Wie realistisch sind die "Rosenheim-Cops"? Jetzt spricht ein echter Polizeikommissar

In der Serie "Die Rosenheim-Cops" sterben viele Menschen, wenn auch unblutig. Die AZ hat mit den Machern und der echten Polizei darüber gesprochen, wo der Krimi sich von der Realität unterscheidet - und in welcher Hinsicht er realistischer ist, als manche vielleicht glauben. 
von  Maximilian Neumair
"Die Rosenheim-Cops" (v.l.): Pia Arnbruck (Katharina Plank), Anton Stadler (Dieter Fischer), Christin Lange (Sarah Thonig), Gert Achtziger (Alexander Duda), Julia Beck (Michaela Weingartner), Michi Mohr (Max Müller). Im fiktiven Rosenheim ist die Mordrate wesentlich höher als in der Realität.
"Die Rosenheim-Cops" (v.l.): Pia Arnbruck (Katharina Plank), Anton Stadler (Dieter Fischer), Christin Lange (Sarah Thonig), Gert Achtziger (Alexander Duda), Julia Beck (Michaela Weingartner), Michi Mohr (Max Müller). Im fiktiven Rosenheim ist die Mordrate wesentlich höher als in der Realität. © Linda Gschwentner/ZDF

Wenn Miriam Stockl (gespielt von Marisa Burger) ihren berühmten Satz "Es gabat a Leich!" sagt, hat es in der sonst so idyllischen Welt von "Die Rosenheim-Cops" wieder einmal einen Mord gegeben. Die sind – unabhängig vom Tathergang – überraschend unblutig und vor allem: äußerst häufig. In den vergangenen 24 Jahren gab es über 600 Episoden – da im Schnitt ein Mensch pro Folge stirbt, sind das in etwa 600 Morde.

Zum groben Vergleich: Von 2009 bis 2025 – die Daten gehen nur bis zur Gründung des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd zurück – hat es im echten Rosenheim (Stadt und Landkreis) gerade einmal 25 vollendete Morde gegeben. In der Serie wurde im selben Zeitraum rund 18-mal so viel getötet.

Warum im fiktiven Rosenheim so viele Mörder herumlaufen? Ganz einfach: "Unser Genre ist Krimi mit Mord, das ist gesetzt", erklärt die "Die Rosenheim-Cops"-Drehbuchautorin Julie Fellmann im Gespräch mit der AZ. Wenn es in der Serie um Verbrechen wie Diebstähle ginge, dann gäbe es ihr zufolge zu viel Wohlfühl-Atmosphäre. "Dieser Kontrast ist ja schon schön", sagt die Autorin. Einerseits die humorvollen Nebengeschichten, andererseits die unblutigen Morde.

"Die Rosenheim-Cops"-Produzentin: "Wir sind ein Familienformat"

Nach den wenigsten Tötungsdelikten dürfte es am Tatort so aussehen, als würde das Opfer schlafen. "Die Rosenheim-Cops"-Produzentin Marlies Moosauer sagt der AZ: "Wir sind ein Familienformat." Demnach soll auch ein achtjähriges Kind die Serie schauen können, ohne schweißgebadet in der Nacht aufzuwachen. Ein "leichtes Unterhaltungsformat", nennt es Moosauer.

Während Beate Angerer (Julia Angeli, r.) von der Spurensicherung Hauptkommissarin Beck (Michaela Weingartner, 2.v.r.) über die persönlichen Gegenstände des gewohnt unblutigen Opfers informiert, berichtet Rechtsmedizinerin Dr. Dimos (Anastasia Papadopoulou, l.) Hauptkommissar Stadler (Dieter Fischer, 2.v.l.), welche Besonderheiten das Opfer (Komparse) aufweist.
Während Beate Angerer (Julia Angeli, r.) von der Spurensicherung Hauptkommissarin Beck (Michaela Weingartner, 2.v.r.) über die persönlichen Gegenstände des gewohnt unblutigen Opfers informiert, berichtet Rechtsmedizinerin Dr. Dimos (Anastasia Papadopoulou, l.) Hauptkommissar Stadler (Dieter Fischer, 2.v.l.), welche Besonderheiten das Opfer (Komparse) aufweist. © Markus Sapper/ZDF

