Selbsternannte Glücksministerin: "Glück ist auch Arbeit"

Die selbsternannte Glücksministerin Gina Schöler hat ein Buch zum Mitmachen mit 99 kreativen und abwechslungsreichen Aufgaben gestaltet. Ein Gespräch über innere Haltung und Achtsamkeit.
| Rosemarie Vielreicher
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Eine Frau meditiert im Büro. Achtsamkeit kann in Stress-Situationen helfen. (Symbolbild)
Eine Frau meditiert im Büro. Achtsamkeit kann in Stress-Situationen helfen. (Symbolbild) © Westend61/Stefan Kranefeld/dpa

AZ: Frau Schöler, Sie sind die selbsternannte Glücksministerin. Wie sind Sie bisher durch die Corona-Krise gekommen - und haben Sie durch die Pandemie nun noch mehr Arbeit, um andere wieder glücklicher zu machen?
Gina Schöler:
Wenn wir eineinhalb Jahre zurückspulen, muss ich sagen: Im März 2020 war die Glücksministerin auch nicht so glücklich. Uns ist damals alles weggebrochen - wir haben bis dahin auf Präsenzveranstaltungen, auf Begegnungen in der echten Welt gesetzt. Kurze Zeit befand auch ich mich im Stillstand, in Schockstarre. Wie können wir die Situation handhaben? Wie können wir das Beste daraus machen? Daraus sind unfassbar viele Ideen entstanden. Ich habe gelernt, dass auch bei Online-Formaten Emotionalität und Verbundenheit entstehen können. Auch mein neues Buch ist letztlich der Pandemie geschuldet, in der wir plötzlich mehr Zeit hatten.

Ihr Mitmach-Buch, das heute erscheint, trägt den Untertitel "für alle, die sich das gute Leben selbst gestalten wollen". Wie sehr liegt unser Glück in unserer eigenen Hand?
Zahlen aus der Glücksforschung zeigen, dass wir ein ziemlich großes Kuchenstück davon selbst in der Hand haben. Dabei geht es um unsere Haltung, um die Art und Weise, wie wir Dinge betrachten, welche Werte wir in den Mittelpunkt stellen. Man weiß es ja aus eigener Erfahrung: Wenn man im stillen Kämmerchen sitzt und Däumchen dreht, kommt das große Glück meistens nicht. Glück ist eben auch Arbeit.

"Es gibt keine schlechten Gefühle"

Gerade die Pandemie hat uns aber viel in die eigenen vier Wände gezwungen, privat und beruflich. Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass etwa jeder Dritte psychisch unter der Zeit im Homeoffice gelitten hat.
Grundsätzlich bin ich der Meinung, es gibt keine schlechten Gefühle, alle haben ihre Daseinsberechtigung und man muss hinterfragen, woher sie kommen. Dann gilt es, die Perspektive zu wechseln und zu überlegen: Wenn mir im Homeoffice die sozialen Kontakte fehlen, wie kann ich die fehlende Verbundenheit im Alltag anderweitig spüren?

Wie zum Beispiel?
Online ist eine Variante. Aber man kann sich auch auf Abstand treffen, am Gartenzaun zum Beispiel. Oft geht es dabei auch nur um kleine Gespräche, etwa an der Supermarktkasse, die uns das Gefühl geben: Ich werde gesehen, ich bin Teil eines großen Ganzen. Es muss nicht immer die große Tafel mit Freunden sein.

"Viele zauberhafte Momente im Alltag, die man sammeln kann"

Unabhängig von der Pandemie: Woran hakt es häufig, wenn sich Menschen nicht glücklich fühlen?
Ich denke, ein entscheidender Stolperstein ist eine überzogene Erwartungshaltung. Wir stellen unser Glück auf ein Podest und denken: Ein glückliches Leben ist nur dann, wenn alles perfekt läuft, wenn ich alles erreicht habe, reich und zufrieden bin und so weiter. Das ist nicht realitätsnah. Wer so hoch ansetzt, kann nur verlieren. Deswegen spreche ich mich dafür aus, die Erwartung auf ein humanes Level herunterzusetzen und die Sinne für das kleine Glück zu schärfen. Es gibt viele zauberhafte Momente im Alltag, die man sammeln kann. Das ist für mich eine gute Strategie, in einem ultrastressigen, anstrengenden und pandemiebedingten Alltag kleine Lichtblicke zu erhaschen.

