Verschwundene Abschlussklausuren: "Fühlt sich wie Erpressung an"

In Bayern verschwinden immer wieder die Abschlussklausuren von Lehramtsstudenten. Den Betroffenen lässt das Kultusministerium folgende Wahl: Noch mal schreiben - oder die Note 6 kassieren.
| Uli Karg
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Stundenlang über einer Prüfung brüten - und dann verschwindet sie einfach?
Stundenlang über einer Prüfung brüten - und dann verschwindet sie einfach? © dpa

München – Wer unverschuldet in eine missliche Lage gerät, hat selbst dafür zu sorgen, die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Was nach strammem Sozialdarwinismus klingt, ist Realität im Staate Bayern. Zumindest, was den hiesigen Universitätsbetrieb betrifft. Regelmäßig passiert es, dass Abschlussklausuren von Lehramtsstudenten beim Erstkorrektor nicht ankommen. Da keine Kopien der Arbeiten angefertigt werden, gelten sie als verloren. 

Das Kultusministerium verschickt in diesen Fällen Schreiben an die Betroffenen, in denen vom großen Bedauern über den Verlust der Arbeit die Rede ist. Und folgendes Angebot gemacht wird: Entweder man schreibt die Arbeit, eine von meist sechs Abschlussprüfungen, noch einmal. Oder man lässt sie mit der Note 6,0 bewerten.

"Viel Auswahl hat man da nicht", sagt Florian Schwing (28). Der Lehramtsstudent aus Landshut hat Anfang August ein Schreiben aus dem Kultusministerium erhalten, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass seine schriftliche Einzelprüfung vom 12. Juni, abgelegt an der Universität Passau, nicht beim Erstkorrektor eingetroffen ist. Mehr noch: "Trotz intensiver Nachforschungen unter anderem des Erstkorrektors und des Staatsministeriums konnte der Verbleib Ihrer Klausur leider nicht geklärt werden."

Statt des Referendariats sei dann nur eine Art Praktikum möglich

Das Schreiben endet unter Verweis darauf, wie sehr das Prüfungsamt im Staatsministerium das Ganze bedaure. "Ich fühle persönlich mit Ihnen", so die unterzeichnende Studiendirektorin, "und wünsche Ihnen trotz der entstandenen Umstände einen erfolgreichen Abschluss Ihrer Lehramtsausbildung."

Seit Schwing das Schreiben zum ersten Mal gelesen hat, fragt er sich, ob er im falschen Film ist. Und warum es fast zwei Monate gedauert hat, bis bemerkt wurde, dass seine Klausur verloren gegangen ist. Wobei: Das kann auch bis zu vier Monate dauern.

Verlustmeldung statt Prüfungsergebnissen

So geschehen bei Maria M. (Name von der Redaktion geändert) aus München. Im März dieses Jahres schrieb sie ihre Abschlussprüfungen. Im Juli lag ein Brief des Ministeriums im Briefkasten. "Ich habe eigentlich mit den Prüfungsergebnissen gerechnet", so M., "stattdessen wurde mir mitgeteilt, dass meine Arbeit verlorengegangen ist und ich jetzt die Optionen 6,0 oder Wiederholung hätte. Gleichzeitig bedauerte man den Vorfall sehr."

Es war exakt derselbe Brief, den auch Florian Schwing erhalten hat. Die 6,0 zu akzeptieren, kam für Maria M. nicht infrage. "Das hätte für mich nach einem Schuldeingeständnis ausgesehen und hat sich, ehrlich gesagt, auch wie Erpressung angefühlt."

Demgegenüber stand die Aussicht, die Prüfung nochmals zu schreiben. Statt des Referendariats, das nun angestanden hätte, sei dann aber nur eine Hospitanz, eine Art Praktikum, möglich, teilte das Ministerium auf Nachfrage mit. Plötzlich machte sich bei M. die Angst breit, ein Jahr ohne Job dazustehen.

Verschwundene Abschlussprüfungen: Die Betroffenen sind machtlos

Hinzu kam das Gefühl, einem seelenlosen Apparat machtlos ausgeliefert zu sein. "Man hatte nie das Gefühl, dass man mit den Vertretern des Ministeriums auf Augenhöhe kommuniziert. Da war keinerlei Empathie spürbar, kein spürbarer Wille eines konstruktiven Miteinanders. Stattdessen musste man jeder Information selbst mühsam hinterhertelefonieren."

Jeder Information hinterhertelefonieren: So erging es auch Florian Schwing. Als er wissen wollte, bis wohin man die Sendung seiner Arbeit nachvollziehen könnte, hieß es zunächst, dass die Schuld bei der Post liege.

Zwei Wochen später erhält Schwing folgende Mitteilung: "Ihre Klausur wurde per Einschreiben an den Erstkorrektor versandt; der Posteingang an der Universität ist nachgewiesen. Die Klausur ist innerhalb der Universität auf dem Weg zum Prüfer verloren gegangen und konnte trotz intensiver Suche bislang nicht wieder aufgefunden werden." Um welche Universität es sich handelte, teilte das Ministerium nicht mit - Datenschutz.

