Vollsperre gegen den Brenner-Verkehr: "Das hält keiner aus"
Oben im Ort geht ein alter Mann an der aufgelassenen Striptease-Bar vorbei. Wilder Bart, abgetragene Jeans, löchriges T-Shirt. Er sucht Blickkontakt, bleibt stehen, legt einen Finger auf die Lippen. "Fremder, Du musst aufpassen", sagt er. "Unten in den Dörfern musst Du aufpassen. Alles voller Polizei." Woher er das wisse?
Er zieht eine Zeitung aus der Gesäßtasche. "Sie schreiben, dass es ein Chaos wird. Sie schreiben, dass die Polizei vor Ort alles regeln wird. Sie haben Dich im Blick, Fremder. Halt' Dich raus!"
Nichts los am Brenner
Hundert Meter weiter beobachten zwei Uniformierte, wer das Outlet-Zentrum betritt. Es gibt nichts zu sehen. Kaum ein Wagen in der Parkgarage. In der Mall tobt kein Kind im Bällebad oder rutscht auf der Rutsche, die Cafeteria hat keinen Gast, in den Geschäften haben sich die Angestellten hinter die Kassen gesetzt und warten auf den Feierabend. Heute keine Kunden.

Heute nichts los am Brenner. Es ist halb elf Uhr am Samstagvormittag, und in einer halben Stunde wird der Verkehr auf dem Pass hinunter nach Innsbruck lahmgelegt. Das Wipptal – so heißt es hier – macht dicht.
Zu viel für die Anwohner: 14 Millionen Autos pro Jahr
Die Leute hier sind's leid. 14 Millionen Autos – davon sind ein Drittel Schwertransporter – rauschen jährlich über den Brenner. Wenn auf der Autobahn nichts mehr geht, wechseln sie auf die Bundesstraße und probieren's da.
Nach 55 Jahren wird überall gebaut, derzeit stehen ein Dutzend himmelhohe Kräne an der Luegbrücke, die verkehrssicher gemacht werden muss. Aus dem Inneren der Berge kommen im Akkordtempo die Baufahrzeuge und holen neues Material für einen riesigen Tunnel. Das Material ist staubig und verpestet das Tal.
Den Menschen stinkt's. Demo!
Radlerin: "Wie mich das ankotzt"
Brennersee. Der letzte Personenwagen, der es vor der "Sperrstunde" schafft, ist ein Holländer. Auf der Autobahn rührt sich nichts mehr. Die Züge klettern im 20-Minuten-Takt über den Pass. Regionale zwischen Brenner und Innsbruck, internationale zwischen München und Italien. Transport-Lindwürmer, die in den Kurven und beim Bremsen kreischen, als sei etwas kaputt.

Auf der Bundesstraße Hunderte von Radlern. Eine Frau fährt mitten in einer sportlichen Gruppe und kann wegen des für sie arbeitenden Elektromotors ein langes lautes Selbstgespräch führen.
Sie mag es nicht, dass auf der Autobahn demonstriert wird. Das ist nicht in Ordnung. Sie ruft zornig: "Das verdanken wir alles dem Oarschloch von Mühlsteiger. Ich kann's Euch nicht sagen, wie mich das ankotzt."
Keiner widerspricht. Die anderen haben keinen Motor und sind gerade knapp bei Luft.
Anwohner: "Das wird nicht mehr"
Stafflach. Eine ältere Frau und ihr Mann sitzen auf einer Bank. Er hat gerade das Heu auf der Wiese gewendet und wischt sich mit einem Sacktuch das verschwitzte Gesicht trocken. Sie hat in der Sonne gesessen und ihm beim Arbeiten zugesehen. Ihr geht's gut.
Simon ist ein Trumm Mannsbild. Groß geworden im Wipptal – als er zehn war, ist er mit den Eltern in das Haus gezogen, das von der frischgemähten Wiese umschlossen ist. Von hier aus ist er vier Jahre lang einen Kilometer hinauf zum Schulhaus in Jodok getrödelt und nach dem Unterricht heim gelaufen.

Er hat bei der Eisenbahn als Arbeiter angefangen. An einem Abend war Tanz in der Wirtschaft in Steinach ("Wir haben oft Tanz gehabt, wir haben es uns fein gemacht hier"), und es hat gefunkt mit dem Dirndl, das er bald geheiratet hat. "Ich bin die Zita", hat sie gesagt. "Zita – wie die Kaiserin." Und um ihn war es geschehen.
1976 haben sie geheiratet
Er weiß es noch genau. Das war, als der Klammer Franz – gar nicht weit von hier – Gold bei Olympia geholt hat. Da ist das Wipptal verrückt geworden. Man hat gemeint, man ist ganz nah dran an der weiten Welt.
Ansonsten ist die Welt am Ort vorbei gerauscht. In den Sechzigern haben sich alle – die Laster, die Busse, die Italien-Urlauber – über die Bundesstraße durchs Dorf gequält. Dann ist es nach dem Bau der Autobahn kurz ein bisschen besser geworden.
Und jetzt? "Das wird nicht mehr", sagt der Simon und winkt ab.
Matrei: Mitten in der Brenner-Demo
Am Tag kannst manchmal minutenlang nicht über die Hauptstraße, sagt er, manchmal bleibt alles stehen. Ein Kreuz ist es mit dem Verkehr. Im Nachbarort hat vor einem Jahr – oder waren's zwei? – einer einen Schlaganfall gehabt. Man hat den Notarzt gerufen, der ist auch sofort los. Aber die Straßen waren dicht. Als der Notarzt beim Patienten ankam, war's zu spät.