In Ihrem Buch geht es auch um Selbstzweifel. Warum haben viele Menschen solche?
Der ganze Leistungsdruck in unserer Gesellschaft fängt schon in der Schule an. Ich arbeite unter anderem auch mit Schülerinnen und Schülern zusammen und erlebe dabei oft mangelndes Selbstvertrauen. Viele Menschen sind sich nicht bewusst, was sie können, welche Fähigkeiten sie haben - oder dieses Wissen ist mit der Zeit verdrängt worden. Das sollte man sich wieder zurückerobern. Deswegen plädiere ich dafür, auch einfach mal verrückt zu sein und etwas auszuprobieren. Auf lange Sicht ist das etwas, worauf man stolz sein kann.

In ihrem Buch "Glück doch mal!" gibt Gina Schöler unter anderem Tipps, wie man im Alltag achtsamer sein kann. (Symbolbild)
In ihrem Buch "Glück doch mal!" gibt Gina Schöler unter anderem Tipps, wie man im Alltag achtsamer sein kann. (Symbolbild) © Groh

"Man kommt nur voran, wenn man ein paar Schritte wagt"

Also raus aus der Komfortzone?
Ja. Man kommt nur voran, wenn man ein paar Schritte wagt und schaut, was außerhalb des Gewohnten noch herauszukitzeln ist.

An welchen Schrauben lässt sich schnell drehen, um sich glücklicher zu fühlen?
Wir können viel an unserer Wahrnehmung ändern. Evolutionsbedingt werden negative Informationen in unserem Gehirn präsent abgespeichert. Um das zu überwinden, spielen etwa Dankbarkeit und Achtsamkeit eine große Rolle. Visuelle und haptische Reize helfen uns, zu lernen, daher ist auch mein Buch so konzipiert, dass man es mitnimmt und das Glück erlebt. Das hilft dabei, Dinge bewusster zu erfahren und abzuspeichern. Sprich: Das, was gut ist und uns guttut, sollten wir uns vor Augen führen. Und dann werden wir sehen, dass ohnehin schon viel gut läuft.

Wie klappt das konkret im Alltag?
Ich habe in meinem Büro zum Beispiel eine Wand, an der ich Post-it-Zettel aufhänge, E-Mails ausdrucke oder kleine Briefchen von Menschen befestige. Ich nenne das meine kleine "Lob-Dusche". Wenn mich die Selbstzweifel überkommen, schaue ich mir die positiven Nachrichten an und merke, dass doch alles gar nicht so schlimm ist. Was ich auch mache: Ich binde positive Erlebnisse des Tages abends in die Gute-Nacht-Geschichte ein. Es gibt viele kreative Wege.

Tipp für mehr Achtsamkeit im Alltag

Haben Sie auch einen Tipp für mehr Achtsamkeit im Alltag?
Diesen Tipp habe ich selbst von einer Workshop-Teilnehmerin bekommen: Zwischenzeiten besser nutzen. Was damit gemeint ist? Die Übergänge zwischen Termin A und B. Diese Zeit kann man bewusst als Pause nutzen, etwa für tiefe Atemzüge, oder um das Fenster zu öffnen, sich bewusst eine neue Tasse Tee aufzugießen, sich zu recken und zu strecken sowie sich auch emotional auf den Menschen des kommenden Termins einzustellen. Ich möchte damit verdeutlichen: Man braucht für mehr Achtsamkeit nicht immer das Meditationskissen.

Man muss sich nur daran erinnern, dass man die Pause bewusst wahrnehmen will?
Das ist Übungssache. Manche Rituale brauchen eine gewisse Zeit. Die einen sagen 21 Tage, andere gehen von 66 Tagen der wiederholenden Übung aus, bis es in Fleisch und Blut übergeht.

99 Challenges im Buch der "Glücksministerin"

In Ihrem Buch haben Sie insgesamt 99 Challenges beschrieben. Wie sehen die aus?
Es ist alles und für jeden etwas dabei: Komplimente herausschneiden und diese an Wildfremde verteilen, Einladungskarten für einen hyggeligen Abend mit den besten Freunden oder zum Beispiel auch, mit dem Buch in den Wald gehen und seine Sinne schärfen: Was riechst du? Was siehst du? Bewusst im Hier und Jetzt sein.

Wie viel Zeit sollte man sich für sich selbst täglich nehmen?
Das ist sehr individuell, für das Glück gibt es keinen Beipackzettel gemäß: So und so viele Minuten pro Tag und ihr seid auf der sicheren Seite. Es kommt auf die persönliche Situation an, wie viel Stress man hat, wie es um die seelische Gesundheit steht. Manchmal reichen fünf Minuten am Morgen, manchmal sollte man sich vielleicht professionelle Hilfe suchen und sich fünf Stunden am Tag damit beschäftigen. Das kann man nicht pauschal beantworten.

Gina Schöler: "Glück doch mal! Das kreative Workbook für alle, die sich das gute Leben selbst gestalten wollen"; Groh Verlag; 15 Euro

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