Streit um das Jodl-Grab auf der Fraueninsel geht weiter: Der Stein des Anstoßes

Der Streit um das Jodl-Grab auf der Fraueninsel geht in eine neue Runde. Themen: Ziviler Ungehorsam, Odel und Misthaufen.
| Helmut Reister
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Wolfram Kastner zeigt, wie er das Jodl-Grab einmal "bearbeitet" hatte.
Wolfram Kastner zeigt, wie er das Jodl-Grab einmal "bearbeitet" hatte. © Matthias Balk/dpa

München/Traunstein - Auf der Fraueninsel im Chiemsee ist der Grabstein mit dem Namen des Kriegsverbrechers Alfred Jodl zu einem politischen und juristischen Monstrum geworden. Gerade geht es wieder rund um den Granitstein in Form des Eisernen Kreuzes. Landtag, Staatsanwaltschaft und das Traunsteiner Landgericht haben ihn auf der Agenda.

Großbuchstabe als Straftatbestand des Diebstahls

Warum? Der Münchner Aktionskünstler Wolfram Kastner hat dem Deutschen Historischen Museum in Berlin einen Großbuchstaben geschickt, ein "J" aus Blei. Er stammt von diesem Grabstein auf der Fraueninsel, hat nach den Feststellungen der Rosenheimer Staatsanwaltschaft einen Wert von 50 Euro und repräsentiert den Straftatbestand des Diebstahls.

Wolfram Kastner hat die Warensendung auch mit einer schriftlichen Erklärung versehen und keinen Zweifel an seiner Haltung gelassen. Jodl ohne "J" sei in Bayern der Begriff für Jauche, schrieb er und bezeichnete die Entfernung des Buchstabens als "Akt zivilen Ungehorsams".

Fünf Jahre liegt der Diebstahl zurück

Im Prozess vor dem Traunsteiner Landgericht Ende August ist der bereits fünf Jahre zurückliegende Buchstaben-Diebstahl ein Teil der Anklage. Dazu kommen noch Sachbeschädigung und Nötigung.

Zweimal hat Kastner den Stein des Anstoßes mit roter Farbe - als Symbol für das Massensterben während der NS-Zeit - begossen und ein Schild mit der Aufschrift "Kriegsverbrecher" angebracht (AZ berichtete). Die mit der Aktion verbundene Forderung an den Grabeigentümer, den Stein zu entfernen, um weitere derartige Aktionen zu vermeiden, betrachtet die Staatsanwaltschaft als Nötigung.

Strafverfahren ändert nichts am grundlegenden Problem

Am grundlegenden Problem, das mit dem Grabstein verbunden ist und auch der Auslöser für Kastners Aktion war, ändert dieses Strafverfahren nichts. Alfred Jodl, Hitlers General, ist hier nicht bestattet worden - und auch sonst nirgendwo. Als einer der Hauptangeklagten im Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess wurde er zum Tode verurteilt, seine Leiche verbrannt und die Asche in einem Nebenfluss der Isar verstreut.

Über die Tatsache, dass auf dem Stein des Familiengrabs, in dem die beiden Ehefrauen Jodls und zwei weitere Familienangehörige bestattet wurden, auch der Name Alfred Jodl steht, wurde auf der Fraueninsel Jahrzehnte lang hinweggesehen. Das änderte sich vor rund 20 Jahren, als Georg Wieland die Forderung an die Gemeinde erhob, zumindest eine Tafel mit Erklärungen zu Alfred Jodls Handlungen in der NS-Zeit neben das Grab zu stellen. Wieland ist Architekt, lebt auf der Fraueninsel und stört sich am unsensiblen Umgang mit der Vergangenheit.

Problem hätte sich von selbst erledigen sollen

Auch der Petitionsausschuss des Landtags hat sich auf Wielands Betreiben hin mit dem Grabstein befasst. Die Mitglieder des Gremiums konnten damals davon ausgehen, dass sich das Problem mit dem kurz bevorstehenden Auslaufen der Grabrechte und einer damit verbundenen Grabauflösung von selbst erledigen würde.

Diese Hoffnung machte das Verwaltungsgericht München zunichte. Der Grabeigentümer, ein in München lebender Großneffe des NS-Generals, hatte gegen die von der Gemeinde angeordnete Nichtverlängerung der Grabrechte geklagt - und recht bekommen. Einen Platzmangel auf dem Friedhof, das wesentliche Argument der Kündigung, konnte die Gemeinde nicht nachweisen.

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Inzwischen ist der Name Alfred Jodl auf dem Grabstein nicht mehr zu lesen. Erst zwei Lebensbäume und jetzt auch noch eine Steinplatte verdecken ihn. Ganz folgenlos sind die Auseinandersetzungen offensichtlich auch beim Grabeigentümer nicht geblieben. Florian von Brunn, inzwischen Bayerns SPD-Chef und damals Mitglied des Petitionsausschusses, hielt die Lebensbäume und die Steinplatte für keine geeignete Lösung. Für ihn kam nur eine Beseitigung des Grabsteins in Frage. Sein Argument: "Wenn ich Sträucher oder eine Steinplatte vor einen Misthaufen stelle, stinkt er noch immer."

Grabstein dient der Volksverhetzung

Für die jüdischstämmige Bernadette Gottschalk und ihren Ehemann Joachim ist der Grabstein viel mehr als eine Geruchsbelästigung. Für sie stellt er ein Ehrenmal Jodls dar und dient der Volksverhetzung. Bei der Staatsanwaltschaft in Traunstein haben sie deswegen eine Strafanzeige gestellt und inzwischen bestätigt bekommen, dass ein Verfahren eingeleitet wurde.

Parallel dazu haben sich Bernadette und Joachim Gottschalk mit der Forderung, das Grab aufzulösen, an die Gemeinde und an eine Reihe von Politikern gewandt, darunter Ministerpräsident Markus Söder und Landtagspräsidentin Ilse Aigner. Eine Reaktion kam von der Geschäftsstelle des Petitionsausschusses. Dort will man sich noch einmal mit dem Jodl-Grab beschäftigen. Ein Aktenzeichen hat der Vorgang schon.

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