100 Jahre Frauenwahlrecht Kristiina Poska dirigiert starke Frauen im Gasteig

Kristiina Poska stammt aus Estland. 1998 gründete sie den Chor Nimeta („Namenlos“). Sie studierte in Tallinn und Berlin. Von 2013 bis Juli 2016 war Poska Kapellmeister an der Komischen Oper, seither arbeitet sie international als Gastdirigentin. Foto: Kaupo Kikkas

Am Sonntag feiert ein Konzert mit Werken von Komponistinnen wie Clara Schumann das Jubiläum 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland

Auch 100 Jahre nach der gesetzlichen Gleichstellung von Mann und Frau gibt es noch viel zu tun – gerade in der Musik. Nach wie vor werden nahezu ausschließlich Kompositionen von Männern aufgeführt. Dirigentinnen sind noch immer die Ausnahme.
Das Jubiläum „100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland“ feiert am Sonntag ein Konzert im Gasteig – mit einem ausschließlich weiblich besetzten Projektorchester, Musik von Komponistinnen und der Bundeskanzlerin als Schirmherrin. Kristiina Poska dirigiert Werke von Sofia Gubaidulina, Clara Schumann und Emilie Mayer.

AZ: Frau Poska, gab es vor 100 Jahren, als in Deutschland das Frauenwahlrecht eingeführt wurde, auch schon Dirigentinnen?
KRISTIINA POSKA: Nicht wirklich. Die französische Komponistin und Musikpädagogin Nadja Boulanger hat zwar auch dirigiert. Und es gab in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weitere Einzelfälle.

Das hat sich erst in den letzten Jahren geändert. War es für Sie schwierig, Dirigentin zu werden?
An der Berliner Hochschule Hanns Eisler waren wir in der Dirigierklasse zu zweit. Ich wurde ohne Wenn und Aber aufgenommen. Auch in Estland war das Geschlecht kein Thema. Erst als ich 2012 als Kapellmeisterin an die Komische Oper kam und ein gewisses Medieninteresse einsetzte, wurde mir bewusst, dass ich etwas Besonderes mache. Womöglich ist das besser so – wer weiß, ob ich sonst mit dem Dirigieren angefangen hätte.

Wollten Sie immer Dirigentin werden?
Bei mir hat es sich ergeben. Ich habe in Estland Chorleitung studiert, aber zunehmend hat mich der Orchesterklang so fasziniert, dass ich Teil dieses Klangs werden wollte. Aber ich wollte vor allem immer gemeinsam Musik machen. Vor anderen Leuten zu stehen und ihnen zu erklären, wo es langgeht, war nicht mein vorrangiges Ziel.

Haben es Frauen als Dirigentinnen schwerer?
Auch für Männer ist der Beruf nicht einfach. Ich habe Glück gehabt, mir fehlt der Vergleich. Außerdem bin ich im Konzertsaal oder im Probenraum immer der einzige Dirigent. Es ist für alle Anfänger schwierig, Respekt und Autorität zu erwerben. Ich denke, dass Orchestermusiker vielleicht noch in der ersten Minute das Geschlecht der Person am Pult wahrnehmen. Dann geht es um die Sache. Wenn das Orchester versteht, was ich vermittle, funktioniert es. Und was in der Kantine gesprochen wird, höre ich nicht.

Am Sonntag dirigieren Sie das Klavierkonzert von Clara Schumann. Da drängt sich der Vergleich zu dem berühmten Gegenstück ihres Mannes auf.
Beide Werke sind schon deshalb schwer vergleichbar, weil Clara Schumanns Konzert zehn Jahre früher entstand. Sie war 14 oder 15 Jahre alt, als sie 1835 ihr Konzert schrieb. Ich halte es für ein Meisterwerk an kompositorischer Reife. Das Vorurteil gegenüber Komponistinnen hat offenbar blind gemacht gegenüber der Bedeutung dieses Stücks.

Clara Schumann ist jedem ein Begriff. Aber wer war Emilie Mayer?
Sie wurde 1812 in Mecklenburg geboren und lebte bis zu ihrem Tod im Jahr 1883 in Berlin. Dort pflegte Emile Mayer Kontakte zu wichtigen Persönlichkeiten des gesellschaftlichen und aristokratischen Lebens. Sie schrieb acht Symphonien und viel Kammermusik.

Sie dirigieren ihre Fünfte aus dem Jahr 1862.
Das ist hochromantische Musik. Stürmisch und melodisch. Ein unglaublicher Fund. Natürlich hört man: Beethoven war ihr Vorbild. Aber für welchen Symphoniker war Beethoven kein Vorbild? Klanglich geht es mehr in Richtung Schumann.

Wie haben Sie das Stück kennengelernt?
Erst jetzt, bei der Vorbereitung auf dieses Konzert. Ich bin selbst ein Produkt dieser Gesellschaft, in der Werke von Komponistinnen immer noch weniger geschätzt werden.

Sie stammen aus Estland, die Solistin im Schumann-Konzert ist die Lettin Lauma Skride. Wieso sind die baltischen Länder so musikalisch?
Womöglich ist das ein Erbe der sowjetischen Prägung. Kunst, Musik und Literatur kommen von innen. Das Klima begünstigt das, weil es bei uns im Winter lange dunkel ist. In Estland spielte außerdem der Chorgesang eine große Rolle bei dem nationalen Erwachen im 19. Jahrhundert. Jeder zweite Este ist entweder Mitglied in einem Chor oder leitet einen.

Am Sonntag spielt ein eigens für das Konzert zusammengestelltes Projektorchester. Woher kommen die Musikerinnen?
Aus den Münchner Orchestern, aber auch aus ganz Süddeutschland, Österreich und dem Opernhaus Zürich. Auch einige Berlinerinnen spielen mit. Die rein weibliche Besetzung ist der Symbolik des Jubiläums geschuldet. Darüber haben wir im Vorfeld lange diskutiert. Denn mir ist es wichtig, männliche und weibliche Energie ins Gleichgewicht zu bringen. Wir bereichern und brauchen uns gegenseitig. Ein gegen die Männer gerichteter Zeigefinger wäre nicht in meinem Sinn.   

Philharmonie im Gasteig, Sonntag, 19 Uhr, Restkarten von 35 bis 75 Euro unter Telefon 0800 - 545 44 55 und an der Abendkasse

 

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