Misereor ermöglicht Hilfe zur Selbsthilfe

Am 17. November diskutieren beim Zukunftstag der Abendzeitung hochkarätige Experten auf dem Podium. Anschließend folgen Impulsvorträge, Start-up-Präsentation
| Tobias Wullert
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Misereor

Am 17. November diskutieren beim Zukunftstag der Abendzeitung hochkarätige Experten auf dem Podium. Anschließend folgen Impulsvorträge, Start-up-Präsentationen und ein Flying Buffet. Die AZ sprach mit Podiumsgast Pirmin Spiegel

AZ: Zum ersten Mal veranstaltet Misereor gemeinsam mit der Abendzeitung den Zukunftstag. Wie kam es zu dieser Kooperation?

Pirmin Spiegel: Einmal im Monat veröffentlichen wir in einer der Zeitungen Ihrer Mediengruppe, im Straubinger Tagblatt, eine Seite zum Thema „Entwicklungspolitik“. Hier geht es um die Nöte und Hoffnungen von Menschen und Gruppen weltweit, von gelingenden Wegen der Veränderung zu einer größeren Gerechtigkeit und dem Bestärken der Würde der Menschen. Ihr Verleger, Professor Dr. Martin Balle, ist von Beginn an im Unternehmerforum von Misereor engagiert, in dem wirtschaftliche, unternehmerische und entwicklungspolitische Fragen diskutiert und weitergedacht werden. Die Idee zum Zukunftstag kam in diesem Forum auf.

"Es gilt, den vielen diffusen Zukunftsängsten eine positive Vision entgegenzuhalten."

Worum wird es am kommenden Sonntag konkret gehen?

Wir wollen diskutieren, wie wir einen Beitrag zu Entwicklungen auf unserem Planeten zum Wohle aller Menschen leisten können, damit niemand zurückbleibt, wie es in den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen formuliert wird. Es geht darum, Sorge zu tragen für das „gemeinsame Haus“ Erde.

Das Motto von Misereor bei der diesjährigen Fastenaktion hieß: „Sei Zukunft!“. Welche Herausforderungen sehen Sie dafür?

Es gilt, den vielen diffusen Zukunftsängsten eine positive Vision entgegenzuhalten. In der konkreten Arbeit unserer Partner vor Ort, im Kleinen, wie aber auch in der großen Analyse - in Wissenschaft und Forschung. Wir stehen vor gemeinsamen Herausforderungen, die wir auch nur zusammen bewältigen können. Am deutlichsten sieht man das beim Klimawandel, der uns alle bedroht, unter dessen Auswirkungen aber vor allem die Ärmsten der Armen schon heute leiden. Sie leben an prekären Orten wie Flussufern oder Berghängen und spüren die klimatischen Veränderungen wie steigende Meeresspiegel als Erste. Sie sind auch vor Stürmen und Wetterextremen besonders schlecht geschützt und zu wenig darauf vorbereitet. Der Klimawandel raubt ihnen ihre Lebensgrundlage, indem er Ernten zerstört oder durch anhaltende Dürreperioden einen Anbau erschwert, bis unmöglich macht. Hier müssen wir als Weltgemeinschaft mehr tun. Besonders die Industrienationen stehen in der Verantwortung aufgrund eines vielfach größeren CO2-Ausstoßes. Aktuell zahlen die den Preis, die am wenigsten zum Klimawandel beitragen.

Auch die Flüchtlingsbewegungen beschäftigen uns tagtäglich.

Es ist mehr als verständlich, dass Menschen sich auf den Weg und die Suche nach einem besseren, sichereren Leben machen, welches Perspektiven, Einkommen und eine andere Zukunft bietet. Wir arbeiten mit Partnern in den ärmsten und krisenreichsten Ländern der Welt zusammen, damit Menschen ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen und gestalten können: „Hilfe, die hilft, auf Hilfe zu verzichten.“ Angesichts der vielfältigen Kriege und Konflikte bedarf es einer zusätzlichen Herangehensweise: der Unterstützung konkreter Aussöhnungsarbeit bei Mediation und im Übergang in ein friedliches Zusammenleben. Etwa durch gemeinsam genutzte Infrastruktur oder Traumabewältigung.

