Starker Anstieg bei ADHS-Diagnosen für Bayerns Nachwuchs

Die Zahl der ADHS-Diagnosen bei Bayerns Kindern und Jugendlichen ist kräftig gestiegen. Gut 1,8 Prozent erhielten im Jahr 2024 erstmals die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts-Störung (ADHS). Das ist ein Plus von 17 Prozent binnen Jahresfrist. Insgesamt wurden 5,8 Prozent der 3- bis 17-Jährigen wegen einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt. Dies geht aus dem Kinder- und Jugendreport der Krankenkasse DAK Bayern hervor, der der Deutschen Presse-Agentur vorab vorlag.
Unaufmerksam, impulsiv und aktiv
Kinder mit ADHS sind - in individueller Gewichtung - besonders unaufmerksam, impulsiv und aktiv, was starke Auswirkungen auf ihr Leben haben kann - etwa durch schlechte schulische Leistungen oder Konflikte mit Freunden und in der Familie. Bei der Entstehung der Störung dieser neuronalen Entwicklung spielen sowohl die Genetik als auch Umweltfaktoren eine wichtige Rolle. Es gibt auch eine "stillere" Variante, die leichter übersehen wird - etwa bei verträumten, aber ansonsten unauffälligen Mädchen.
Auffällige Geschlechterverteilung
Ausweislich der DAK-Daten ist bei den Neudiagnosen in Bayern besonders die Geschlechterverteilung auffällig: Jungen bekamen fast doppelt so häufig eine Erstdiagnose wie Mädchen. "Gleichzeitig steigen die Neudiagnosen bei Jungen mit einem Zuwachs von rund 20 Prozent stärker an als bei Mädchen mit 13 Prozent", heißt es in dem Report. Das ist eine gegensätzliche Entwicklung zu den bundesweiten Zahlen, nach denen Mädchen häufiger eine Neudiagnose erhielten.
Der Grund dafür ist der Fachärztin Inga Schumann von der Kirinus Tagesklinik für Kinder und Jugendliche zufolge unklar. Der Befund mache aber deutlich, "dass wir in Bayern ADHS-typische Merkmale bei Mädchen noch stärker in den Blick nehmen müssen". Zumal Mädchen im Freistaat auch seltener als Jungen mit Medikamenten behandelt werden - so wie es die Leitlinie eigentlich vorsieht.
Experten hatten steigende Diagnosezahlen erwartet
Die grundsätzliche Entwicklung bei den Neudiagnosen war laut Schumann jedoch erwartbar. "Die steigenden Zahlen sind kein Grund zur Beunruhigung, sondern zunächst ein Zeichen dafür, dass ADHS heute zuverlässiger erkannt wird", erläutert sie. "Entscheidend ist, was nach der Diagnose passiert. Wir sehen in unserer Tagesklinik täglich, dass eine frühe, strukturierte Behandlung Kindern viel Leidensweg erspart." Eine passgenaue, medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung verändere den Lebensweg spürbar.
DAK-Landeschef Rainer Blasutto ergänzt: "Kinder mit ADHS profitieren am meisten, wenn Eltern, Schule und Gesundheitswesen gemeinsam handeln. Nur im Einklang aller Akteure können Belastungen früh erkannt und ihre Verfestigung nachhaltig verhindert werden."
Der repräsentative Report stützt sich auf Abrechnungsdaten von rund 108.100 Kindern und Jugendlichen, die in Bayern bei der DAK versichert sind. Analysiert wurden rund 5,7 Millionen Versorgungskontakte zwischen 2019 und 2024. Vor allem 2023 und 2024 waren starke Anstiege bei ADHS-Neuerkrankungen erkennbar, die allerdings auch vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie gesehen werden müssen, wodurch Diagnosen verzögert gestellt wurden.