Interview

Sigmund Gottlieb über neu aufkeimenden Judenhass: "Ein Armutszeugnis für unser Land"

In seinem neuen Buch "Stoppt den Judenhass!" setzt sich der Journalist Sigmund Gottlieb mit dem Wiederaufkeimen des Antisemitismus auseinander.
| Clemens Hagen
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Journalist Sigmund Gottlieb
Journalist Sigmund Gottlieb © imago images / Revierfoto

AZ-Interview mit Sigmund Gottlieb: Der 69-jährige in Nürnberg geborene Journalist war von 1995 bis 2017 Chefredakeur des Bayerischen Fernsehens. Seit 2017 ist er Associate Partner bei der Münchner Kommunikationsberatung CNC.

Ein Mann mit einer Kippa, der traditionellen Kopfbedeckung jüdischer Männer, nimmt an der Solidaritätskundgebung "Berlin trägt" für die Juden in Deutschland teil.
Ein Mann mit einer Kippa, der traditionellen Kopfbedeckung jüdischer Männer, nimmt an der Solidaritätskundgebung "Berlin trägt" für die Juden in Deutschland teil. © Michael Kappeler/dpa

AZ: Herr Gottlieb, Sie haben zum Thema Antisemitismus das Buch "Stoppt den Judenhass!" geschrieben. Warum?
SIGMUND GOTTLIEB: Das Thema bewegt mich seit vielen Jahren. In den letzten Monaten habe ich viele Gespräche mit jüdischen Frauen und Männern geführt, die mir teilweise sehr drastisch ihre Sorgen und Ängste über die Bedrohungslage in Deutschland geschildert haben. Mich macht zornig, dass trotz vieler Lippenbekenntnisse und Workshops zum Thema Antisemitismus und Judentum nichts passiert. Aus diesem Gefühl heraus habe ich das Buch geschrieben.

Warum schauen viele Deutsche bei Judenhass weg

Dass es im Jahre 2020 Gegenden in Deutschland gibt, in denen sich ein Jude mit Kippa auf dem Kopf fürchten muss, ist beschämend, oder?
Sprachlos macht mich vor allem, dass Juden sogar von offizieller Seite den Tipp bekommen, die Kippa lieber in der Tasche zu lassen, weil es sonst gefährlich werden könnte. Es ist mir auch unbegreiflich, dass an bestimmten Schulen jüdische Kinder gemobbt werden - teils verbal, teils aber auch physisch. Es gibt Fälle, da schicken die Eltern ihre Kinder auf eine andere Schule und einige lassen sie sogar in Israel auf die Schule gehen. Ein Armutszeugnis für unser Land!

Sind wir ein Volk von Wegsehern?
Wir Deutschen leiden an der Krankheit des Euphemismus, das heißt, dass wir alles verbrämen, alles kleinreden, alles schönreden. Ist doch gar nicht so schlimm. Warte doch mal, das ändert sich schon wieder. Das scheint mir auch im Falle der Bedrohung der Juden so zu sein. Ja, wir schauen lieber weg, als die wahre Bedrohungslage beim Namen zu nennen.

Ehemaliger Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks hat Buch geschrieben

Waren sich die Deutschen zu sicher, das Gespenst des Antisemitismus für immer gebannt zu haben?
Wir haben uns sehr sicher gefühlt nach der Schoah vor über einem Dreivierteljahrhundert. Wir haben uns gegenseitig viele gut gemeinte Ratschläge erteilt, viele Initiativen gestartet. Irgendwann kam wohl das Gefühl auf, wir hätten dieses dunkelste Kapitel deutscher Geschichte aufgearbeitet.

Zu früh?
Der Antisemitismus war immer da, er hatte sich nur verkrochen. Heute werden Dinge von ganz normalen Bürgern gesagt, die wären vor zehn, ja vor fünf Jahren undenkbar gewesen. Nicht nur an den Stammtischen, auch in akademischen Zirkeln werden die roten Linien immer öfter überschritten. Das verdichtet sich in so gefährlichen Floskeln wie: Das wird man doch wohl noch sagen dürfen. Die überzeugendste Gegenposition dazu habe ich bei George Steiner, einem amerikanischen Juden, Literaturwissenschaftler und Philosophen, einem der letzten Universalgelehrten unserer Zeit gefunden, der sagt: "Wir müssen beständig leben mit zutiefst erschrockener Seele." Dieser Satz ist ein Stoppschild für alle, die offen oder verdeckt ihre Ressentiments gegen Juden artikulieren.

