Warten auf Sarkozy

1805 zog Napoleon ein, am Montagabend kommt Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy: Halb Straubing dreht durch, hofft auf gute Geschäfte – und einen Imagegewinn.
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Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy
ap Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy

STRAUBING - 1805 zog Napoleon ein, am Montagabend kommt Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy: Halb Straubing dreht durch, hofft auf gute Geschäfte – und einen Imagegewinn.

Die deutschen Agenten stehen vorn an der Straße, die Franzosen sichern hinten im Garten. Manche wachen drinnen am Tresen. Sello Dilber, der Wirt der Gaststätte „Zum Geiss“, steht seit Tagen unter grimmiger Beobachtung. Die kantigen Beamten kontrollieren das Essen, die Möbel und das Personal. Sein Handy bimmelt. Es ist Berlin. Sie brauchen die Passnummern der Kellner. Dilber seufzt.

Was bleibt ihm anderes übrig: Am Montagabend um 18.30 Uhr speist der französische Präsident in seinem Lokal – Nicolas Sarkozy kommt nach Straubing. Mit dabei sind Bundeskanzlerin Angela Merkel, Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Verteidigungsminister Franz Josef Jung, Umweltminister Sigmar Gabriel und Wirtschaftsminister Michael Glos. Rund 140 Leute.

Typisch bayerisches Menü

Das Menü ist typisch bayerisch, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel es sich wünschte: Tafelspitzsülze, ein Duett von Ente und Gickerl mit Reindlgemüse und Knödeln und zum Dessert Mille-Feuille. Dilber und sein Partner Thomas Hollmayr behaupten, geheime Testesser des Außenministeriums hätten ihr Lokal auserwählt. Das BKA nickte ab - die Räume sind leicht abzusichern.

14 Tage haben sich Sello Dilber und Thomas Hollmayr vorbereitet, jetzt sprechen ihre Kellner perfekt französisch und tragen maßgefertigte weiß-blaue Tracht. Die Stube ist blau-weiß-rot geschmückt. Wo Sarkozy im Lokal sitzen wird, darf Dilber nicht verraten. Wegen der Agenten.

1805 zog Napoleon ein

Der kleine Franzose kommt, Straubing dreht durch. Das gab’s zuletzt 1805, als Napoleon einzog. Die kreisfreie Stadt will das gebührend feiern – mit Fahnen, Girlanden, Militärparaden, rotem Teppich und einer Prise Terrorangst.

Laut Protokoll kommt Sarkozy um 14 Uhr am Rathaus an. Um14.45 Uhr trägt er sich ins Goldene Buch ein, wie einst schon Willy Brandt und Roman Herzog. Danach nehmen er und Merkel im Schatten des berühmten Stadtturms eine Militärparade am Ludwigsplatz ab. Nach der Pressekonferenz im Rathaussaal und einigen Gesprächen geht’s durch 5000 jubelnde Straubinger direkt ins „Geiss“.

Für Sarkozy ist das Routine. Für Straubing ist es der große Bahnhof. Gut, die Niederbayern haben mit dem Gäubodenfest das zweitgrößte Volksfest Bayerns. Doch Oberbürgermeister Markus Pannermayr (CSU) hofft auf einen „positiven Marketingeffekt“. Straubing müsse sich „von seiner besten Seite zeigen“, um „seinen Namen über die Grenzen hinaus zu tragen.“ Zu diesem Zweck hat Pannermayr 4000 französische und deutsche Fähnchen verteilen lassen. Charme-Offensive.

Es ist das erste Mal, dass so ein Gipfel in einer Kleinstadt stattfindet, und nicht in Bonn oder Berlin. Die Straubinger sind stolz, dass es sie getroffen hat. „Das ist ein Signal für den ländlichen Raum“, sagt Pannermayr, „eine große Aufwertung, die uns ehrt und verpflichtet“.

„Hauptsach’, mir machen a Gschäft“

Andere sehen es praktischer. Wie Josef Krönner (73), der Konditor vom Marktplatz: „Hauptsach’, mir machen a Gschäft“, sagt der und blickt durch seine goldene Brille auf sein weiß-blau-rot-geschmücktes Schaufenster voller Torten und Rotweinflaschen. „München hat sowas ja nicht nötig, aber uns tät’s gut, wenn die Touristen die Autobahnausfahrt auch mal benutzen würden.“

Auch Dieter Gietl ist überzeugt, dass seine Stadt von Sarkozys Besuch profitiert. Der Dekorateur beliefert die Stadt und das „Geiss“ mit Fahnen, Luftballons und Tischläufern – nur die ganz großen Flaggen für die Parade bringt Berlin selbst mit. Gietl ist sozusagen Straubings Make-Up-Artist. „Ich bin wirklich stolz, dass Sarkozy und Merkel kommen“, sagt der 65-Jährige mit den silberweißen Haaren, „es ist so, als ob sich zwei Könige treffen.“

Wirklich, alles prima, meint Gietl und stemmt seine Hände in die Hüfte. Bleibt nur noch eine Frage: „Und Carla? Kommt die auch?“

Thomas Gautier

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