Sie sagt: "Wir haben so ganz klassische Motive: Neid, Habgier, Eifersucht. Irgendwer hat seine Ehefrau oder Geschäftspartner betrogen und wird dafür ermordet. Solange ich selber nichts anstelle, passiert mir auch nichts." Normalerweise gibt es nicht einmal Szenen in der Nacht. Dabei finden die Verbrechen in der echten Welt meist eben zu dieser Zeit statt.

Polizei Oberbayern: "Zeit ist ein entscheidender Faktor in der Tataufklärung"

Auch die reale Polizeiarbeit unterscheidet sich spürbar von den Ermittlungen in der Serie. "Morde sind immer sehr schnell, spätestens nach anderthalb Tagen aufgeklärt. Und dann ist es wieder genauso schön und weiß-blau wie vorher", sagt Produzentin Moosauer.

"Die Rosenheim-Cops"-Produzentin  Marlies Moosauer. Die Serie soll ein "leichtes Unterhaltungsformat" sein.
"Die Rosenheim-Cops"-Produzentin Marlies Moosauer. Die Serie soll ein "leichtes Unterhaltungsformat" sein. © Linda Gschwentner/ZDF

Ganz so schnell dürfte es in der Realität nicht gehen. Michael Spessa, Erster Polizeihauptkommissar und Pressesprecher des in Rosenheim angesiedelten Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, sagt der AZ: "Jeder Fall muss unterschiedlich betrachtet werden." Demnach kommt die Länge der Ermittlungen auf die Spurenlage und den Beweiswert an. Wie lange die Arbeiten an einem Fall im wahren Leben im Schnitt andauern, lässt sich also nicht sagen. Klar ist aber: "Zeit ist ein entscheidender Faktor in der Tataufklärung", so der Polizist.

Polizei: "Es ist in keinem Fall so wie im Krimi"

Auch die Größe der Ermittlungsgruppen variiert in der echten Polizeiarbeit. Dazu können laut Spessa drei bis 100 Beamte gehören. "Je nach Deliktschwere, je nach Deliktgröße und je nach Umfang der Ermittlungen", sagt der Polizeisprecher aus Rosenheim.

Wenn sich eine Tat im öffentlichen Raum zugetragen habe und deshalb viele Zeugen vernommen oder Videoaufnahmen ausgewertet werden müssten, werde die Gruppe an Ermittlern entsprechend größer. Je mehr Ermittler, desto schneller könne die Polizei arbeiten. "Es ist in keinem Fall so wie im Krimi, dass ich da zwei Mordermittler habe, die dann rumfahren und ihr Zeug machen", stellt der Polizeisprecher klar.

Polizistinnen sichern an einem echten Tatort im Alten Botanischen Garten Spuren.
Polizistinnen sichern an einem echten Tatort im Alten Botanischen Garten Spuren. © Peter Kneffel/dpa

Eben so sehen aber die Ermittlungsgruppen bei den "Rosenheim-Cops" aus: "Bei uns ist es in der Regel ein 'Cops-Zweier-Team'. Zudem ist Frau Lange als Assistenz mit dabei, die die ganzen Recherchearbeiten vom Schreibtisch aus macht. Es gibt einen Streifenpolizisten oder eine Streifenpolizistin, die das Team verstärkt. Und wir haben noch die Rechtsmedizin und die Spurensicherung", sagt Produzentin Moosauer.

