Stelzenfestspiele mit Kuh-Gesprächen und Gülle-Orgel

Die "Stelzenfestspiele bei Reuth" gehen neue Wege im Verhältnis von Mensch und Tier. Bei der 33. Ausgabe des Kultfestivals im Dreiländereck von Bayern, Sachsen und Thüringen können Gäste Ende Juni mit einer Kuh namens Käthe ins Gespräch kommen. Sie steht in einem Stall im benachbarten Rothenacker und ist per Echtzeit-Installation mit dem Festival verbunden, wie dessen Chef Henry Schneider vorab erzählte.
Besucher können Käthe sehen und hören. Sie hat eine Kappe mit Messpunkten auf, mit deren Hilfe ihre Hirnströme gemessen werden. Zuvor wurde eine Künstliche Intelligenz mit allem Wissenswerten über Kühe im Allgemeinen und Käthe im Speziellen gefüttert. Auf diese Weise ist Käthe ansprechbar und soll auch antworten. "Sie kann etwa sagen, wann sie geboren wurde, wie viele Kälber sie schon hatte und woher sie selbst stammt", sagte Schneider.
In der Ruhe der Kuh liegt die Kraft
Der Festivalchef ist überzeugt, dass einer Kuh nichts Menschliches fremd ist. "Im Grunde bedauert die Kuh den Menschen. Sie empfindet ihn als gehetztes Wesen, das immer auf die Uhr schaut und weiter muss. Von einer Kuh geht dagegen Ruhe aus." Vom Projekt "Stall-Geflüster" verspricht sich Schneider Entspannung. "Käthe nimmt Ihnen die Hast. Sie hört, wie gestresst Sie sind. Sie sinniert über Herdenbindung, Melkmaschinen und den Trost des Schmatzens."
Gleich zu Beginn kehrt das Festival wieder an seine Wurzeln zurück. Nach zweijähriger Pause kommt die Klangperformance "Landmaschinensinfonie" in die Festspielscheune wieder auf die Bühne. Schneider gab dem Drängen der Fans nach und will bei der Neuauflage den vermutlich größten "Bolero" aller Zeiten intonieren. Bei Ravels Meisterwerk soll neben der Gülle-Orgel - einem mit Gülleschläuchen angeblasenem Instrument - und einer tönenden Melkmaschine auch Gesang die Herzen erfreuen.
Das Festival genießt Kultstatus und ist überregional bekannt. Selbst Medien aus Übersee berichteten darüber. Der frühere Gewandhaus-Bratscher Henry Schneider hatte es 1993 in seinem Heimatdorf gegründet. Der Name der "Stelzenfestspiele bei Reuth" spielt auf die Festspiele in Bayreuth an. Das dortige Festspielhaus heißt hier Festspielscheune. Musiziert wird auch in Stelzen auf einem Hügel mit einem eigenen Festspielorchester.
Festspiele sorgen regelmäßig für Besucheransturm
Während Stelzen in Thüringen liegt, befindet sich die zwei Kilometer entfernte Ortschaft Reuth auf sächsischem Boden. Und auch bis zur bayerischen Grenze ist es nicht weit. Während des Festivals erlebt die knapp 200-Seelen-Gemeinde Stelzen regelmäßig einen Besucheransturm. Dann strömen mehrere Tausend Menschen in das Dorf. Auf dem Stelzenberg kann man sein Zelt aufschlagen. Auch in Wald und Flur, in anderen Scheunen und der Dorfkirche wird musiziert.
Bei der diesjährigen Ausgabe der Festspiele vom 26. bis 28. Juni sind unter anderem das Arcis Saxophon Quartett aus München, die Thüringer Rockband The Blackbirds, das Ensemble Tamala mit Musikern aus Senegal und Belgien und das Neue Bachische Collegium Musicum Leipzig unter Leitung von Alte-Musik-Spezialist Reinhard Goebel dabei. Auch Festivalchef Schneider ist zu erleben - als Landmaschinenmusiker und mit seiner Nagelgeige.
Bach-Musik eine Woche lang rund um die Uhr
Wie jedes Jahr wird am Samstag ein Stelzen-Klassiker zelebriert - das Dorffest, für das die Frauen von Stelzen Unmengen an Kuchen backen. Nach dem Finale am Sonntag geht es noch Woche weiter - mit Musik aus der Konserve. Auf der Bachwiese können Fans eine Woche rund um die Uhr Bachs Gesamtwerk in CD-Qualität genießen. Die Boxen hängen in einem Baum versteckt. Nachts wird die Lautstärke gedimmt, um den Schlaf der Dorfbewohner nicht zu stören.