Wie Eltern auf das Zeugnis ihres Kindes reagieren sollten

Für manche Kinder ist es Anlass zu Stolz und Freude, für andere zu Kummer und Scham: Es gibt wieder Zeugnisse. Was Eltern aus Sicht einer Expertin unbedingt tun sollten - und was auf keinen Fall.
dpa |
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Mit einer Fünf im Zeugnis fällt der Heimweg vielen Kindern und Jugendlichen schwer. (Symbolbild)
Mit einer Fünf im Zeugnis fällt der Heimweg vielen Kindern und Jugendlichen schwer. (Symbolbild) © Ina Fassbender/dpa
München

An diesem Freitag gibt es wieder Zeugnisse - und wie jedes Jahr werden manche Kinder aus Angst vor der Reaktion ihrer Eltern mit hängenden Schultern nach Hause schleichen. Doch Druck ist kontraproduktiv, mahnt die pädagogische Leiterin des Kinderschutzbundes Bayern, Alexandra Schreiner-Hirsch. Sie gibt Eltern deshalb eine klare Empfehlung: "Brüllen, schimpfen, Strafen für Noten sollte man ebenso streichen wie materielle Belohnungen". Denn Geld oder Geschenke als Anreiz könnten die intrinsische, also in den Kindern selbst liegende Motivation zum Lernen zerstören. 

"Auch wenn das Zeugnis sehr gut ist, geht es darum, den Fokus nicht nur auf die Leistung zu legen", erläutert Schreiner-Hirsch. Der Charakter und die Persönlichkeit eines jeden Kindes oder Jugendlichen sei einzigartig, mit all den Fähigkeiten und Talenten, mit Verantwortungsbewusstsein, Hilfsbereitschaft, emotionaler Sensibilität, Musikalität, Kreativität, Sportlichkeit oder sprachlicher Gewandtheit. "Einen Menschen macht so viel aus", betont die Expertin. "Da ist eine Note ein mini-mini-kleiner Anteil, obwohl für uns Eltern manchmal der Eindruck entsteht, die Schule ist das ganze Leben und entscheidet über das Leben meines Kindes." 

Durchatmen, kuscheln - und erst einmal zuhören

Deshalb solle man am Zeugnistag auch bei schlechten Noten erst einmal tief durchatmen, die eigenen Emotionen zur Seite schieben und das Kind in den Arm nehmen. "Und dann einfühlen in mein Kind, denn es sind seine Noten. Mein Job als Elternteil ist zuhören, einfühlen, nachfragen, Emotionen coachen, also dem Kind helfen, mit diesen unangenehmen Gefühlen umzugehen", erläutert Schreiner-Hirsch. 

"Wichtig ist die Botschaft: Du bist unser Kind, und wir lieben dich - egal, wie die Noten sind - als Mensch", betont die Fachfrau. "Es gibt eben Teilaspekte, die mal besser oder schlechter laufen. Und wir schauen jetzt gemeinsam, wie wir die Zukunft gestalten, wie es weitergeht im nächsten Schuljahr."

Dazu lege man am besten einen Zeitpunkt für ein extra Gespräch fest, rät die Pädagogin. Wichtig sei dabei die offene Frage: "Was brauchst du jetzt?" Ob gemeinsames Lernen, Nachhilfe, die Wiederholung der Jahrgangsstufe oder ein Schulwechsel - idealerweise hat dieses Gespräch sogar schon stattgefunden. Denn das Zeugnis sollte für Eltern wie Kinder keine Überraschung sein. "Hups, wir fallen aus allen Wolken - das darf bei einer guten Eltern-Kind-Beziehung und einer guten Lehrkraft-Eltern-Erziehungspartnerschaft nicht passieren", betont Schreiner-Hirsch.

Niemals mit anderen Kindern vergleichen

Die Fachfrau hat noch einen Tipp parat: "Streichen Sie Vergleiche aus Ihrem Repertoire! Wenn ich Kinder untereinander vergleiche, schüre ich Rivalität unter Geschwistern oder Freunden und fördere Mobbing." Zumal klar sei: "Ein Kind ist kein Roboter. So wie das eine schneller wächst als das andere, ist es beim schulischen Lernen und bei Fähigkeiten und Fertigkeiten auch - die entwickeln sich einfach unterschiedlich." 

Schreiner-Hirsch und ihre Kolleginnen und Kollegen erleben jedoch stetig steigende Erwartungen an die Performance in der Schule. "Dieser Druck, nur über Leistung definiert zu werden, ist enorm. Und damit ein ganzes Schulleben lang umgehen zu müssen, wird oft kompensiert: mit Wut und Aggressionen, kompletter Verweigerung, mit Drogen, mit Suchtmitteln oder was auch immer." 

Der Wunsch der Eltern, ihren Kindern die besten Startchancen zu ermöglichen, sei legitim, betont die Fachfrau. Allerdings stelle sich manchmal die Frage: "Verhindere ich nicht eher ein gutes Leben, wenn ich mein Kind eine Laufbahn einschlagen lasse, die gar nicht zu ihm passt?" Zumal es auch "nicht immer der direkte Weg sein muss, wenn dieser mit Leid und Tränen, unangenehmen Gefühlen und ganz vielen herausfordernden Familiensituationen gepflastert ist".

Beratungsangebote für Eltern sowie Schülerinnen und Schüler

Wer sich Unterstützung oder Beratung zur Schulkarriere seines Kindes wünscht, kann sich an die auch "Zeugnistelefon" genannten Beratungsnummern der neun staatlichen Schulberatungsstellen in Bayern wenden. Auch die Beratungslehrkräfte an den Schulen vor Ort stehen für Informationen etwa zum Schulwechsel oder für Tipps und Tricks wie Lerntechniken zur Verfügung. 

Wenn Eltern sich Sorgen um ihre Kinder machen, können sie auch das Elterntelefon der "Nummer gegen Kummer" anrufen. Unter 0800 111 0550 helfen die Beraterinnen und Berater auch bei Überforderung oder Hilflosigkeit. Kinder und Jugendliche wiederum können ihr Herz beim Sorgentelefon unter 116 111 ausschütten. 

Gerade zur Zeugniszeit klingelt es dort besonders oft. "Es gibt nach wie vor Kinder, die eine Watschen bekommen, auch wenn das in Deutschland längst verboten ist", schildert Schreiner-Hirsch. "Oder wo es heißt: "Aus dir wird eh nichts mehr."" Ihr Fazit: "Alles, was wir dachten, es wäre längst passé, das gibt es auch heute noch." Doch es gebe auch viele Eltern, die anders an die Sache herangingen - bis hin zum Wechsel raus aus dem staatlichen Schulsystem, um dem Notendruck zu entkommen.

Hinweis: Diese Meldung ist Teil eines automatisierten Angebots der nach strengen journalistischen Regeln arbeitenden Deutschen Presse-Agentur (dpa). Sie wird von der AZ-Onlineredaktion nicht bearbeitet oder geprüft. Fragen und Hinweise bitte an feedback@az-muenchen.de

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