Tegernseer Sterne-Lokal in Top-Lage schließt: Der Chef spricht über seine ganz persönlichen Gründe

Allein diese Lage am Tegernsee ist ein absolutes Filetstück: direkt an der Seestraße, direkt am Wasser. Wenn man als Gast im Sterne-Lokal Haubentaucher in Rottach-Egern aus dem Fenster schaut oder auf die Terrasse rausgeht, fühlt man sich – zack! – wie im Urlaub.
Gerade erst ist das Bistro- und Fine-Dining-Lokal von Alois Neuschmid wieder mit einem Michelin-Stern prämiert worden. Zum sechsten Mal in Folge. Der Guide Michelin schwärmt: "Die herrliche Lage direkt am See nebst wunderbarer Terrasse ist zweifelsfrei ein echtes Highlight."
Und: "Zudem sorgt Inhaber und Küchenchef Alois Neuschmid, der übrigens Jahre zuvor seinem Lois hier im Ort bereits einen Stern bescherte, kulinarisch für wahre Freude." Auch die Gäste-Rezensionen bei Google fallen sehr überschwänglich aus.
Paukenschlag für Tegernseer Gastro-Szene
Und trotzdem: Alois "Lois" Neuschmid hört auf. Nach zehn Jahren zieht er sich vom Haubentaucher zurück.

Das mag überraschend wirken. Gerade, weil das Restaurant erfolgreich und hochgepriesen ist. Warum gibt er das auf? Warum schließt er?
Die AZ besucht ihn, sitzt mit ihm am Fensterplatz mit grandioser See-Aussicht, während draußen ein Schifferl auf dem Tegernsee vorbeituckert. Und dann wird es ganz ehrlich, menschlich.

Er hat sich den Schritt sehr gut überlegt. Der AZ sagt er: "Ich mache eine Pause und nehme mir eine Auszeit. Wie man heute so schön sagen würde: ein Sabbatical." Er lacht. Damit ist eine längere geplante Auszeit vom Beruf gemeint.
"Das Restaurant war wirtschaftlich"
Was dagegen nicht zutreffend ist: "Das Restaurant war wirtschaftlich, daran liegt es nicht." Aber er sagt über sich: "So ganz entspannt bin ich nicht mehr. Ich kenne mich schon selber etwas anders."
Noch bis Ende Oktober hat das Sterne-Lokal an der Seestraße geöffnet. Wer noch einen Platz ergattern will, muss sich sputen oder auf kurzfristige Stornierungen hoffen. Denn sie seien schon fast ausgebucht, sagt er.

Wie lange seine Pause dauern wird, was er genau machen will: völlig offen. "Für mich ist es überwiegend persönlich." Er spürt, dass das die richtige Entscheidung für ihn ist. "Es kommt von innen, wenn man reflektiert ist: Dann weiß man, wann es Zeit für etwas anderes wird, und wenn es nur einfach eine Pause ist."
"Wir mögen, was wir machen"
Er nennt das kleine und feine Restaurant eine "Erfolgsgeschichte". "Wir mögen, was wir machen. Der Rest hat nur mit mir zu tun. Ich beschließe, dass ich eine Auszeit möchte. Wie lange sie sein wird, werden wir sehen."
Der Sternekoch gibt einen Einblick in seinen aktuellen Arbeitsalltag: Es sei ein "großer Aufwand", er arbeite für drei. "Ich habe es immer mit viel eigenem Arbeitseinsatz gemacht, wahrscheinlich zu viel." Dazu all die Entscheidungen, die allein auf seinen Schultern liegen.
Persönlich hat er zudem in den letzten Jahren einen Schicksalsschlag erlebt. Er hat vor drei Jahren seine Frau für immer verabschieden müssen. Sie habe das Restaurant mitgeprägt. Alles andere ist privat.
Der Stern ist weg, der oder die Neue muss sich das wieder erarbeiten
Eigentlich möchte er gar kein Aufsehen um seine Person. Der gebürtige Österreicher sucht nicht das Rampenlicht. Das leuchtet allerdings automatisch, wenn der Guide Michelin einen in den Sterne-Himmel lobt.
Wie geht es mit der See-Gastronomie weiter?
Die Zukunft der See-Location, benannt nach dem markanten Wasservogel, ist derweil noch nicht abschließend geklärt: "Es gibt Gespräche." Aber noch ist nichts fix. Er fände es "schön und gut", wenn es zeitnah weitergeht. Aus diesem Objekt könne man alles machen, sagt Neuschmid.
Er hat es tagsüber als Bistro geführt, nachmittags gibt es aktuell Kaffee und Kuchen und von Mittwoch bis Samstag Fine Dining am Abend (25 Plätze).

Bitter: Den Michelin-Stern verliert das Lokal dadurch. "Der Stern ist weg, der oder die Neue muss sich das wieder erarbeiten." Am Tegernsee haben aktuell auch das Restaurant Überfahrt im Althoff Seehotel einen Stern (Cornelia Fischer) sowie gleich zwei Sterne hat das Restaurant Dichter im Parkhotel Egerner Höfe (Thomas Kellermann).
Alois Neuschmid hat gar nicht Koch gelernt
Neuschmid selbst hat eigentlich gar nicht Koch gelernt, sondern Konditor und Patissier. Schon mit seinem Vorgänger-Lokal Lois schaffte er einen Stern. Ebenso mit dem Haubentaucher.
Er sagt: "Der Stern ist für uns etwas Tolles gewesen. Für mich bekommt ihn das ganze Lokal, nicht nur diejenigen, die in der Küche stehen. Der Service wird viel zu oft unterbewertet und unterschätzt. Dabei ist er mindestens genauso wichtig wie die Küche."
Den Stern hat er nicht bewusst angestrebt
Seine Intention war aber nie ein Stern, sondern: "Ich wollte eine Plattform bieten, wo man sich treffen und genießen kann." Deswegen sind die schönsten Erlebnisse im Haubentaucher, wenn die Gäste zufrieden und glücklich waren. "Das ist unser Lohn."

Dass er sich nicht allein damit brüsten will und es lieber bescheiden mag, verdeutlicht diese Anekdote am Rande: Die bisherigen Sterne hat er auf der Toilette aufgehängt, "weil ich sie nicht so gern raushängen lassen möchte".
Wie geht es für den Sternekoch nun weiter?
Auch privat mag er es einfach. Speisen, mit denen er in Tirol aufgewachsen ist. Wie Kaspressknödel oder Schnitzel. Er sagt: "Je einfacher, desto größer ist die Kunst, weil man nichts vertuschen kann."
Wie sieht es nun mit einer beruflichen Rückkehr an den Herd in naher Zukunft aus? "Eine Rückkehr ist nicht ausgeschlossen, aber ich habe nichts im Blick." Gleichzeitig sagt er: "Ich würde am liebsten arbeiten, bis ich 85 bin. Aber ich merke auch, dass ich nicht mehr 25 bin." Neuschmid ist Mitte 50.
Er will nun in sich hineinhorchen, auf sich schauen. Der Spitzenkoch weiß, dass man das erst wieder lernen muss, einen Gang (oder zwei) runterzuschalten, plötzlich Zeit zu haben ohne durchgetakteten Alltag. Aber darauf freut er sich auch. Und bis Ende Oktober ist er noch im Haubentaucher. Mit dem Küchen-Blick auf den Tegernsee.