Louisa Klatt (27) hat ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Allerdings ist das schon zwei Jahre her. Klatt schrieb im März 2018 ihr Examen, Mitte Juni erhielt sie den Brief mit den zwei Optionen. Genauso wie sechs weitere ihrer Kommilitonen an der Uni Passau, deren Examen auch verschwunden waren.

Louisa Klatt bei ihrer Abschlussfeier an der Universität Passau.
Louisa Klatt bei ihrer Abschlussfeier an der Universität Passau. © Louisa Klatt

Der Ultimatumscharakter des Schreibens, erinnert sich Klatt heute, hat sie erschreckt. Umso mehr weil die Berlinerin, die fürs Lehramtsstudium nach Bayern gekommen war, das Referendariat in ihrer Heimatstadt machen wollte.

Ohne die kompletten Abschlussnoten sei das aber nicht möglich gewesen. "In Berlin meinten die nur: Was in Bayern schiefgelaufen ist, dafür können wir ja nichts."

Mache entscheiden sich für die Note 6

Klatt entschied sich schließlich für die 6,0, um das Referendariat antreten zu können und Geld zu verdienen. Die Entscheidung hat für sie bis heute einen "ganz bitteren Beigeschmack". Erstens, weil die verloren gegangene Klausur ihrem Gefühl nach eine ihrer besten Arbeiten war. Und zweitens, weil die Entscheidung mit einer emotionalen Achterbahnfahrt verbunden war.

Das Kultusministerium weigerte sich nämlich zunächst, ihren bisherigen Notenschnitt mitzuteilen. Mit der Konsequenz, dass Klatt zunächst völlig in der Luft hing und nicht sicher sein konnte, ob sie mit der Entscheidung für die 6,0 nicht vielleicht durchfallen könnte - womit sich auch ihre Lebensplanung erst mal erledigt hätte. Nach zähem Insistieren bekam sie ihren Schnitt letztlich doch noch mitgeteilt.

Mittlerweile arbeitet Klatt als Lehrerin an einem Berliner Gymnasium. Dass in Bayern immer noch Klausuren verschwinden, findet sie skandalös. "Ich habe mich vor zwei Jahren mit sieben weiteren Betroffenen zusammengetan. Man hat uns von Ministeriumsseite hoch und heilig versichert, dass das nicht mehr vorkommen wird. Umso mehr schockiert es mich, dass das jetzt schon wieder passiert."

Laut Sendungsnachweis seien alle Klausuren angekommen

Eine Sprecherin der Universität Passau teilt auf Nachfrage mit, dass sowohl im Fall der sieben verschwundenen Klausuren 2018, als auch im Fall von Florian Schwing die Arbeiten "wie üblich per Einschreiben" an die Erstprüfer verschickt worden seien. Laut Sendungsnachweis seien alle Klausuren am Bestimmungsort angekommen. Zwar würden die zuständigen Stellen an der Universität Passau ihr Möglichstes tun, die betroffenen Studenten zu unterstützen, so die Sprecherin. Die Information des betroffenen Prüflings und der weitere Prozess, zum Beispiel mögliche Prüfungsalternativen, seien aber Sache des Kultusministeriums.

2018 wurde aufgrund der verschwundenen Klausuren an der Uni Passau eine Petition an den Bayerischen Landtag eingereicht, die aber ohne Erfolg blieb. Florian Schwing will mit weiteren Betroffenen (bei ihm haben sich bis dato 18 Studenten aus ganz Bayern gemeldet) nun seinerseits eine Petition mit dem Titel "Examensverluste stoppen!" auf den Weg bringen.

Die Ziele: Digitalisierung und Sicherung der Prüfungen vor dem Versand. Verbesserung der Kommunikation zwischen dem Kultusministerium und den Studenten. Keine Benachteiligung der Studenten bei Fehlern des Kultusministeriums. Und: transparentes Prüfungs- und Korrekturverfahren.

Bis dahin sind Schwing und Maria M. damit beschäftigt, für ihre Wiederholungsklausur zu lernen. Aufgrund der Corona-Situation hat das Ministerium in Sachen Referendariat eine Ausnahme gemacht: Die beiden sind nicht gezwungen, eine Hospitanz zu absolvieren, sondern dürfen das Referendariat beginnen. Allerdings im Angestelltenverhältnis und nicht als Beamte auf Widerruf, was Lehramtsreferendare sonst sind. Das heißt auch: kein eigenständiger Unterricht. Ein Referendariat auf Probe. Das Ministerium wiederum, so M., habe den Studenten deutlich zu verstehen gegeben, dass man dankbar sein müsse, aufgrund der Pandemie so großzügig behandelt zu werden. Beim nächsten Mal werde dies nicht mehr der Fall sein. "Und das finde ich einfach skandalös: dass kein Wille da ist, etwas zu verändern."

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