Interview

Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche? Das hält eine Münchner Bildungsforscherin davon

Australien machte es vor, andere Länder wollen nachziehen und auch in Deutschland wird diskutiert, ob die Nutzung sozialer Medien durch Kinder und Jugendliche verboten werden soll. Doch eine Münchner Forscherin ist skeptisch - auch wegen der Erwachsenen.
von  Ralf Müller
Immer nur am Smartphone oder am Tablet? Viele Kinder beschäftigen sich mehrere Stunden am Tag mit Sozialen Medien.
Immer nur am Smartphone oder am Tablet? Viele Kinder beschäftigen sich mehrere Stunden am Tag mit Sozialen Medien. © YAY images/imago

Australien machte es vor, andere Länder wollen nachziehen und auch in Deutschland wird diskutiert, ob die Nutzung sozialer Medien durch Kinder und Jugendliche verboten werden soll.
Warum sie da zurückhaltend ist, erzählt die Münchner Bildungsforscherin Nicole Pötter im AZ-Interview.

AZ: Frau Pötter, derzeit wird ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche heiß diskutiert. Was ist Ihre Meinung dazu?
NICOLE PÖTTER: Die Diskussion greift zu kurz, weil nicht nach den dahinter liegenden Problemen gefragt wird. Ein "Handyverbot" ist schnell ausgesprochen oder gesetzlich geregelt. Man tut so, als ob es an den Schulen bisher überhaupt keine Regelungen gibt. Dem ist nicht so. Ich meine, dass die Regelungen bisher eigentlich ausreichend waren. Verbote führen oft gar nicht dazu, dass das Verbotene weniger attraktiv wird, sondern häufig zum Gegenteil. Die Kinder und Jugendlichen werden bei diesen Entscheidungen auch gar nicht einbezogen.

Mit Jugendlichen über Alternativen diskutieren

In Bayern ist jetzt das Handy im Schulbereich bis zur 7. Klasse untersagt...
Wenn man an den Schulen ein Problem erkennt, weil zum Beispiel die Jugendlichen auf dem Pausenhof zu viel Zeit mit dem Handy verbringen, dann sollte man besser einen Prozess starten, in dem man mit den Jugendlichen darüber diskutiert, ob es Alternativen gibt. Man müsste auch die Eltern mit einbeziehen. So kann man gemeinsam einen Prozess gestalten, was gleichzeitig auch den Erwerb von Medienkompetenz fördert.

Nicole Pötter, Professorin für Grundlagen der Sozialen Arbeit mit dem Schwerpunkt Bildungsfragen forscht und lehrt an der Hochschule München zu den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen.
Nicole Pötter, Professorin für Grundlagen der Sozialen Arbeit mit dem Schwerpunkt Bildungsfragen forscht und lehrt an der Hochschule München zu den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen. © Hochschule München

Ist die Handy-Abhängigkeit nicht auch in den anderen Altersgruppen so weit fortgeschritten, dass es mit ab und zu einer Stunde Medienerziehung nicht getan ist?
Auf jeden Fall. Es werden an den Schulen Medienkompetenzen vermittelt, sowohl im Unterricht als auch da, wo sie vorhanden ist, durch Schulsozialarbeit. Es dürfte gerne noch mehr Zeit investiert werden. Ich vermisse an der Diskussion, dass über die Probleme hinter diesen Verhaltensweisen nicht gesprochen wird.

Bildungsforscherin Pötter: "Die meisten haben kein Problem mit Social Media"

Welche Probleme stehen hinter diesem Verhalten?
Wie jeder Mensch brauchen auch Kinder und Jugendliche Anerkennung, und sie müssen ein Selbstwertgefühl entwickeln. Normalerweise tun sie das auch durch ihre Peer-Gruppen (Gruppen von Menschen, die in Alter, Status, Interessen oder Lebenssituationen jeweils vergleichbar sind, d. Red.), die Familien und Erfolge in der Schule. Aber es gibt natürlich auch solche, bei denen das nicht so ist. Die suchen sich ihre Art von Selbstwirksamkeit und Anerkennung durch Social Media. Da kann man seine Bubble finden oder Spiele, bei denen man besonders erfolgreich ist. Die Algorithmen sprechen das Belohnungssystem immer wieder an. Dadurch kann sich ein pathologisches Verhalten entwickeln. Man muss aber sagen: Die meisten haben kein Problem mit Social Media.

