Zu frühe Gleis-Sanierungen in Bayern: Ein Bahn-Professor erklärt den Grund

Die Berichterstattung der AZ hat eine Kontroverse zwischen Siemens Mobility und dem Berliner Eisenbahningenieur und Professor für Schienenfahrzeugtechnik Markus Hecht über die Belastung der Schienen in Deutschland ausgelöst. Die Siemens-Tochter wehrte sich in einer Stellungnahme gegen Hechts Vorwurf, ihre Lok-Serie mit der Bezeichnung "Vectron" beanspruche das Schienennetz über Gebühr, sodass die Gleise in Deutschland öfter ausgetauscht werden müssten als etwa in der Schweiz oder Österreich (AZ berichtete).
Der Streit hat praktische Auswirkungen. Welche Fahrzeuge auf den Gleisen unterwegs sind, kann massive Folgen für die Netzunterhaltskosten und letztlich auch für die Fahrpreise haben. So erhitzt derzeit die Erhöhung der Trassenpreise durch den Infrastrukturbetreiber DB Infrago die Gemüter der Verkehrspolitiker der Länder.
DB Infrago hat eine drastische Erhöhung der "Schienenmaut" angekündigt, zu der sie nach einem gewonnenen Rechtsstreit berechtigt ist. Die Mehrkosten belaufen sich nach Angaben des bayerischen Verkehrsministers Christian Bernreiter (CSU) allein für den Freistaat auf 72 Millionen Euro im laufenden Jahr: "Geld, das wir ohnehin nicht in der Kasse haben".
München-Mühldorf-Strecke muss erneuert werden
In den Blick rückt damit auch der angekündigte komplette Austausch der Gleise auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke Ingolstadt-Nürnberg nach 20 Jahren Betriebszeit, für den ab Ende Oktober die Hauptstrecke für sechs Wochen gesperrt wird. Die recht kurze Nutzungsdauer von bestimmten Bahngleisen in Deutschland ist nach Ansicht Hechts auf die Nutzung von schienenbelastenden Fahrzeugen wie der "Vectron"-Lok zurückzuführen.
Auf der bayerischen Hochgeschwindigkeitsstrecke werden zwar keine "Vectron"-Loks eingesetzt, wohl aber der von Skoda hergestellte Komplettzug für den "München-Nürnberg-Express", dem auch ungünstige Auswirkungen auf die Gleise nachgesagt werden. Auch auf der Strecke München-Mühldorf sind groß angelegte Erneuerungsarbeiten mit wochenlangen Sperrungen im Frühjahr 2027 angekündigt.
Siemens Mobility nimmt seine Lok in Schutz
Die "Vectron"-Lok erfülle sämtliche geltenden technischen und gesetzlichen Anforderungen und sei derzeit für den Einsatz in 20 europäischen Ländern zugelassen, teilt der Hersteller mit. Entgegen den Behauptungen sei das Fahrzeug mit einem "teilabgefederten Ritzelhohlwellenantrieb" mit elastisch aufgehängtem Fahrmotor ausgestattet.
Die Lok verfüge über moderne Technologien wie den "schaltbaren Schlingungsdämpfer", der die Beanspruchung der Schienen in Weichen und Bögen reduziere. Letzterem stimmt "Eisenbahnprofessor" Hecht zu, die schaltbaren Dämpfer änderten aber nichts an der Beanspruchung der Schienen bei hohen Geschwindigkeiten.

Die "Vectron"-Vorgängerlok "Taurus" sei wesentlich schienenfreundlicher gewesen, betont Hecht. Sie habe über vollabgefederten Motor und Getriebe, vollabgefederte Scheibenbremswelle und kleinere Räder verfügt, was zu einer deutlich geringeren Schienenbeanspruchung beitrage. Der Hersteller bestreitet Hechts Darstellung, wonach die "Vectron"-Lok pro Achse bis zu vier Tonnen ungefederte Masse auf die Gleise bringe, nennt aber keine eigenen Werte. Siemens Mobility halte die realen Daten geheim, beanstandet Hecht.
Beanspruchung der Gleise "egal"
Siemens Mobility wehre sich gegen Vorwürfe, die das Unternehmen gar nicht auf sich beziehen müsste, meint der Eisenbahnexperte: "Die Leute von Siemens müssen sich nicht auf den Schlips getreten fühlen." Die Kunden seien eben an einfacheren und kostengünstigeren Konstruktionen interessiert, "die eben nur die Mindestanforderungen erfüllen". Dass die Betreiber der "Vectron" sehr zufrieden seien, stehe außer Frage, "aber dennoch ist sie sehr beanspruchend für die Gleise".
In Deutschland sei der ausgelöste Schienenverschleiß "egal", weil bei der Zulassung nur die Sicherheit, Umweltverträglichkeit und Belastung des Betriebspersonals berücksichtigt würden, nicht aber Verschleißgrenzen, so der Eisenbahnexperte. Hecht drängt generell auf gleisfreundlichere Schienenfahrzeuge. Wenn mehr davon im Einsatz seien, sollten auch die Trassenpreise sinken.