Sie hat das Reh vor dem Tod gerettet – dann ist eine ganz besondere Beziehung entstanden

Von wegen im Netz dreht sich alles nur um lustige Katzenvideos: Lene Koch (43) aus dem Berchtesgadener Land erreicht über 50.000 Menschen bei Facebook – mit "ihrem" Reh Hermine.
Die Tiermedizinische Fachangestellte hat das verwaiste Wildtier vor Jahren großgezogen. Seither hüpft es immer wieder über den Gartenzaun, um sich Weintrauben, klein geschnittene Äpfel und Haferflocken als "Schmankerl" abzuholen. Oder neugierig ins Haus zu schauen. Auf einem Bild scheint es so, als würde sie ihrer Retterin gar ein Busserl geben.
Wie ist es so weit gekommen, dass ein Wildtier solch ein Vertrauen aufbaut?

Alles beginnt im "eiskalten Mai" 2021. Die Eisheiligen bringen einstellige Temperaturen und Dauerregen. Daran erinnert sich die 43-Jährige genau.
Die Mutter des Rehs wird überfahren
Das Tragische: Die Mutter von Hermine wird überfahren und hinterlässt ein wartendes Wildtierbaby in der Kälte. Neun Stunden lang suchen Helfer nach dem verwaisten Kitz. Und bringen es schließlich zu Koch.
Diese ist seit über 20 Jahren im Tierschutzverein aktiv und hat schon seit ihrer Kindheit durch die Tierarztpraxis ihres Vaters immer wieder dabei geholfen, Wildtiere aufzuziehen. Füchse, Steinmarder, Mauswiesel, Eichhörnchen, zählt die 43-Jährige als Beispiele auf.
Ungewöhnliches Verhalten: Hermine schreit
Und dann wird ihr vor bald fünf Jahren die schreiende Hermine übergeben. Das Wildtier muss umgehend versorgt werden. Mitten im Lockdown, eine Ausnahmesituation.
Das sei eine sehr zeitintensive Aufgabe gewesen, wie Koch beschreibt: "Es ist, als hätte man noch einmal ein eigenes Baby: Stillzeiten alle vier Stunden, Tag und Nacht."

