Zu Besuch beim Pflegenetzwerk Dein Nachbar

Zur Abmilderung des Pflegenotstands bringt "Dein Nachbar" Helfer und Hilfsbedürftige zusammen. Die AZ hat ein solches Team besucht.
| Lisa Marie Albrecht
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Thomas Oeben.
Sigi Müller 2 Thomas Oeben.
Astrid Kanterian schaut gerne Filme auf dem Laptop – am liebsten "Mr. Bean".
Sigi Müller 2 Astrid Kanterian schaut gerne Filme auf dem Laptop – am liebsten "Mr. Bean".

München - Frührentner Jürgen Schmidt ist kein Mann weniger Worte. Der kleinen schon gar nicht. "'Dein Nachbar' hat mein Leben verändert", sagt der 61-Jährige am Bett von Astrid Kanterian, das in einer kleinen Wohnung in Laim steht. Der gelernte Koch musste wegen einer körperlichen Einschränkung vorzeitig aus dem Berufsleben ausscheiden. Sein Ehrenamt bei dem gemeinnützigen Verein habe ihm eine neue Aufgabe gegeben. Zwei Hilfsbedürftige betreue er derzeit, auf Frau Kanterian Freude er sich immer. "Am liebsten philosophieren wir. Bei ihr habe ich gar nicht das Gefühl, mit einer alten Frau zu reden. Wir sind auf einer Wellenlänge", sagt er der AZ.

Dann muss er kurz unterbrechen und eine Vase aus der Küche holen. Eine Mitarbeiterin von "Dein Nachbar" hat Kanterian Blumen mitgebracht, denn am 6. November ist sie 98 Jahre alt geworden. Sie ist die älteste Klientin des Unterstützungsnetzwerks.

Ziel: Pflege-Vermittlung so einfach wie ein Amazon-Kauf

Nur wenige Gehminuten von der Wohnung entfernt, in der Agnes-Bernauer-Straße, hat "Dein Nachbar" seinen Sitz. Gegründet hat ihn 2015 Thomas Oeben. Er habe Berichte über den demografischen Wandel und den Pflegenotstand gelesen, erzählt er, wollte etwas tun. Zwölf Jahre lang ist der 52-Jährige ehrenamtlich Rettungswagen gefahren, war in der Humanitären Hilfe tätig. Nun hat der Logistiker ein neues Ziel: Hilfsbedürftige Menschen und geschulte Helfer zusammenbringen – und zwar genauso einfach, wie man, so vergleicht es der studierte Betriebswirt, "sich bei Amazon ein Buch bestellen kann".

Thomas Oeben.
Thomas Oeben. © Sigi Müller

Zwei Jahre dauert es, bis das Grundgerüst für eine digitale Infrastruktur steht. Was dabei herauskommt, könnte man "Helfer-Tinder" nennen: Nach einem persönlichen Gespräch erstellen die Ehrenamtler ein Profil. Sie wählen aus, welche Tätigkeiten sie übernehmen möchten – etwa Rasenmähen, Bügeln, Kochen, Spazierengehen, Behördenbriefe beantworten oder einfach nur ein bisserl Ratschen –, dazu, wie viele Stunden Betreuung sie in welchem Einzugsgebiet leisten wollen.

Die Daten werden in der Leitstelle mit denen der Hilfsbedürftigen abgeglichen. Die Vermittlung erfolgt per App: Wenn es "matcht", werden standortgenau Aufträge angezeigt, die der Betreffende annehmen kann – oder ablehnen. Niemand muss sich rechtfertigen, wenn er gerade nicht kann oder möchte.

Unterstützung im Alltag - Entlastung von Angehörigen

Auf ihre Aufgabe vorbereitet werden die Helfer in viertägigen kostenlosen Schulungen, die Pflegefachkräfte leiten. Natürlich, stellt Oeben klar, können und dürfen die Helfer danach keine Tätigkeiten übernehmen, die nur von Fachkräften ausgeübt werden dürfen. Vielmehr gehe es darum, die Hilfsbedürftigen im Alltag zu unterstützen und Zeit für sie zu haben. Außerdem berät der Verein pflegende Angehörige und bietet auch Schulungen durch Fachkräfte Zuhause.

