Sorge um Reichlings Trinkwasser: Schadstoffe nach Gasbohrung?

Ein halbes Jahr nach dem Beginn der Bohrung nach Erdgas im oberbayerischen Reichling sind behördliche Zweifel am Notfallkonzept für den Trinkwasserschutz und Sorgen wegen Schadstoffen bekanntgeworden. Dies geht aus einem Schreiben des Wasserwirtschaftsamtes Weilheim an das Bergamt Südbayern hervor, welches der Deutschen Presse-Agentur in München vorliegt. Demnach muss aufgrund von gemessenen Proben davon ausgegangen werden, dass die Grundwasser-Fließgeschwindigkeit vor Ort mindestens dreimal so hoch ist wie bisher angenommen. Dadurch könnten Verunreinigungen deutlich schneller vom Bohrplatz bei der Trinkwasserquelle ankommen.
Ursprünglich hatte es immer geheißen, dass die Fließgeschwindigkeit des Grundwassers etwa einen Meter pro Tag betrage. Da die Quelle etwa 720 Meter von der Bohrstelle entfernt ist, war man davon ausgegangen, dass eventuelle Schadstoffe rund zwei Jahre brauchen würden, um dorthin zu gelangen. Über die Unstimmigkeiten berichtete auch das "Landsberger Tageblatt".
Das Wasserwirtschaftsamt hat aber nun massive Zweifel daran: "Bei allen Abschätzungen ist die Grundwasserfließgeschwindigkeit mindestens um den Faktor 3 höher als im Trinkwassernotfallkonzept angenommen", heißt es im Schreiben. Dadurch verringere sich die angenommene Reaktionszeit "möglicherweise auf nur wenige Monate".
"Systematische Missachtung" - Kritik wegen fehlender Prüfberichte
Das 24-seitige Schreiben aus dem September 2025 wirft aber noch weitere Fragen auf: So beklagt das Wasserwirtschaftsamt, dass die für die Proben zuständige Firma wiederholt Prüfberichte, die für den wirksamen Schutz der Trinkwasserversorgung nötig seien, nicht rechtzeitig vorgelegt hätte. Wörtlich ist die Rede von einer "systematischen und anhaltenden Missachtung der Bescheidsauflage".
Inwiefern die Firma die angeforderten Proben bereits nachgereicht hat, blieb zunächst offen. Auf Nachfrage teilte das Landratsamt Landsberg am Lech mit, es könne leider "aufgrund fehlender Beteiligungen zum Vollzug der Auflagen oder dessen möglicher Nebenerscheinungen keine Antworten" geben.
Signifikanter Anstieg von teils giftigen Schadstoffen
Ferner wird in dem Schreiben unter Bezug auf vorgelegte Proben auch der "signifikante Anstieg v.a. der Parameter von Zink, Barium und BTEX mit teilweise deutlicher Überschreitung der Geringfügigkeitsschwellenwerte" (GFS) angegeben. BTEX ist die Sammelbezeichnung für die leichtflüchtigen aromatischen Kohlenwasserstoffe Benzol, Toluol, Ethylbenzol und Xylole. Diese giftigen Substanzen sind Bestandteile von Treibstoffen, Lösemitteln und Farben, die Böden und Grundwasser verunreinigen können. Benzol ist zudem als krebserzeugend eingestuft. Auch Barium gilt als giftig.
Es erscheine "plausibel, dass durch die Erdarbeiten eine Mobilisierung von evtl. bereits von der ersten Kohlenwasserstoffbohrung vorliegenden Schadstoffen ausgelöst wurde", heißt es im Schreiben. Diese Annahme könne aber erst verifiziert werden, wenn weitere Grundwasseruntersuchungen vorlägen. Damit ist gemeint, dass die Stoffe aus der früher an gleicher Stelle erfolgten Gasbohrung stammen. Die neue Bohrung erfolgt größtenteils durch ein ehemaliges, wieder geöffnetes Bohrloch aus früheren Jahren.
Greenpeace spricht von unverantwortlichem Skandal
"Die Unterlagen des Bergamtes belegen: Das mit der Bohrung beauftragte Unternehmen hat sich offensichtlich nicht an Auflagen gehalten", sagte Saskia Reinbeck von Greenpeace Bayern. Es sei unverantwortlich, dem Wasserwirtschaftsamt über einen Monat lang die Messergebnisse zum Trinkwasserschutz vorzuenthalten. "Es wird abermals deutlich, dass es dem Unternehmen nicht um das Wohlergehen der Bürgerinnen und Bürger, sondern lediglich um die Ausbeutung des Erdgasvorkommens geht." Dass das bisherige Notfallkonzept unter falschen Annahmen erstellt wurde, sei ein Skandal.
Folgen für Trinkwasserquelle der Gemeinde nicht auszuschließen
Weiter heißt es, dass eine "Verlagerung der hohen Schadstoffkonzentrationen in Richtung Quelle und damit GFS-Wert-Überschreitungen" auch an der Trinkwasserquelle selbst zu besorgen sei. Es ist also nicht auszuschließen, dass an der Trinkwasserquelle der Gemeinde "aus humanmedizinischer Sicht relevante Grenzwerte" überschritten werden. Eine Probe auf halber Strecke zur Quelle belege ebenfalls "auffällige Konzentrationen". Für eine finale Beurteilung fehlten aber zunächst weitere Analysen.
Um die Gefahren für das Trink- und das Grundwasser besser einschätzen zu können, pochte das Wasserwirtschaftsamt nicht nur auf ein engmaschigeres Monitoring an den Messstellen, sondern auch auf die Vorlage eines angepassten Notfallkonzeptes.
Probebohrung im September beendet - derzeit Untersuchungen
Die Suche nach Erdgas in Reichling war fortwährend von massiver Kritik von Anwohnern begleitet worden. Von Anfang an hatte es etwa die Sorge gegeben, dass die Trinkwasserquelle verunreinigt werden könnte. Hinter den Förderplänen steht die "Energieprojekt Lech Kinsau 1 GmbH", die zu 80 Prozent im Besitz der MRH Mineralöl-Rohstoff-Handel GmbH mit Sitz in Düsseldorf ist und zu 20 Prozent von der Genexco GmbH gehalten wird.
Nachdem die Probebohrung im September 2025 abgeschlossen werden konnte, laufen derzeit Untersuchungen zur Wirtschaftlichkeit des Projektes. Der Betreiber hatte damals mitgeteilt, dass die Erkundungsbohrung "ohne Komplikationen sowie ohne Schädigung der Umwelt" erfolgt sei. Das Unternehmen plante bisher immer eine Förderung von Erdgas über zehn bis 15 Jahre. Es wird eine Gasmenge von 400 bis 500 Millionen Kubikmetern vermutet; diese könnte den Gasbedarf von 10.000 bis 15.000 Haushalten decken.