Sie erinnert sich an die erste Zeit mit Reh: "Gerade die ersten Stunden waren sehr schlimm. Die Hermine wurde tatsächlich nur gefunden, weil sie angefangen hat zu schreien." Das sei sehr ungewöhnlich, denn normal gilt: "Ein Jungtier darf nie auf sich aufmerksam machen. Das wäre in der Tierwelt das Todesurteil."
Doch wenn ein Rehkitz merke, dass die Mutter nicht zurückkehren wird, beginne es zu schreien. Weil es um Leben und Tod geht.
Ab dem zweiten Tag wächst das Vertrauen
"Das Reh wurde mir schreiend überreicht", sagt die Tierschützerin. "Über Stunden hat es bei mir nach der Mutter geschrien. Das war fürchterlich und ist mir durch Mark und Bein gegangen." Doch dann habe das Reh "in mich Vertrauen gefasst. Es hat gemerkt, dass ich mich kümmere. Am nächsten Tag war es schon so, als hätte sie mich akzeptiert".
Ihr ist wichtig hervorzuheben: "Die beste Mutter ist die Tiermutter, ein Mensch kann diese nie ersetzen." Ihre Prämisse war: "Wenn ich ein Rehkitz großziehe, dann nur, wenn es in absoluter Freiheit leben kann." Und nicht ein Leben in Gefangenschaft führen muss.
Koch wohnt angrenzend an einen Wald. Hermine ist kein Haustier, sondern wie eine Besucherin. Sie lebt bei ihren Artgenossen im Wald. Teilweise tage-, wochen- und monatelang. So wie zum Zeitpunkt des Telefonats mit der AZ. Über zehn Tage ist sie da schon nicht mehr "daheim" gewesen, um sich eine nahrhafte Brotzeit abzuholen. Am Sonntagabend (1. Februar) steht sie dann plötzlich wieder vor der Tür, auch am Montagmorgen lugt sie hinein. Frühstück!
Hermine soll "ein normales Reh-Leben" führen
"Ich weiß nie, wann oder ob sie wieder heimkommt. Deswegen freue ich mich wirklich jedes Mal, wenn sie dasteht." Für Koch zählt, dass ihr Zögling "ein normales Reh-Leben" führen kann. Sie hat ihr lediglich ein leicht zu öffnendes Halsband umgelegt, damit auch Jäger Hermine erkennen.
Das Reh ist und bleibt ein Wildtier: "Natürlich ist sie ab und zu reingekommen und hat nachgeschaut, was in der Küche los ist. Aber sie fühlt sich draußen deutlich wohler und kuschelt sich zum Beispiel nicht auf die Couch." Allein das Tier entscheide, ob es bei Koch vorbeischaut. Sie lässt ihm alle Freiheiten.
"Rehe sind sehr treu"
Warum aber kommt Hermine überhaupt zurück? "Rehe sind sehr treu und kommen oft und regelmäßig nach Hause." Koch sagt weiter: "Sie hat ein Vertrauen zu mir. Sie weiß, dass sie bei mir in absoluter Sicherheit ist. Deswegen bewegt sie sich selbstbewusst im Garten. In der Natur zeigt sie ein komplett anderes Verhalten. Da ist sie hellwach, fokussiert und permanent sprungbereit. Bei uns ist sie entspannt."
Drei Monate im Wald verschwunden
Im Sommer 2025 sei sie ganze drei Monate im Wald unterwegs gewesen. Ohne Kontakt nach Hause.
Das Wiedersehen nach so langer Zeit beschreibt die 43-Jährige mit als das schönste Erlebnis mit Hermine: "Auf einmal stand sie aus heiterem Himmel wieder da, als wäre nichts gewesen. Ich habe mich wahnsinnig gefreut."
Inszenierung für Likes: Davon will sich Lene Koch distanzieren
Wovon sie sich grundsätzlich abgrenzen will: von Accounts, die Tiere inszenieren, um Likes zu genieren. "Davon möchte ich mich distanzieren. Bei mir geht es um Aufklärung, Vermittlung von Wissen und um Tierschutz." Und: "Es war nicht mein Ziel, dass sie nach Hause kommt, sondern dass sie sich natürlich, artgerecht und frei bewegen kann."

Über 50.000 Reh-Follower wollen mittlerweile wissen, was das bayerische Bambi treibt, ob es daheim ist oder auf sich warten lässt. Dazu hat Koch auch einen Blog mit Informationen rund um den Tierschutz und die Aufzucht von Rehkitzen.
So reagiert man als Laie richtig
Was macht man als Laie, wenn man ein Rehkitz findet? Koch sagt ganz klar: "Nichts." Denn: "Es ist ganz selten, dass Wildtiere auf die Hilfe von uns Menschen angewiesen sind. Es ist ein komplett natürliches Verhalten, dass die Mütter sie am Anfang über Stunden alleine lassen. Das Rehkitz muss sich in die Wiese ducken und sich still verhalten. Wenn man da als Mensch einschreitet, wird es gefährlich."
Bemerkt man dagegen, dass das Jungtier schwer verletzt oder komplett abgemagert ist oder orientierungslos umherirrt, sollte man den Profi holen, nämlich den Jagdpächter. Es gilt: das Tier nicht selbst anfassen.
Auch der Tierschutzbund schreibt: "Versorgen Sie ein verwaistes oder verletztes Wildtier als Laie nicht selbst." Man solle es auch nicht ohne Rücksprache mitnehmen. Es könne sich einerseits um eine geschützte Wildtierart handeln, andererseits könne es als Wilderei gewertet werden, ein Wildtier ohne Zustimmung des Jägers ins Auto zu laden.
"Verrückt": So erklärt sich die Tierschützerin das Reh-Interesse
Über die vielen Reh-Fans sagt Koch: "Es ist verrückt. Ich hätte niemals gedacht, dass das irgendwen interessiert. Es ist nur die Geschichte zwischen dem Reh und mir. Aber ich denke, das Normale und das Harmlose ist in der heutigen Zeit für viele wie ein kleiner Rettungsanker."
Hier gibt Lene Koch Eindrücke zu Reh Hermine:
https://www.facebook.com/Rehblogcom/?locale=de_DE
Ihr Rehblog, der vom Tierschutzverein Berchtesgaden e.V. unterstützt wird: https://www.rehblog.com/