Die Schere zwischen den reichen Industrienationen und den sogenannten Entwicklungsländern geht immer weiter auseinander. Wie will Misereor dieser Entwicklung entgegenwirken?

Nicht von ungefähr gibt es das UN-Nachhaltigkeitsziel 10, in dem sich alle Länder verpflichten, diese Ungleichheiten abzubauen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir die Ursachen der zunehmenden Ungleichheit analysieren. Unser globalisiertes, auf permanentes Wachstum und Gewinnmaximierung ausgerichtetes Wirtschaftssystem trägt in vielen Fällen dazu bei, dass es auch Verlierer gibt. Vieles davon hat mit unserem Leben hier zu tun: Um in Deutschland so viel billiges Fleisch essen und so viel Auto fahren zu können, tragen wir die Mitverantwortung für tausende Hektar große Viehweiden, für die Wälder gerodet werden, oder für den Abbau von Erzen unter menschenunwürdigen Bedingungen.Misereor engagiert sich für die Einführung eines Lieferkettengesetzes, das deutsche und europäische Unternehmen dazu verpflichtet, Menschenrechts- und Umweltstandards auch in ihrer Produktion in anderen Ländern der Welt und in der gesamten Wertschöpfungskette einzuhalten und zu garantieren. Ebenso ist Misereor Mitgesellschafter des Fair-Handels-Unternehmens GEPA. Durch den Einkauf fairer Produkte kann jeder Einzelne dazu beitragen, dass die Menschen, die weltweit unsere Konsumgüter herstellen, gut von ihrer Arbeit leben und ihre Kinder zur Schule schicken und den Teufelskreis der Armut verlassen können.

 

"Ein großes Ziel: ein Leben in Würde für alle Menschen, weltweit."

 

In welchen Ländern sehen Sie in der Zukunft besonderen Handlungsbedarf für MISEREOR?

Es gibt die sogenannten LDC, die am wenigsten entwickelten Länder wie Bangladesch oder Eritrea, in denen es oft an funktionierenden staatlichen Strukturen mangelt. Wir beurteilen unser Engagement aber nicht in erster Linie nach Länderkategorien. Wir arbeiten auch in Ländern wie Indien oder Brasilien mit Partnern zusammen. Es ist ja kein Automatismus, dass sich in Ländern mit steigendem Bruttosozialprodukt automatisch auch die Armut verringert und der Hunger verschwindet.

Wie sieht die Hilfe von MISEREOR bei einem konkreten Projekt wie Butterflies India aus?

Die Partnerschaft mit Butterflies besteht bereits seit über 20 Jahren. Damals war es ein neuer und visionärer Ansatz, mit Kindern auf der Straße zu arbeiten und sie dort abzuholen, wo sie leben und ihr Alltag ist. Dieser Ansatz hat sich weiterentwickelt. Es ist schön zu beobachten, mit wie viel Einsatz, Begeisterung und Kreativität sich Schülerinnen und Schüler verschiedener Partnerschulen in Deutschland engagieren - oder Bands wie die ‘Wise Guys’, die auch regelmäßig Spenden sammeln. Neben der finanziellen Förderung ist die kontinuierliche fachliche Begleitung wichtig. Ein weiterer Aspekt der Förderung zeigt sich im Bereich politischer Lobbyarbeit: Misereor setzt sich zusammen mit Butterflies für Kinderrechte auf nationaler und internationaler Ebene ein.

Welche Kriterien muss ein Projekt erfüllen, um von Ihnen gefördert zu werden?

