Zurück daheim: Landshuter Weltumsegler von Corona gebremst

Eine Familie aus dem Kreis Landshut lebt monatelang auf ihrem Schiff in der Karibik. Doch als Corona kommt, muss der Vater vor Kolumbien den Notstand ausrufen.
| Claudia Hagn
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Eva Reintke, Andy Stenzel und ihr Sohn Johannes.
privat 2 Eva Reintke, Andy Stenzel und ihr Sohn Johannes.
Das Segelboot Destiny ist das Zuhause von Eva Reintke, Andy Stenzel und ihrem Sohn Johannes gewesen, damit sind sie in der Karibik unterwegs gewesen. Dann kommt Corona.
privat 2 Das Segelboot Destiny ist das Zuhause von Eva Reintke, Andy Stenzel und ihrem Sohn Johannes gewesen, damit sind sie in der Karibik unterwegs gewesen. Dann kommt Corona.

Landshut - Es ist drei Uhr morgens am 22. März, als Andy Stenzel (39) auf der Destiny nach vier Stunden in der Warteschleife (und 700 Euro Telefonkosten) bei United Airlines endlich jemanden ans Telefon bekommt. Stenzel braucht einen Flug. Dringend. Einen Flug nach München, weg von Kolumbien, so schnell wie möglich. Wegen Corona darf dort keiner mehr von einem Segelschiff an Land.

Der Mann am anderen Ende der Leitung wird ihm einen Flug anbieten: Er führt von Cartagena an der kolumbianischen Karibikküste über New York nach München. Der Flug kostet 6.500 Euro. Andy Stenzel überlegt nicht lange, bucht – und steigt acht Stunden später in den Flieger Richtung Deutschland. Dorthin, wo seine Frau Eva Reintke (36) und Sohn Johannes (6) auf ihn warten.

Das Segelboot Destiny ist das Zuhause von Eva Reintke, Andy Stenzel und ihrem Sohn Johannes gewesen, damit sind sie in der Karibik unterwegs gewesen. Dann kommt Corona.
Das Segelboot Destiny ist das Zuhause von Eva Reintke, Andy Stenzel und ihrem Sohn Johannes gewesen, damit sind sie in der Karibik unterwegs gewesen. Dann kommt Corona. © privat

Die beiden hatten bereits im Februar einen Flug nach Hause gebucht, zu einer Zeit, als Corona zwar bekannt war – aber bei Weitem nicht die Ausmaße hatte wie Ende März. Andy Stenzel begibt sich nach seiner Ankunft in Deutschland selbst in zweiwöchige Quarantäne in seinem alten Jugendzimmer im Keller seines Elternhauses. Und lebt somit plötzlich im genauen Gegenteil von dem, was sein Alltag und der seiner Familie im vergangenen Jahr war.

2016 haben sie die griechische Insel Euböa umsegelt

Die Geschichte von Andy, Eva und Johannes hat eigentlich eine ganz andere Seite: die der Entdecker-Familie, die sich auf ihrem eigenen, zwölf Meter langen und 15 Tonnen schweren Segelboot namens Destiny (auf Deutsch: Schicksal) aufmacht, um durch die Karibik zu segeln; vom Bio-Hof in Aham im Landkreis Landshut zu den San-Blas-Inseln vor Panama. Ihr Zuhause ist das Boot, das Stenzel 2018 in Guatemala gekauft hat. Viel Liebe, Geduld und kleine Nervenzusammenbrüche stecken in der Renovierung und im Ausbau für den großen Familientrip. "Manchmal dachte ich, ich lasse alles stehen und liegen", erinnert sich Stenzel.

Die drei hatte schon Jahre vorher das Segelfieber gepackt. Sie wollten unbedingt weg – und hatten schon 2016 auf der Padnea, ihrem ersten, kleineren Segelboot, ein halbes Jahr lang die griechische Insel Euböa umsegelt. Sie wollen aber dorthin, wo "wahrscheinlich jedes Palmen-Postkarten-Foto dieser Welt entstanden ist", wie Stenzel erzählt. Das ist wohl nicht gelogen, wenn man sich die Fotos anschaut, die die Familie gesammelt hat: Palmen, Korallen-Strände, Pelikane, Mangroveninseln und weiß-rosafarben-geschneckelte Conch-Muscheln sind zu sehen, so groß wie Kokosnüsse.

