Oberfränkin im IS-Prozess: "Maximal verblendet" und reumütig

Von der Jugendliebe im Urlaub bis zum Terrorprozess: Wie eine Oberfränkin zum Islamischen Staat kam und warum sie heute alles bereut.
dpa |
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Wegen Mitgliedschaft im Islamischen Staat läuft in München ein Prozess gegen eine 38-Jährige aus Oberfranken.
Wegen Mitgliedschaft im Islamischen Staat läuft in München ein Prozess gegen eine 38-Jährige aus Oberfranken. © Malin Wunderlich/dpa
München

Als die 15-jährige Lydia 2003 im Urlaub den 19-jährigen Tunesier Mouadh kennenlernte, war es um die junge Oberfränkin geschehen. 2008 heirateten sie und bauten sich ein Leben nahe Bamberg auf. "Mo war meine große Liebe", gestand die nunmehr 38-Jährige im Prozess vor dem Oberlandesgericht München. Die Generalstaatsanwaltschaft wirft der konvertierten Muslimin Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland vor sowie Verletzung ihrer Fürsorge- und Erziehungspflicht als Mutter. 

Der Prozess erzählt von einer Radikalisierung in der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) - und von einer Angeklagten, die sich davon mittlerweile entschieden distanziert. Laut Anklage war die Frau aus Strullendorf (Landkreis Bamberg) Ende September 2014 mit ihren drei Kindern über die Türkei ins syrische Bürgerkriegsgebiet gereist. Sie folgte ihrem Mann, der vorgefahren war, um dort nach Angaben der Staatsanwaltschaft für den IS zu kämpfen. 

Zwei Ehemänner sterben

Im syrischen Raqqa ließ sich die Familie nieder. Doch 2015 starb der Ehemann, als er in Syrien ein Selbstmordattentat mit einer Autobombe verübte. Wenige Monate später heiratete sie laut Anklage erneut und wurde Zweitfrau eines Mannes, der auch beim IS war. 2017 bekam sie einen weiteren Sohn. 2018 starb auch ihr zweiter Ehemann bei einem Bombenangriff auf die Wohnung. 

Alleinerziehend mit vier Kindern ging die Angeklagte laut Anklage im Februar 2019 in ein Flüchtlingscamp und wurde nach weiteren Stationen im Mai 2025 nach Deutschland ausgeflogen, wo sie kurz nach der Einreise festgenommen wurde. 

Die Generalstaatsanwaltschaft ist überzeugt: Die Frau habe ihre Kinder in ein Bürgerkriegsgebiet gebracht und im Sinne der Ideologie des IS erzogen. Den bewaffneten Dschihad sehe sie als legitimes Mittel zur Durchsetzung ultrakonservativer islamistischer Interessen an und sie lehne die Werte der freiheitlich demokratischen Grundordnung ab.

"Maximal verblendet"

Das weist die Angeklagte entschieden zurück. "Ich war maximal verblendet", erklärt sie nun über ihre Verteidigerin. Heute könne sie diese Radikalisierung nicht mehr nachempfinden und sie wolle sich ausdrücklich davon distanzieren. In eigenen Worten entschuldigte sich die gebürtige Bambergerin bei ihren Kindern für das, was sie erlebt hätten. Krieg, Angst, den Verlust ihrer Väter.

Sie sei vielmehr in den "Sog der Propaganda" unter den dortigen Verhältnissen in Syrien geraten. Sie sei damals naiv, leichtgläubig, manipulierbar und leichtsinnig gewesen. 2007 war die Oberfränkin zum Islam konvertiert. Anfangs sei ihr der vier Jahre ältere Ehemann als liberal erschienen, sie habe arbeiten und Auto fahren dürfen und er habe Fußball gespielt. Doch nach und nach sei sie immer mehr isoliert worden, bis sie schließlich kaum mehr Kontakt zu anderen habe pflegen können, auch nicht zu ihrer Mutter und ihrer Schwester. Schließlich habe ihr Mann von seiner Idee berichtet, nach Syrien zu gehen, um dort für den Islam zu kämpfen. 

Jeden Tag schämen

"Dass ich nachgegeben habe, war der größte Fehler meines Lebens", sagt die junge Frau heute. Inzwischen schäme sie sich jeden Tag, auch für die Aggressivität, mit dem der IS vorgehe, etwa bei Selbstmordattentaten. "Ich finde keinen Beweis in meiner Religion, dass dies erlaubt ist", erklärt die Angeklagte, die sich als gläubig bezeichnet. Durch diese Ideologie des IS werde der Islam in ein schlechtes Licht gerückt. Sie selber finde Kraft in ihrem muslimischen Glauben und habe ihre Kinder nicht mit Hass und Hetze erzogen, sondern ihnen Freundlichkeit, Höflichkeit und Respekt gegenüber allen Menschen beigebracht. 

Die 38-Jährige ist in Untersuchungshaft und nimmt an einem Deradikalisierungsprogramm teil. Zudem bedankte sie sich bei den deutschen Behörden, darunter dem Auswärtigen Amt und dem Jugendamt. Sie bekomme die Chance auf ein neues Leben und hoffe auf einen Neuanfang. Sie wolle in Frieden und Freiheit mit der Familie leben und alles wiedergutmachen. "Ich möchte mit der Vergangenheit abschließen", sagte sie vor Gericht.

Hinweis: Diese Meldung ist Teil eines automatisierten Angebots der nach strengen journalistischen Regeln arbeitenden Deutschen Presse-Agentur (dpa). Sie wird von der AZ-Onlineredaktion nicht bearbeitet oder geprüft. Fragen und Hinweise bitte an feedback@az-muenchen.de

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