Es sind vor allem die pflegenden Angehörigen, die Oeben entlasten will. Rund 280.000 Menschen allein in Bayern betreuen laut Krankenkasse Barmer einen Lieben daheim (Stand 2018) – 21.000 von ihnen sind so überfordert, dass sie aufhören wollen.

Mitten im Gespräch mit der AZ schaut eine Frau durch die Glastür der Geschäftsstelle. Sie tritt unschlüssig von einem Fuß auf den anderen. Schließlich kommt sie doch rein. Sie sei zufällig vorbeigelaufen, habe das Schild gesehen, sagt sie. Und dass sie es einfach nicht mehr alleine schaffe mit den Eltern. Oeben bringt sie in die Beratungsstelle.

Bereicherndes Ehrenamt - "Herr Schmidt ist mein Liebling"

Astrid Kanterian wird nicht dauerhaft von einem Familienmitglied betreut. Ihre Verwandten leben überall auf der Welt verteilt. Neben Jürgen Schmidt hat sie noch einen Pfleger, der sie rund um die Uhr betreut und nur Englisch spricht. Für die frühere Lehrerin kein Problem, sie selbst spricht sechs Sprachen.

"Aber Herr Schmidt ist mein Liebling", sagt sie. Wenn er kommt, bringt er Essen mit. "Aber er kann besser reden als kochen", sagt sie schmunzelnd. Eine Beleidigung für den gelernten Koch? "Ach was, der Beruf hat mir eh nie Spaß gemacht", sagt Schmidt.

Astrid Kanterian schaut gerne Filme auf dem Laptop – am liebsten "Mr. Bean".
Astrid Kanterian schaut gerne Filme auf dem Laptop – am liebsten "Mr. Bean". © Sigi Müller

Er sei immer wieder beeindruckt, woran sich Kanterian alles erinnert. Manchmal fallen ihr aber Namen nicht ein, erzählt sie: "Mein Gedächtnis ist wie eine Schallplatte, manchmal bleibt die Nadel hängen." In Echtzeit berichten kann sie dafür von den Slapstik-Einlagen ihres Lieblingsschauspielers Rowan Atkinson alias "Mr. Bean". Seine und andere Filme schaut sie im Bett auf dem Laptop. Jürgen Schmidt liefert Nachschub, wenn er zweimal im Monat vorbeischaut.

"Dein Nachbar": Von Kassen anerkannter Dienst

Dafür bekommt er eine Aufwandsentschädigung von acht Euro pro Stunde, maximal 2.400 Euro jährlich sind steuerfrei. Alternativ kann er sich beim Verein seine Stunden in Punkten gutschreiben lassen und diese einlösen, wenn er selbst oder ein Angehöriger mal Betreuung benötigt. "Dein Nachbar" kann als anerkannter Dienst die Betreuungsstunden mit den Kassen abrechnen – sofern die Klienten Anspruch auf finanzielle Leistungen haben, etwa bei einem Pflegegrad. Ansonsten kostet eine Betreuungsstunde 17 Euro.

Jürgen Schmidt muss weiter. Er verabschiedet sich mit einem Luftkuss an der Türschwelle von Astrid Kanterian. Sie habe ihm schon einen Heiratsantrag gemacht, sagt sie. "Erst wenn sie 100 wird!", scherzt Schmidt. Und fügt dann leise hinzu: "Aber es stimmt schon, ich liebe sie." Manchmal reichen die kleinen Worte halt nicht aus.


"Dein Nachbar": So machen Sie mit

Im Jahr 2015 gründet Thomas Oeben "Dein Nachbar". Das Ziel: Die Versorgungslücke in der Pflege (2030 wird jeder Siebte Pflege benötigen, doch dann fehlen 500.000 Fachkräfte) abzumildern. Heute zählt der Verein mehr als 300 ehrenamtliche Helfer und 220 Klienten. Infos gibt es auf www.deinnachbar.de. Die Fachstelle für Pflegende Angehörige berät kostenlos (089 960 40400, Mo-Fr 9– 12 Uhr und Di 15– 17 Uhr). Die nächste Helfer-Schulung gibt es am 30. November, 1. , 7. und 8. Dezember, jeweils von 9 Uhr bis 17.30 Uhr. Interessierte wenden sich an Lucien Kleekamm (Nummer siehe oben oder: info@deinnachbar.de).

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