Vollsperrung am Brenner: "So ein Szenario gab es noch nie"

Haben Sie am Wochenende nach Pfingsten schon etwas vor? Sollten Sie in den Süden wollen, dann überdenken Sie das noch mal. Die Vollsperrung der Brenner-Autobahn in Tirol am 30. Mai (AZ berichtete) könnte den gesamten Alpenraum ins Verkehrschaos stürzen.
Die Autobahn GmbH orientiert sich auf bayerischer Seite an dem Verkehrs- und Sicherheitskonzept der österreichischen Seite. Josef Seebacher von der Niederlassung Südbayern der Autobahn GmbH des Bundes gibt der AZ einen Einblick in die Planungen. Demnach geht die bayerische Polizei von der sogenannten Eskalationsstufe aus. Das bedeutet eigentlich Dosierung, was man von vielen Sommerwochenenden schon kennt.
"Im Grunde versucht man, den Verkehr so aufzuhalten, dass er in Österreich noch irgendwo rollen kann“, sagt Seebacher. Die erste Dosierung werde am Grenzübergang Kiefersfelden erwartet. Bei weiteren Stauungen im Raum Innsbruck – "die wird es sehr schnell geben“ – gehe es im Westen bei Füssen los, über Scharnitz, den Achenpass, die B171.

Alle Grenzübergänge würden dann dosiert, sowohl an der Autobahn als auch an Bundesstraßen. "Das wird faktisch zu einer Blockade dieser Grenzübergänge führen. Davon gehen wir aus, und das ist das Szenario, das uns am meisten zu schaffen macht, weil wir damit keinen Abfluss nach Süden haben werden“, sagt Seebacher.

Doch damit werde es nicht getan sein, glaubt man bei der Autobahn GmbH. Der 30. Mai werde in der Region der zweitverkehrsstärkste Tag des Jahres sein, nach dem Pfingstsamstag. Damit werde auch der Tauernkorridor in Österreich „"absolut am Limit sein und auch keinen Verkehr mehr aufnehmen“. Auch am Walserberg bei Salzburg werde kein größerer oder gar kein Verkehrsabfluss mehr möglich sein. Wie geht es dann für gestrandete Autofahrer weiter? Die Autobahn GmbH hat sich mit der Polizei abgestimmt. Das Inntaldreieck werde dann gesperrt und der Verkehr in Richtung Walserberg geleitet. Unter Umständen müsse man den Verkehr dort wieder umdrehen lassen.
"Da wird dann eine provisorische Anschlussstelle geöffnet bei Piding und der Verkehr wieder in Fahrtrichtung München auf die Autobahn zurückgeleitet.“ Könnte man dann vielleicht doch noch weiter westlich ausweichen? Auch davon rät Seebacher ab. Die angenommenen Verkehrsströme dürften auch zu einer Blockade bei Bregenz am Bodensee führen. Es sei nicht sicher, wie dort dann reagiert werde. Möglicherweise werde aber auch dort dosiert werden.

Und ein großer Umweg über die Schweiz? Auch dort werde über entsprechende Maßnahmen nachgedacht, sagt Seebacher – als "Schleichweg“ eignet sich auch diese Route also nicht. Wenn zu viel Verkehr in die Schweiz Richtung Gotthardtunnel ausweiche, werde wohl auch dort an den Grenzen dosiert. Seebachers Fazit und Rat: Österreich am besten den ganzen Tag komplett meiden.
Möglichst früh losfahren – schon am 29. Mai
Und: "Nicht nur an dem Tag, sondern auch davor.“ Denn viele Menschen wüssten inzwischen um die Problematik am 30. Mai, aber niemand wisse, wie auf die Ankündigungen reagiert werde, wie viele dennoch fahren - und wann. "Wenn alle vernünftig sind und keiner losfährt, dann haben wir gar kein Problem.“ Probiere es dagegen etwa die Hälfte der Menschen, die zum gleichen Zeitpunkt im vergangenen Jahr unterwegs gewesen seien, "haben wir ein sehr großes Problem. Wenn es zwei Drittel probieren, dann haben wir kompletten Stillstand.“
Groß sei auch die Sorge, viele könnten versuchen, bereits in der Nacht davor Richtung Brenner zu fahren. Diese könnten dann ebenso feststecken und es nicht mehr rechtzeitig über den Brenner schaffen. "Ich kann nur raten, so früh, wie es geht, loszufahren“ – also besser schon am Freitag, den 29. Mai, in der Früh. "Sonst ist irgendwann der Schlagbaum zu“, möglicherweise gehe das Benzin aus oder das Wasser oder die Klimaanlage gebe den Geist auf.

Wie bereitet man sich in Bayern auf diese Aspekte vor? Die bayerischen Katastrophenschutzbehörden hätten ebenfalls entsprechende Szenarien, wie die Menschen, die dann auf der A8 stehen, versorgt werden könnten. Im Kreis Rosenheim etwa seien die Feuerwehren angewiesen, ihre Dienststellen den ganzen Tag über besetzt zu halten, um im Ernstfall schnell reagieren zu können – denn auch die Helfer müssen durchs Verkehrschaos durch.
Was Ausflügler am Wochenende am besten machen sollen
Die Einsatzstäbe in den Landratsämtern und beim Polizeipräsidium Oberbayern Süd werden in der Früh tagen und sich vorbereiten, erzählt Seebacher. Auch die Autobahn GmbH habe ihre Einsatzleitungen und werde den Verkehr großräumig ableiten – bereits bei Würzburg und Nürnberg. Dort sollen die Autofahrer Richtung A3 geleitet werden. "Wir werden auch noch vor dem Wochenende LED-Warner aufstellen“, denn auch jetzt fahren viele in den Süden und wollen dann am 30. Mai zurück Richtung Deutschland. "Auf italienischer Seite ist das Drama ja genauso groß“, sagt Seebacher. Und auch dort, in Südtirol, werde gesperrt, etwa die Autobahn bei Sterzing – komplett. Die, die nur nach Hause wollen, sind also genauso betroffen.
Und was ist den ganz normalen Ausflüglern zu raten, die vielleicht von München nach Berchtesgaden fahren wollen? Bei der Autobahn GmbH rate man auch ihnen, am 30. Mai "möglichst den Bereich südlich von München zu meiden“, sagt Seebacher. Man wisse schließlich nicht, wie weit die Rückstaus reichen. An den Tagen davor und danach werde man zumindest eine Art verschärften Reisestau haben. Ob Richtung Berchtesgaden oder Garmisch oder Füssen, die Gefahr, festzustecken, sei überall gegeben. "Wir müssen das beobachten, so ein Szenario gab es noch nie. Deswegen kann man Prognosen nur sehr schlecht abgeben.“