind - und somit auch Karl der Große. In seiner wilden Theorie schreiben wir das Jahr 1717.

Gräfeling - Magnolien und Zierkirschen wachsen vor dem weiß getünchten Haus im Süden von München, das in einer kleinen Seitenstraße liegt. Öffnet man das schmiedeeiserne Gartentor, läuft einem ein kleiner Mischlingsrüde entgegen. Doch sein Herrchen will nicht nur spielen, sondern meint es ernst: In der Vorstadtidylle von Gräfelfing wohnt der Mann, der Kaiser Karl den Großen eliminieren, ja das halbe Mittelalter aus den Angeln heben will.

Dafür wirkt Heribert Illig, 66 Jahre alt, relativ gemütlich, fährt in seinem Esszimmer, in dem das Interview mit der AZ stattfindet, erst einmal eine Ladung Kekse auf und nimmt vor einem Ölgemälde Platz, auf dem sich ein bärtiger Grieche an den Kopf fasst.

Eine Geste, die ihm nicht ganz unbekannt vorkommen dürfte. Ähnlich reagiert die gängige Geschichtswissenschaft auf seine These, die er seit 20 Jahren landauf landab verbreitet.

In Kurzform: Die Jahre 614 bis 911 hat es nie gegeben, sie sind in allen Details erstunken und erlogen, in Wirklichkeit leben wir erst im Jahr 1717.

Was eher nach Haar als nach Gräfelfing klingt, hat jedoch einen realhistorischen Hintergrund: Dass diese Epoche von einer frappierenden Leere ist, an Quellen, Bauten und archäologischen Schichten, muss selbst die Mainstream-Mediävistik einräumen. Ebenfalls, dass die meisten Urkunden - Illig meint: alle -, die aus dieser Zeit stammen oder sich auf sie beziehen, spätere Fälschungen sind, die große Spezialität des Mittelalters.

Die kulturelle Entwicklung sei um 600 abgerissen, will Illig herausgefunden haben. Drei Jahrhunderte später ging es angeblich auf genau demselben Stand weiter.

So real wie Kapitän Nemo und Obelix

Eine Säule seiner Argumentation bildet die Aachener Pfalzkapelle: Allgemein auf 780 datiert, habe sie eine Statik, die erst nach 1000 machbar gewesen sei. Ausführungen, die einen gewissen Anklang unter Architekturexperten gefunden haben und Illig Einladungen zu Gastvorträgen bescherten.

"Dramatisch dunkel" ist es dem promovierten Germanisten und Geschichtsforscher zufolge zwischen 600 und 900. Bis auf eine Lichtgestalt: Karl, dem Großen, von dem fast der gesamte europäische Adel abstammen soll, dazu die beiden Nationen Deutschland und Frankreich.

Illig hält ihn für so real wie Kapitän Nemo und Obelix. "Was ihm zugeschrieben wird, hätte für vier bis fünf Leben gereicht." Vieles, was unerklärlich sei, werde einfach auf diesen überlebensgroßen Herrscher projiziert.

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Dass Illig Karl killen, vom Großen zum Fiktiven stempeln will, bringt die Mediävisten auf die Palme. Der Provokateur hat Verständnis für die Empörung: "Ich kann so höflich sein wie ich will, wenn ich einem Menschen sage, dass das Ziel seiner Lebensarbeit ein Phantom gewesen sei, dann ist das eine schallende Ohrfeige."

Aber welchen Sinn soll diese angeblich größte Verschwörung aller Zeiten überhaupt gehabt haben? Als Drahtzieher macht Illig Kaiser Otto III. aus, der laut ihm um 700 lebte und sich mit Papst Sylvester V. in das für die Christenheit heilsgeschichtlich so wichtige Jahr 1000 katapultierte.

Dieser Zeitsprung habe ein Vakuum gerissen, das hinterher von einer schmalen Elite mit allerlei genehmen Ursprungslegenden gefüllt werden konnte.

Dass in der Tat auffällig viele Verträge und Schenkungen zugunsten der Kirche in diesem Intervall liegen, passt Illig natürlich gut ins Weltbild.

Die Mediävistiker ignorieren ihn seit Jahren

Der Bestsellerautor ("Das erfundene Mittelalter") genießt Schützenhilfe von einer Handvoll fachfremder Professoren, die Mediävistiker ignorieren ihn dagegen seit Jahren, nehmen nicht mehr Stellung.

Auch deshalb, weil Illig ihre physikalischen Methoden zur Zeitbestimmung als zu ungenau, die von ihnen vorgelegten Urkunden allesamt als Fälschungen ablehnt.

Sollen Generationen von Schülern also umsonst gebüffelt haben, ab jetzt 1693 als Datum der deutschen Einheit lernen? "Das wäre absurd", räumt Illig ein. Bei Papst Gregors Kalenderreform von 1582 habe man den Sprung vom 4. auf den 15. Oktober ebenfalls nur mit einer "Leerzeit" ausgefüllt und alle Ereignisse unangetastet gelassen.

Illigs kleine Geste der Rebellion: Signiert der Gräfelfinger eines seiner Bücher, schreibt er "2014" in Anführungszeichen.

 

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