Die Autobahn? Zita und Simon zucken mit den Achseln. Sie schauen in den steilen Bergwald.
"Die Autobahn", sagt sie und irgendwie hört es sich an, als ob sie von einem bösen Drachen spricht. "Über die reden wir nicht. Wir sehen sie nicht. Wir hören sie nicht – der Lärm geht immer nach oben. Wir sehen den Dreck von den vielen Arbeiten – aber sonst? Sonst haben wir es schön hier."
"Willst was wissen über die Autobahn?", fragt Simon. Ja. "Dann gehst nach Matrei. Ist eh nimmer weit. In Matrei ist Demo. Da kannst redn über die Autobahn."
Matrei. Nix an der Mautstation gezahlt. Die Verbotsschilder ignoriert. Auf dem Zubringer nach Bozen einen Halbkreis mit den anderen marschiert.
"Servus, liabe Tiroler und Tirolerinnen…"
Angekommen. Mitten in der Demo. Vorne müht sich der Bürgermeister einer Wipptaler Gemeinde an einer krächzenden Lautsprecheranlage ab. "Servus, liabe Tiroler und Tirolerinnen…"
Mehr Menschen begrüßt er nicht. Er nimmt es für gegeben an, dass hier, auf dem Stand- und Überholstreifen der Brennerautobahn, die "lieben Tiroler und Tirolerinnen" zusammenkommen.

Und sie kommen. Strammer warmer Wind bläst aus Nordost, die Wolken mehren sich über Innsbruck, es könnte noch ein dröhnendes Gewitter entstehen – aber im Augenblick kümmert sich keiner darum.
Sie strömen auf die Autobahn und sind da. "Wir müssen endlich aufzeigen", sagt einer, der ein Plakat gegen den "Umwegverkehr" gepinselt hat.
Von Punks bis Familien
"Aufzeigen". Aufstehen. Sich wehren. Deswegen sind die vielen Menschen hier.
Eine Jugendkapelle. Kegelverein. Sehr alte Paare, Hand in Hand. Punk-Mädchen, die auf der Überholspur mit Aperol und Knuspergebäck picknicken. Familien mit Kinderkarren. Dicke, Dünne, Junge, Alte, Laute und Stille.
Was bei uns passiert, ist für die Menschen nicht mehr schaffbar. Das hält keiner aus."
Jetzt spricht der Bürgermeister Karl Mühlsteiger. Jeder Satz wird bejubelt. "Das hier ist ein sehr, sehr deutliches Zeichen an die hohe Politik. Die können uns nicht mehr kleinreden, die können uns nicht mehr ignorieren. Was bei uns passiert, ist für die Menschen nicht mehr schaffbar. Das hält keiner aus."
Innsbruck. Alle 30 Minuten kommt ein überfüllter Zug vom Brenner. Ermattete Menschen stolpern auf den Bahnsteig. Zwei Frauen laufen sich über den Weg. "Du?" "Ja." "Warst auch auf der Demo?" "Hm."
"Ich sag' Dir was: Ich hab' sowas noch nie gemacht." "Ich auch nicht."
"Man darf sich nicht alles gefallen lassen"
"Aber ich bin froh. Man darf sich nicht alles gefallen lassen. Die Westdeutschen, die für ein Wochenende an den Gardasee wollen. Die Unternehmer, die ihre Autos übern Brenner schicken, weil da die Maut billiger ist als in der Schweiz. Die Bayern, die einem eine große Südtrasse versprechen – und was passiert? Nix passiert. Wir sind mit dem Tunnel schon durch den Berg – und die Deutschen haben noch nicht mal einen Plan. Und die Benzinpreise, die Rente, der Trump…"

"Ja, eh! Irgendwann langt's." Obacht! Die Geschichte zeigt, dass die Tiroler ein friedfertiges Volk sind. Aber wenn sie sich wehren, bebt der Berg.
Zum Autor: Der Schriftsteller Detlef Vetten arbeitet seit vier Jahren an der "Biographie des Brenner – ein Berg voll Geschichten". Die Demonstration vom Wochenende bereitet er in einem eigenen Kapitel auf.
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