Streckensperrung belastet München: "Es sind so ziemlich alle Ecken in Bayern betroffen"

Mit dem Spatenstich in Neumarkt (Oberpfalz) am Freitagmittag hat wegen einer Generalsanierung eine rund fünfmonatige Sperrung der rund 88 Kilometer langen Strecke Nürnberg – Regensburg begonnen. Sie ist mit über 350 Zügen täglich eine der verkehrsreichsten Strecken in Bayern und ein wichtiger Baustein des Bahnverkehrs von und nach Österreich.
Die DB Infrago erneuert bis zum 10. Juli Gleise, Weichen, Oberleitungen und 20 Bahnhöfe entlang der Route. Der Bayerische Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) spricht vom "größten Sanierungsprojekt in der jüngeren bayerischen Eisenbahngeschichte".
Gerd-Dietrich Bolte, der Vorstand für Infrastrukturplanung und -projekte der DB Infrago, räumt zwar ein: "Für unsere Bauteams und die betroffenen Reisenden werden die kommenden Monate ein Kraftakt." Er sei sich jedoch sicher, dass sich die Generalsanierung lohnen werde. "Sie sorgt dafür, dass die Infrastruktur auf unseren hoch belasteten Strecken robuster wird und der Zugverkehr deutlich störungsfreier durch Deutschland rollen kann", teilt er mit.

Viele Güterzüge müssen über München fahren
Bis dahin müssen Passagiere mit massiven Einschränkungen rechnen – nicht nur jene, die auf die Strecke selbst angewiesen sind. Lukas Iffländer vom Fahrgastverband Pro Bahn warnt im Gespräch mit der AZ davor, dass die Baumaßnahmen in ganz Bayern zu spüren sein würden. "Wir haben eine sehr großräumige Umleitung und eigentlich sind so ziemlich alle Ecken betroffen", sagt er. Das liegt vor allem am Güterverkehr, der verlegt werden muss. "Alles, was bisher über den Korridor Regensburg nach Wien gegangen ist, fährt jetzt fast ausschließlich über München, Nürnberg-Ingolstadt oder Würzburg-Ansbach-Augsburg runter", sagt Iffländer.
Auch Strecken in Oberbayern trifft es: Auf den angrenzenden Strecken zwischen Ingolstadt und Regensburg sowie München und Passau wird es Ersatzverkehr geben. Der Regionalexpress RE3 fährt nur noch alle zwei Stunden statt wie bisher stündlich, die Lücken soll eine Busverbindung füllen. Und auch die Frequenz der S1 von und nach Freising ist betroffen.

Wenngleich der Ersatzverkehr Fahrtzeiten gerne mal verdoppelt, hält Iffländer ihn für gut organisiert: "So Sachen wie Busse mit Toiletten, Klimaanlagen, Gepäckablagen – das ist schon deutlich über dem Standard, was wir in vielen anderen Ersatzverkehren haben." Zur Länge sagt er: "Fünf Monate ist eine absolute Schmerzgrenze, aber was in einer halbwegs vertretbaren Zeit erledigt ist, ist eine bessere Lösung, als wenn wir die nächsten sechs Jahre jede Woche einen anderen Fahrplan haben, woanders gesperrt ist und ein anderer Schienenersatzverkehr fährt."
Das Eisenbahnunternehmen Agilis, das die Strecke Nürnberg – Regensburg viel befährt, sieht das wesentlich kritischer. Der Konzern teilt auf Nachfrage der AZ mit: "Die Baumaßnahmen wären nach unserer Einschätzung auch unter teilweisen Sperrungen, eingleisigem Betrieb oder nachts möglich gewesen." Demnach hätte das weniger einschneidende Beeinträchtigungen gehabt, da der Zugverkehr so weiter stattgefunden hätte. Wegen der Komplettsperrung muss das Unternehmen im ersten Halbjahr 2026 einen Teil seiner Flotte vorübergehend in den Stillstand versetzen. "Dies alles ist mit erheblichem Planungsaufwand verbunden", teilt Agilis mit.
ICEs von und nach München brauchen 15 Minuten länger
Der Fernverkehr hat das Problem, dass wegen der Umleitungen neben mehr ICEs auch mehr Güterzüge als sonst auf der Strecke zwischen Nürnberg und München unterwegs sein werden. Iffländer vom Fahrgastverband sagt: "In der Regel werden die ICEs auf Tempo 100 gedrosselt und schwimmen mit dem Güterverkehr mit." Die Folge: Die Fahrten brauchen bis zu 15 Minuten länger. In der Praxis kann es laut Fahrgastverband natürlich vorkommen, dass der Zug noch später am Zielort eintrifft. Der Grund: Der Güterverkehr fährt genauso unpünktlich wie der Fernverkehr. "Es ist ein bisschen Lotto", sagt Iffländer. Konkret betroffen sind von und nach München die ICE-Linien 25 (Hamburg – München über Würzburg), 28 (Hamburg – München über Berlin), 29 (Berlin – München) und 41 (Essen – München).

Eine Verlängerung der Sanierungsarbeiten befürchtet der Fahrgastverband immerhin nicht. Der Grund: "Die Leit- und Sicherungstechnik, also das, was wir jetzt digitale Stellwerke nennen, wird erstmal nicht gemacht, weil man mit der Planung nicht schnell genug fertig geworden ist." Das habe bei den bisherigen groß angelegten Sanierungsprojekten die größten Zeitprobleme bereitet. Das heiße allerdings auch, dass die DB diesen Teil des Projekts Anfang der 30er-Jahre nachholen muss. "Es wäre sinnvoller gewesen, die Generalsanierung ein paar Jahre später zu machen, damit wir da im besten Fall zehn Jahre nicht mehr ranmüssen", sagt Iffländer.