Karibik-Reise: Nächtliches Segeln und wohltuende Einsamkeit

Die Karibik-Reise der Familie beginnt im Februar 2019: Damals fliegen Eva und Johannes nach Guatemala an den Rio Dulce mit seinen dschungelartigen Steilwänden, um für vier Monate auf die Destiny zu steigen – von dort fährt die Familie los nach Belize zum zweitgrößten Korallenriff der Welt, weiter nach Mexiko und quert hinüber nach Kuba. Sie haben Nachtfahrten, in denen sich Andy und Eva alle drei Stunden abwechseln – zwar funktioniert die Destiny unterstützt von digitaler Navigation mit Autopilot, dennoch braucht es jemanden am Steuer, um andere Schiffe zu orten.

Ob es gruslig ist, ganz allein, nachts, mitten auf dem Meer, ohne Land zu sehen? "Gar nicht", sagt Eva Reintke. Sie erzählt vom klaren Sternenhimmel, von der Ruhe, von der wohltuenden Einsamkeit, das Wort "Romantik" kommt ihr einmal mit einem leichten Schmunzeln über die Lippen.

Segel-Reise: Leben auf dem Meer

In ihrem anderen Leben auf See treffen sie viele Menschen: Segler aus Frankreich und Amerika, die mit ihren Kindern unterwegs sind. "Die konnten nicht verstehen, wieso man in Deutschland die Schulpflicht nicht aussetzen kann für eine bestimmte Zeit", sagt Reintke. Die Familie lernt Kuna-Indianer kennen, die in Panama leben und mit denen Johannes oft stundenlang "mit viel schöneren Dingen als daheim" spielt – ohne auch nur ein Wort aus ihrer Sprache zu kennen.

Die Verpflegung auf der Destiny ist kein Problem: Wenn die Familie nicht gerade selbst fischt, kommt das Essen an Bord: So, wie es bei uns einen Pizza-Lieferdienst gibt, gibt es in der Karibik oft Einheimische, die mit ihren Booten die Segler beliefern. Sie fahren Gemüse, Obst und Fleisch nach draußen aufs Wasser und tauschen auch mal einen Eimer Hummer gegen eine Flasche Spülmittel.

Beim Wort "Hamsterkäufe" und der Panik, die während Corona in Deutschlands Supermärkten aufkam, winken Reintke und Stenzel ab. "In der Karibik gibt es halt nur das, was es gerade gibt. Da bieten sie dir Nudeln, Eier, Mehl und Butter an – oder halt nicht", sagt Stenzel. Wenn es keine Hühnereier mehr gibt, gibt es stattdessen fünf Wachteleier zum Frühstück an Bord.

Wegen Corona: Mit Maschinenpistolen abgehalten, an Land zu gehen

Im Februar fliegen Eva und Johannes nach Deutschland. Und da beginnt die ernste Seite der Geschichte: Denn Andy strandet mit zwei amerikanischen Gästen Mitte März vorm kolumbianischen Festland, weil die drei nicht mehr nach Panama zurückkönnen. Ihre ursprünglich gebuchten Not-Flüge nach Hause verfallen, weil sie das Militär mit gezückter Maschinenpistole plötzlich auch in Kolumbien auf keinen Fall mehr an Land lässt.

Einheimische beliefern sie mit Vorräten, sie organisieren Dokumente, telefonieren stundenlang. Stenzel ruft irgendwann gegenüber den kolumbianischen Behörden den Notstand an Bord aus. Er hat Angst, die Situation mit den Gästen könne vor lauter Panik eskalieren. Die Behörden erlauben ihnen schließlich, an Land zu gehen – vorausgesetzt, sie können Flüge nach Hause nachweisen. Stenzel hängt sich ans Telefon: Es ist der 21. März spätabends.

Wie sich die drei jetzt an die Reise, die ganze Aufregung am Schluss erinnern? Sie lächeln mit einer recht überzeugenden Grundzufriedenheit in sich hinein und sagen, dass das alles schon ziemlich gut war. Derzeit arbeitet der Grafiker Andy Stenzel viel, um die 6.500 Euro für den Flug wieder reinzuholen. Er will in die Jugendbetreuung einsteigen, ein Sommerferienprogramm organisieren. Eva widmet sich ihrer Ausbildung, um den Bio-Hof übernehmen zu können, Johannes kommt in die Schule. Die Destiny steht nun zum Verkauf in der Karibik. Ganz will Stenzel aber das Segeln nicht lassen – er möchte in Griechenland auf Tour gehen. Und wenn die Destiny keiner will, fliegt er eben wieder nach Kolumbien. "Dann segel ich das Boot einfach über den Atlantik nach Europa", sagt er. Zuzutrauen wäre es ihm auf jeden Fall.

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