Ein „Projekt“, das sind für uns engagierte Menschen, die ihre eigene Zukunft in die Hand nehmen und sich aktiv in gesamtgesellschaftliche Entscheidungsprozesse einbringen wollen. Das ist der Kern jeder Zusammenarbeit: die Potenziale und das Engagement der Menschen vor Ort, die es zu unterstützen gilt - und nicht etwa nur eine rein technische Behebung von Defiziten.

Sie setzen bei ihren Kampagnen auch auf YouTuber wie Gronkh.

Wir erreichen durch unsere Kampagnen und durch Social Media auch jüngere Menschen in Deutschland; das bleibt aber weiterhin eine Herausforderung und Zukunftsaufgabe für Misereor.

Macht sich das Engagement solch jugendlicher Bewegungen wie Fridays for Future auch in der Arbeit von Miseror bemerkbar?

Die Bewegung Fridays for Future hat maßgeblichen Anteil, dass die großen Herausforderungen unserer Zeit für die Zukunft ins Zentrum gerückt sind. Wir unterstützen die Bewegung und freuen uns, dass jungen Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern neu zugehört wird.

Wie kann man sich für die Ziele von Misereor außer mit Spenden noch engagieren?

Mit Leidenschaft, Mitgefühl, Kreativität und Tatkraft. In etwa 90 Ländern der Welt geben zahlreiche Ehrenamtliche Misereor ein Gesicht - an Infoständen und bei Veranstaltungen. Mit Schulen, Universitäten, Unternehmen und anderen Gruppen gibt es verschiedenste Aktionen, weit über das Spendensammeln hinaus. Soliläufe werden organisiert, zum Coffee Stop mit fair gehandeltem Kaffee wird eingeladen. Lehrerinnen und Lehrer finden Schulmaterialien für entwicklungspolitische Themen. Als entwicklungspolitisches Werk nutzen wir regelmäßig Lobbyinstrumente wie Unterschriftenaktionen oder beteiligen uns an Demonstrationen. Melden Sie sich gerne bei uns, wir freuen uns über Ihren Einsatz für ein großes Ziel: ein Leben in Würde für alle Menschen, weltweit.


Die Matinee der Visionäre

Wie sieht unsere Welt in nicht allzu ferner Zukunft aus – sagen wir: 2030? Mit Fragen wie diesen befasst sich der Zukunftstag von Misereor und der Abendzeitung, der am 17. November von 11 bis 15 Uhr im Bayerischen Hof stattfindet.

Im Festsaal diskutieren Experten darüber, wo wir in zehn Jahren aus philosophischer, sozialer, technischer und wirtschaftlicher Sicht stehen. Moderiert wird die hochkarätige Runde von AZ-Chefredakteur Michael Schilling. Podiumsgäste sind neben Katrin Habenschaden (Bündnis 90/Die Grünen) die Autorin Isabelle Liegl, Michael Dandorfer (Vorstand der Münchner Bank), Pirmin Spiegel (Hauptgeschäftsführer Misereor), Rita Panicker (Butterflies India) und Professor Martin Balle, Verleger der Abendzeitung. Kabarettistin Andrea Limmer wird mit ihren Visionen zur Zukunft die Diskussion anstoßen. Der Reinerlös des Eintritts kommt Butterflies India zugute, dem Hilfsprojekt von Rita Panicker, mit dem sie Straßenkinder in Indien unterstützt.

Vor dem Zukunftstag findet um 9 Uhr in der nahegelegen Kirche St. Michael in der Neuhauser Straße ein Gottesdienst statt.

Hotel Bayerischer Hof / Ballsaal, Promenadeplatz 2. Eintritt: 10 Euro inklusive Buffet, Getränke und Infoprogramm. Infos unter abendzeitung.de/zukunftstag. Über den AZ-Shop bestellte Tickets sind an der Tageskasse zur Abholung hinterlegt. Außerdem gibt es Tickets an der Tageskasse.

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