Als ein Forstbesitzer morgens tot in seinem Wald gefunden wird, ermitteln die Rosenheimer Kommissare Stadler (Dieter Fischer, l.), Hansen (Igor Jeftić, r.) und Polizist Mohr (Max Müller).
Als ein Forstbesitzer morgens tot in seinem Wald gefunden wird, ermitteln die Rosenheimer Kommissare Stadler (Dieter Fischer, l.), Hansen (Igor Jeftić, r.) und Polizist Mohr (Max Müller). © Christian A. Rieger/ZDF

Sie räumt ein: "Die Teamgröße im wahren Leben kriegt man in der Serie ja nicht wirklich abgebildet." Drehbuchautorin Fellmann ergänzt: "Die Grundidee der 'Rosenheim-Cops' ist, dass immer ein Bayer und ein Preuße ermitteln. Da generiert sich ja auch ein gewisser Spaß draus."

Drehbuchautorin: "Wir überspringen die Dauer der Ermittlungsschritte"

Die Art, wie Fälle gelöst werden, unterscheidet sich laut Fellmann gar nicht so sehr von der echten Polizeiarbeit. Für die Recherche habe sie in der Vergangenheit bereits mit dem Kripo-Chef in München gesprochen, um sich die einzelnen Vorgänge bei der Polizei erklären zu lassen.

"Wir überspringen die Dauer der Ermittlungsschritte, aber wir erzählen schon eine anständige Ermittlung, das ist keine Zuschauertäuschung", stellt die Drehbuchautorin klar. Das heißt: "Das Handy wird ausgewertet, die Leiche wird obduziert, die Fingerabdrücke werden untersucht, die Kontoauszüge werden geprüft." Aber: "Wir ersparen das wochenlange Warten auf die Ergebnisse."

Hauptkommissar Stadler (Dieter Fischer, l.) und Hauptkommissarin Beck (Michaela Weingartner, M.) sprechen mit Dr. Dimos (Anastasia Papadopoulou, r.) in der Rechtsmedizin, die sie über eine neue Spur im Zuge des Obduktionsberichts informiert. Die Ermittlungsschritte gehen in der Serie wesentlich schneller als in der Realität.
Hauptkommissar Stadler (Dieter Fischer, l.) und Hauptkommissarin Beck (Michaela Weingartner, M.) sprechen mit Dr. Dimos (Anastasia Papadopoulou, r.) in der Rechtsmedizin, die sie über eine neue Spur im Zuge des Obduktionsberichts informiert. Die Ermittlungsschritte gehen in der Serie wesentlich schneller als in der Realität. © Lina Gschwentner/ZDF

Die echte Polizei muss überaus gründlich sein, wie der Polizeisprecher bestätigt: "Egal welcher Gegenstand sich am Tatort befindet, es wird alles erfasst und niedergeschrieben, weil nichts bedeutungslos sein kann bei einem Kapitaldelikt", sagt Polizeisprecher Spessa.

Die Spurensicherung der Polizei arbeitet an einem Tatort in Hessen 2025, nachdem zwei Männer erschossen wurden. Bei der Spurensicherung zählt jedes Detail.
Die Spurensicherung der Polizei arbeitet an einem Tatort in Hessen 2025, nachdem zwei Männer erschossen wurden. Bei der Spurensicherung zählt jedes Detail. © Helmut Fricke

Auch brutale Details geben den Ermittlern Aufschluss: Ob ein Opfer nur einmal mit einem Hammer getroffen oder 15-mal auf den Kopf eingeschlagen wurde, ist ein entscheidender Unterschied, der der Polizei Hinweise auf das Motiv liefern kann. So düster wird es im sonnigen Rosenheim aus der Serie nie.

"Die Rosenheim-Cops": Täter gestehen schnell

Ein weiterer Punkt, in dem sich Serie und Realität unterscheiden: "Bei uns gestehen die Verdächtigen in der letzten Szene immer sehr schnell", sagt Produzentin Moosauer. Dieser Luxus widerfährt der echten Polizei für gewöhnlich nicht.

Drehbuchautorin Fellmann hält "Die Rosenheim-Cops" in mancherlei Hinsicht trotzdem für realistischer als andere Krimis, in denen die Ermittler sich verkleiden, irgendwo anschleichen oder sich mit den Verbrechern  Verfolgungsjagden liefern. Die Realität ist eben manchmal unspektakulär – das passt zur Gemächlichkeit der "Rosenheim-Cops".

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