Angeblich verbringen Jugendliche zwischen zwölf und 19 Jahren täglich vier Stunden mit Handynutzung, und zwar im Durchschnitt. Kann man da noch von Problemen einer Minderheit reden?
Man kann mit dem Handy nicht nur Spiele spielen oder Videos schauen, sondern auch Musik hören - eine der häufigsten Nutzungen bei Kindern und Jugendlichen. Man kann Radio oder Podcasts hören. Nicht jedes Mal, wenn ein Jugendlicher am Handy ist, zeigt er süchtiges Verhalten und ist auf TikTok oder Instagram unterwegs.

Am Essenstisch: So wichtig ist Familienzeit ohne Handy

Wie sollen Eltern erkennen, ob ihr Sohn oder ihre Tochter gerade etwas "Lehrreiches" oder "Harmloses" oder etwas Bedenkliches oder gar Suchterzeugendes anschaut? Das ist doch unmöglich.
Ich kann mitbekommen, ob es meinem Sohn oder meiner Tochter gut geht oder nicht. Es muss in der Familie aber schon Zeiten geben, in denen man in Kontakt kommen kann, und zwar auch ohne Handy. So sollte das Handy nicht auf dem Essenstisch liegen, um die Zeit zum Austausch nutzen zu können. Da kann der Jugendliche vielleicht auch die Anerkennung bekommen, die ihm an anderer Stelle fehlt. Und die Eltern kriegen mit, wenn es ihrem Kind nicht gut geht. Sie können sich auch Hilfe holen, wenn sie das Gefühl haben, nicht mehr an ihr Kind heranzukommen.

Sie halten also nichts von einem Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 14, 15 oder 16 Jahren?
Ich halte das eher für nicht so sinnvoll. Die Bundesschülerkonferenz hat beanstandet, dass ein Verbot über Kinder und Jugendliche hinweg ausgesprochen würde. Eigentlich möchte man aber doch, dass sie lernen, gemeinschaftsfähig zu sein, mitzugestalten und zu partizipieren.

Statt einem Social-Media-Verbot: Wie man anders aktiv werden kann

Und was sollte man stattdessen tun?
Wir sollten eigentlich darüber sprechen, warum es den jungen Menschen heute nicht so gut geht. Viele stehen unter einer starken mentalen und psychischen Belastung. Anstelle von mehr Schulsozialarbeit und mehr therapeutischen Angeboten versucht man jedoch, Symptome in Form der extensiven Nutzung von Social Media zu bekämpfen. Verbote kosten nun mal weniger Geld als Schulsozialarbeit oder therapeutische Angebote.

Bildungsforscherin Pötter: "Gleichzeitig sind alle Erwachsenen auch ständig am Handy"

Eine Situation, in der genügend Schulsozialarbeiter und therapeutische Angebote zur Verfügung stehen, wird es aber wohl nie geben, weshalb man sich wohl mit Verboten und Beschränkungen behelfen muss, oder?
Oder die Schule stößt zusammen mit den Jugendlichen Prozesse an, die mehr Mitbestimmung und Partizipation zulassen. Ein Verbot zielt ja in die gegenteilige Richtung. Das Signal ist: Was die Kinder und Jugendlichen wollen, interessiert uns nicht. Gleichzeitig sind aber alle Erwachsenen auch ständig am Handy und in den Sozialen Medien. Die erwachsenen Vorbilder außerhalb der Schule geben also etwas ganz anderes vor. Das geht für mich nicht zusammen. Da hilft nur die Vermittlung von Medienkompetenz.

Gelegentlich wird von der betroffenen Altersgruppe geradezu gefordert, dass man zu ihren Lasten ein Social-Media- oder Handyverbot in bestimmten Bereichen verhängt. Wie ist das zu erklären?
Das kann ich nachvollziehen. Eine Peer-Group kann einen Druck ausüben, unbedingt dabei sein zu müssen, obwohl man das vielleicht gar nicht möchte. Das ist so eine Art Gruppenzwang. Ein Verbot enthebt von diesem Druck. Insofern kann ich diesen Impuls verstehen. Wenn die Betreffenden dann 18 Jahre alt sind, sollen sie aber plötzlich Medienkompetenz zeigen und der Angst, nicht dabei zu sein, standhalten können. Das leuchtet mir nicht ein.

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