"Quasi Schrott": Versinkt dieses Traditionsboot bald im Tegernsee?

Das Ausflugsschiff MS Bad Wiessee verrottet seit Jahren am Ufer – mit Folgen für die Umwelt. Eigentlich soll es entsorgt werden. Doch bis jetzt ist nichts passiert.
von  Heinrich Ueberall
Gut getarnt hinter Pflanzen: Der ehemalige Ausflugsdampfer MS Bad Wiessee liegt auf dem Tegernsee bereits mit Wasser vollgelaufen schief am Steg. Das Landratsamt Miesbach hat den Besitzer aufgefordert, ihn zu entfernen.
Gut getarnt hinter Pflanzen: Der ehemalige Ausflugsdampfer MS Bad Wiessee liegt auf dem Tegernsee bereits mit Wasser vollgelaufen schief am Steg. Das Landratsamt Miesbach hat den Besitzer aufgefordert, ihn zu entfernen. © Heinrich Ueberall

"Die allermeisten, die hier leben, sind schon als Kinder mit diesem Boot gefahren. Da ist natürlich klar, dass man daran hängt“, sagt der Tegernseer Bürgermeister Johannes Hagn (CSU) der AZ über die traditionsreiche MS Bad Wiessee.

Deren Zustand verschlechtert sich immer weiter. Seit Jahren liegt sie – vom Besitzer scheinbar vergessen – halb versunken im Uferbereich des Tegernsees. Eine Gefährdung der Umwelt ist laut Landratsamt Miesbach nicht ausgeschlossen. Die Behörde greift deshalb durch und hat angeordnet, dass das Boot entfernt werden soll. Das wäre das Ende der Bad Wiessee nach rund 90 Jahren auf dem See.

Lange Historie auf dem Tegernsee

In seinen ersten Jahrzehnten erlebte das Holzboot noch deutlich bessere Zeiten. In den 30er-Jahren gebaut, fuhr es im Linienverkehr viele Generationen über den Tegernsee und wuchs den Menschen in der Umgebung dadurch ans Herz.

Tegernsees Bürgermeister, Johannes Hagn (CSU), bedauert den Zustand der MS Bad Wiessee.
Tegernsees Bürgermeister, Johannes Hagn (CSU), bedauert den Zustand der MS Bad Wiessee. © Stadt Tegernsee

Als es 2006 sanierungsbedürftig verkauft werden sollte, führte das in der Bevölkerung zu Widerstand. Eine Unterschriftenaktion sollte verhindern, dass das Boot vom See verschwindet. Und tatsächlich fand sich ein Käufer, der aus dem Passagier- ein Gastroschiff machte und es an ein Hotel am Ufer des Sees anschloss. Die vermeintliche Rettung.

Besitzerwechsel bringt bittere Wende

Doch dann wechselten im Jahr 2018 sowohl das Hotel als auch die Bad Wiessee den Besitzer. Der Betrieb wurde eingestellt und das Schiff ist seitdem sich selbst überlassen. Ein großes Problem für das traditionsreiche Gefährt, denn gerade Holzboote benötigen eine intensive Pflege, wie Jonathan Heck, auf Holz spezialisierter Bootsbauer aus München, der AZ sagt. "Dafür werden sie normalerweise immer wieder aus dem Wasser gehoben. Der Lack muss eigentlich dauerhaft erneuert werden. Da musst du immer hinterher sein, immer wieder schleifen und lackieren.“

Boot halb vollgelaufen und schief im Wasser

Das alles ist bei der MS Bad Wiessee schon lange nicht mehr passiert. Stattdessen liegt das Schiff seit Jahren am teilweise durchgefaulten Steg. Feuchtigkeit, Sonneneinstrahlung und Kälte greifen seine Bestandteile an, was Folgen hat, wie Bürgermeister Hagn sagt: "Das Schiff ist schon einmal umgefallen. Da musste die Feuerwehr kommen und man hat es irgendwie wieder aufgerichtet.“ Inzwischen ist es wieder halb vollgelaufen und liegt schief im Wasser.

Sie wirkt schon wie ein Teil der Natur: Die vollgelaufene MS Bad Wiessee.
Sie wirkt schon wie ein Teil der Natur: Die vollgelaufene MS Bad Wiessee. © Heinrich Ueberall

Landratsamt Miesbach schaltet sich ein

Das ist auch dem Landratsamt (LRA) Miesbach ein Dorn im Auge. Die Behörde hat den Besitzer, eine Münchner GmbH, die nach eigenen Angaben in der Vermittlung von Grundstücken aktiv ist, bereits im Oktober dazu aufgefordert, das Boot zu beseitigen.

Der offizielle Grund: Der genehmigte Nutzungszweck als Bewirtungsfläche sei weggefallen. Außerdem sei das Schiff in einem desolaten Zustand. Die Beseitigungsanordnung ist laut LRA-Pressestelle inzwischen rechtskräftig, da der Besitzer diese innerhalb der einmonatigen Frist nicht angefochten habe. Bis jetzt habe er auf die Anordnung noch nicht reagiert. Auch die Stadt Tegernsee hat laut Bürgermeister Hagn keinen Kontakt zu ihm.