Es gibt in Bayern die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus, kurz Rias. Sie nimmt Meldungen über antisemitische Vorfälle auf und unterstützt Betroffene. Was halten Sie von ihr?
Das ist eine ausgezeichnete Sache, weil dort entweder anonym oder mit Namen auch Vorfälle gemeldet werden können, die unterhalb der Straffälligkeitsgrenze liegen. Das führt dazu, dass sehr viel mehr solcher antisemitischer Äußerungen aufgenommen werden. Dadurch wird das Bild sehr viel realistischer, aber leider auch bedrohlicher.

Gottlieb: "Staat ist nicht stark genug"

Wird Rias von vielen Juden genutzt, die Opfer von Antisemitismus geworden sind?
Ja, aber viele melden sich nach meinen Informationen auch nicht. Möglicherweise weil sie glauben, dass sowieso nichts passieren wird, weil der Vorfall unter der Schwelle der Straffälligkeit liegt. Oder weil sie eine Scheu davor haben, ihren Namen preiszugeben. Das muss man verstehen angesichts ihrer Vergangenheit, selbst, wenn es sich heute um die zweite oder dritte Generation handelt. Die Angst bleibt und sie führt oft dazu, dass man schweigt.

Ist der Staat stark genug in Ihren Augen?
Nein. Wir haben uns in der Corona-Krise diesen schönen Satz angewöhnt: Whatever it takes, was auch immer notwendig ist. Das wünsche ich mir auch für die Minderheiten. Whatever it takes, um Minderheiten zu schützen. Da müssen auch die Dienste und Sicherheitskräfte entsprechend ausgestattet werden. Man braucht zum Beispiel erstklassige Experten, die endlich mit höchster Kompetenz die Bedrohung im Internet bekämpfen. Angehörige aller Minderheiten, die in diesem Land leben, brauchen einen starken Staat, der sie schützt. So steht es im Grundgesetz.

Geht es um den Schutz von Minderheiten, wird immer nach dem Staat gerufen. Tut die Zivilgesellschaft, tun wir alle genug?
Ein paar Lichterketten für wenige Stunden als Solidaritätsbeweis für Juden in diesem Land sind nicht genug. Damit beruhigen wir unser Gewissen, aber mehr nicht. Das ist kein Aufschrei und das ist für mich nicht überzeugend. Wir müssen diese Gleichgültigkeit beenden. Mir scheint, allzu viele sind ohne Interesse für bedrohte Minderheiten, denken an die Bewahrung des eigenen Wohlstands und wollen ganz einfach nicht gestört werden. Hinzu kommt eine fatale Geschichtsvergessenheit in weiten Teilen unserer Gesellschaft.

Antisemitismus ist kein rein deutsches Phänomen. Auch andere Länder leiden darunter, man denke an Frankreich und den dort vielerorts stark vorhandenen muslimischen Antisemitismus. Ist es also ein gesamteuropäisches Problem?
Natürlich. Antisemitismus gibt es in nahezu allen europäischen Ländern, Frankreich, England, selbst in der so sicheren Schweiz. In England hatten wir sogar einen Oppositionsführer, der war Antisemit. Da haben mir Schweizer Juden erzählt, dass in Zürich mitten auf der Straße ein Auto hält, der Fahrer die Scheibe herunterlässt und sagt: "Du Jude, verschwinde!" Oder, dass man sich schon mal öfter umdreht, ob einem jemand folgt, wozu man früher nie Anlass gesehen hätte. Die Grenzen der Toleranz verschieben sich elastisch. Wir lassen viel mehr zu, als wir früher zugelassen haben. Das gilt für ganz Europa.

Sigmund Gottlieb:, "Stoppt den Judenhass!", 15 Euro, S. Hirzel Verlag.
Sigmund Gottlieb:, "Stoppt den Judenhass!", 15 Euro, S. Hirzel Verlag. © S. Hirzel Verlag

Dass viele immer ungenierter ihren Antisemitismus an den Tag legen, hat auch mit der häufig laschen Rechtsprechung in Deutschland zu tun.
Ich betreibe keine generelle Juristenschelte, aber natürlich habe ich mir angesehen, wie Richter und Staatsanwälte dieses Thema bearbeiten. Nehmen wir ein Beispiel von vielen. 2019 machte eine rechtsextreme völkische Partei mit dem Slogan "Israel ist unser Unglück! Schluss damit!" Wahlkampf. Der zuständige Staatsanwalt dachte nicht daran, Ermittlungen aufzunehmen. Man könne nicht von Volksverhetzung sprechen, schließlich hätten die rechten Agitatoren ja nur Israel als Unglück bezeichnet, nicht dagegen die Juden. Manchmal muss man den Eindruck gewinnen, die Justiz versäumt es, bei der Verfolgung antisemitischer Straftaten, neben dem Gesetzbuch auch das Geschichtsbuch zurate zu ziehen.

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