Sechsstellige Summen? Arbeitsmarktexperte findet hohe BMW-Abfindungen grundsätzlich richtig
Es sind Summen, welche die meisten Arbeitnehmer schwindelig machen: 250.000 bis zu 650.000 Euro sollen große Konzerne wie BMW, Mercedes-Benz, Volkswagen oder die Allianz an Abfindungssummen springen lassen, wenn Arbeitnehmer ab 55 Jahren ihren Job räumen. Während der Staat verzweifelte Anstrengungen unternimmt, die Menschen länger im System zu halten, drängen die großen Unternehmen sie systematisch aus dem Erwerbsleben.
Die Lage am Arbeitsmarkt sei "paradox", räumt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), auf AZ-Anfrage ein. Auf der einen Seite sehe man einen der Strukturkrise geschuldeten Stellenabbau insbesondere in der Industrie, auf der anderen Seite hätten branchenübergreifend viele Unternehmen in Bayern Probleme, ihre offenen Stellen zu besetzen. Das betreffe vor allem Wachstumsunternehmen wie Pflege und Gesundheit, Transport und Logistik, aber auch Teile der IT, so Brossardt: "Es liegt also vor allem am Mismatch. Die am Markt vorhandene Qualifikation passt nicht zu den angebotenen Stellen."

Was die konkreten Beträge der Abfindungsprogramme angeht, so geben sich die Unternehmen zugeknöpft. Klar ist: Spitzensummen werden vor allem von den Großen der Auto- und Finanzbranche geboten. Ein Abfindungsprogramm von BMW fand so großen Zulauf, dass es erst einmal gestoppt werden musste und nun vorzeitig geschlossen wurde. Den Arbeitsmarktexperten Enzo Weber überrascht das nicht, denn BMW habe sich überaus großzügig gezeigt. Die in den Medien gehandelten sechsstelligen Summen seien freilich keineswegs repräsentativ. Bei gewöhnlichen Kündigungen außerhalb von derartigen Großprogrammen liegen die Summen bei durchschnittlich 7400 Euro.

"Restrukturierungsdruck kann man nicht aussitzen"
Kritisch bewertet der Leiter des Forschungsbereichs "Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen" am Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) bei der Bundesagentur für Arbeit, dass es bei BMW wie auch bei anderen Unternehmen mit Abfindungsprogrammen beim reinen Geldsegen bleibt. Die Abfindungen "sollen ruhig hoch ausfallen, aber man könnte im Gesamtpaket mehr draus machen", sagt Weber.
Für die Abfindungsprogramme hat Weber grundsätzlich Verständnis. In den am meisten betroffenen Industriebranchen herrsche massiver Restrukturierungsdruck, den man "nicht einfach aussitzen" könne. Den derzeit oft beschrittenen Pfad, der unter Einbeziehung eines zweijährigen Bezugs von Arbeitslosengeld I direkt in die Frühverrentung führe, hält Weber trotzdem für falsch. "Alle" der Arbeitnehmergeneration 55plus würden noch gebraucht. Der Weg in einen nächsten Job sollte daher mehr einbringen als sich in den frühen Ruhestand zu verabschieden.

Jobwechsel auf Probe
Die Arbeitsmarktstatistik widerlegt die gängige These, dass Ältere sowieso keinen Job fänden. Im Jahr 2000 waren im Alter zwischen 60 und 64 Jahren nur ganze zehn Prozent der Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, heute sind es 50 Prozent. Was nichts daran ändert, dass ein Jobabbau- und Abfindungsprogramm bei den Älteren erst einmal einen Schock und den Drang, das sinkende Schiff möglichst mit einem goldenen Rettungsring zu verlassen, auslöst.
Diese Unsicherheit zu beseitigen, hat sich Weber vorgenommen. Einer seiner Vorschläge zielt auf einen "Jobwechsel auf Probe". Die Beschäftigten könnten für eine begrenzte Zeit in eine andere interessante Arbeitsstelle hineinschnuppern, ohne den alten Job endgültig aufgeben zu müssen, empfiehlt Weber. Notwendig seien eine "Qualifizierungswelle 55plus" und ebenso ein Programm, das fördere, wenn Ältere sich selbstständig machen wollen.

Die gängige Lösung für restrukturierungsgetriebene Unternehmen besteht bislang in einem Auflösungsvertrag, der mit einer hohen Abfindung kombiniert wird. Im Anschluss beziehen die Betroffenen oft bis zu 24 Monate Arbeitslosengeld I, was ihnen als Arbeitnehmer ab 58 Jahren zusteht. Am zweijährigen Arbeitslosengeldbezug werde man etwas ändern müssen, sagt Weber. Aber noch nicht jetzt: In den letzten Jahren seien die Jobchancen immer mehr gesunken, nicht nur für die Älteren, sondern auch für die Jüngeren: "In dieser Situation einzukürzen, wäre nicht das Richtige."
Die Angst vor dem Nichts
Übrigens verlassen oft die "jungen Alten" ihren Job lieber als die "alten Alten". Denn Arbeitnehmer im Alter ab 62 Jahren gelten als "rentennah" und müssen damit rechnen, dass ihre Abfindungshöhe drastisch gekürzt wird. Für Beschäftigte in diesem Alter sinkt somit der finanzielle Anreiz, aufzuhören. Arbeitsrechtliche Studien zeigen zudem, dass die klassische reine Abfindung bei Beschäftigten zwischen 55 und 65 Jahren zugunsten kombinierter Modelle an Attraktivität verliert. Nachgefragt werden Altersteilzeit sowie gestreckte Abfindungen in Form einer monatlichen firmeninternen Rente.

Obwohl die Konjunktur nicht so recht in Gang kommen will, brauche man "alle", beharrt Arbeitsmarktforscher Weber. Aber er räumt dann selbst ein, dass abseits der vom Strukturwandel gezeichneten Branchen derzeit noch zu wenig Neues entstehe: "Es ist zu wenig Bewegung drin." Im Moment herrsche zwar Wirtschaftskrise, aber letztlich benötige man die Leute aus der Industrie angesichts der massiven Demografiekrise in neuen Geschäftsfeldern.
Es bleibt eine Zukunftsaufgabe
Auch wenn die momentan angespannte Wirtschaftslage dämpfend auf den Arbeitsmarkt wirke, bleibe die Fachkräftesicherung "langfristig" eine große Zukunftsaufgabe, mahnt vbw-Geschäftsführer Brossardt. Die Angst der Arbeitnehmer, nach Ausschlagen eines Abfindungsprogramms womöglich vor dem Nichts zu stehen, kann ihnen aber derzeit wohl niemand nehmen.
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