Die AZ versucht, mit der GmbH zu sprechen. Keine leichte Aufgabe, denn es finden sich weder E-Mail noch Telefonnummer von ihr, nur eine Adresse in München. Dort angekommen zeigt der Briefkasten: Sie teilt sich ihren Sitz offenbar mit vier weiteren GmbHs. Eine Klingel mit Namen gibt es nicht. Auf einen Brief mit Fragen und der Bitte um Rückmeldung antwortete die GmbH nicht.

Der Sitz der Münchner GmbH, die das Boot besitzt. Nur ein Briefkasten mit dem Namen ist dort zu finden.
Der Sitz der Münchner GmbH, die das Boot besitzt. Nur ein Briefkasten mit dem Namen ist dort zu finden. © Heinrich Ueberall

Lösen sich Giftstoffe aus dem Lack?

Zumindest beim LRA sollte sie sich dringend melden. Nicht nur, weil sie bereits zwei Fristen zur Entsorgung des Schiffs verstreichen ließ und dadurch bereits Zwangsgeld in niedriger vierstelliger Höhe zahlen muss. Sondern auch, weil die verfallende MS Bad Wiessee im Wasser erhebliche Schäden für die Umwelt verursachen könnte, auch wenn kein Treibstoff mehr an Bord ist.

Bootsbauer Heck erklärt, dass vor allem abblätternder Lack das Wasser belasten könnte. Dieser könne, wenn das Boot regelmäßig gewartet wird, entsprechend gesondert entsorgt werden. "Aber wenn das Boot vor sich hinrottet, dann lösen sich die Teile und damit auch die Giftstoffe.“ Andere Bestandteile wie Dichtungen an den Fenstern könnten laut dem Fachmann ebenfalls zu Problemen führen. "Das löst sich natürlich mit der Zeit und greift auch das Wasser an und ist auf jeden Fall schädlich für die Umwelt.“

Bootsbauer Jonathan Heck ist Experte für Holzboote.
Bootsbauer Jonathan Heck ist Experte für Holzboote. © privat

Das LRA hat das ebenfalls erkannt und gibt auf AZ-Anfrage an, dass durch die Schieflage des Schiffs eine erhebliche Verunreinigung des Sees nicht ausgeschlossen werden könne. Die im eigenen Haus zuständige Stelle sei bereits informiert. Gegebenenfalls würden erforderliche wasserrechtliche Schritte eingeleitet. Welche das genau sind, führt das LRA nicht weiter aus.

Wann wird das Boot entsorgt?

Auch das weitere Vorgehen, falls der Besitzer untätig bleibt, ist nicht klar geregelt. Momentan werden weiterhin Fristen gesetzt und daraufhin Zwangsgelder verhängt. Maximal könnten das dann 50.000 Euro sein, theoretisch aber auch mehr. Einen Zeitpunkt, ab wann das LRA das Schiff selbst beseitigen würde, kann die Behörde der AZ ausdrücklich nicht nennen.

Insofern ist momentan auch nicht gewiss, ob die MS Bad Wiessee überhaupt aus dem Wasser entfernt wird. Das ist nicht nur ein Problem für die Umwelt, sondern auch für das immer weiter zerfallende Holzboot selbst. "Ich finde es sehr bedauerlich, dass man es so verkommen lässt“, sagt Bürgermeister Hagn. "Es wäre wahrscheinlich sinnvoller gewesen, das Schiff zu verkaufen, es wieder herzurichten und in seiner ursprünglichen Eigenschaft fahren zu lassen. Jetzt ist es quasi Schrott." So hatte der Wunsch der Tegernseer, das Schiff vor Ort zu erhalten, letztlich einen gegenteiligen Effekt.

Der Tegernsee in der Winteridylle: Liegt die MS Bad Wiessee bald auf dessen Grund?
Der Tegernsee in der Winteridylle: Liegt die MS Bad Wiessee bald auf dessen Grund? © Heinrich Ueberall

Rettung "eine Frage von Kosten und Nutzen"

Wäre eine Rettung der MS Bad Wiessee in ihrem derzeitigen Zustand trotz all dem noch möglich? Laut Bootsbauer Jonathan Heck ist das eine Frage von Kosten und Nutzen. Beschädigte Teile könnten ausgetauscht werden. "Theoretisch kannst du so ein Boot auch restaurieren, wenn du alles neu machst", sagt der Experte.

Auch wenn es dann wohl nicht mehr unter demselben Namen fahren darf, weil ein bestimmter alter Anteil erhalten bleiben muss. "Aber wenn sich niemand darum kümmert, dann ist es schon eher sinnvoll, es auf lange Sicht zu verschrotten", sagt Heck. Es sieht also derzeit ganz danach aus, dass die Zeit des Traditionsschiffs bald tatsächlich endet. Fraglich nur, ob durch Entsorgung oder am Grund des Tegernsees.  

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