Schock im Bahn-Jubiläum: War der Adler nicht die erste?

Kult-Sportreporter Waldemar Hartmann behauptet: Schon 1816 entwickelten Berliner die erste Dampflok. DB-Museumsleiter Jürgen Franzke wusste davon nichts
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Bahnmuseums-Chef Jürgen Franzke.
Berny Meyer Bahnmuseums-Chef Jürgen Franzke.

Kult-Sportreporter Waldemar Hartmann behauptet: Schon 1816 entwickelten Berliner die erste Dampflok. DB-Museumsleiter Jürgen Franzke wusste davon nichts

NÜRNBERG Wir schreiben das Jahr 2010, und Nürnberg ist im Freudentaumel: Es ist das Jahr des großen Eisenbahn-Jubiläums. Am 7.Dezember 1835 fuhr die erste Lokomotive, der „Adler“, samt 200 Ehrengästen von Nürnberg nach Fürth. Die 175 Jahre Personenbeförderung – mal mit, mal ohne Verspätung – werden heuer mit Pomp und Gloria gefeiert. Zurecht? Oder saßen alle Pufferküsser einem Irrtum auf? Denn ausgerechnet der berühmte Sportreporter Waldemar „Waldi“ Hartmann behauptet jetzt: Die erste Lok fuhr schon 1816, und zwar ausgerechnet in Preußen. Ist der Zug fürs Bahnjubiläum also abgefahren? Und das schon seit 19 Jahren?

Für den Nürnberger Waldemar Hartmann (62) steht viel aus dem Spiel. Es könnte ihm drohen, wie einst, als er den Club-Skandal um Schatzmeister Dr. Ingo Böbel und seine schwarze Kasse aufdeckte, wieder beschimpft und angespuckt zu werden. Aber er bleibt dabei: „Die erste Lok mit Personen fuhr in Berlin und zwar 1816.“ Herausgefunden haben das Wissenschaftler, die mit ihm an dem Buch „Populäre Bayern-Irrtümer“ gearbeitet haben, das er gestern vorstellte. Laut Hartmann fuhr damals die Krigar-Lokomotive, benannt nach einem preußischen Beamten. Der war 1814 nach England gereist, um sich bei den Pionieren des Eisenbahn-Baus umzusehen – heute würde man ihn wohl als Industrie-Spion bezeichnen.

"Die Bayern waren 19 Jahre zu spät dran"

„Zwei Jahre später stand auf einem Betriebsgelände in Berlin die erste Lokomotive“, sagt „Waldi“. Und nachdem Schaulustige „gegen ein gewisses Entgelt auf der kurzen Teststrecke mitfahren durften, gilt das doch wohl als die erste Personen-Eisenbahn-Fahrt!“ 2,5 Tonnen konnte die Lok ziehen, und sie schaffte immerhin drei Kilometer – in einer Stunde. Hartmann: „Die Bayern waren 19 Jahre zu spät dran, und die Preußen haben ihrer nachgesagten Schnelligkeit alle Ehre gemacht.“

Diese Verspätung kann vor allem einer nicht auf sich sitzen lassen: DB-Museumsleiter Jürgen Franzke, der Chef-Organisator des Jubiläums. Die AZ erreicht ihn – natürlich – in der Bahn. Und wird gleich mit den Tücken der Deutschen Bahn konfrontiert: Funklöcher, wohin man auch hört. Nach dem Versuch, ihm den Sachverhalt zu schildern, antwortet er. „Das wusste ich nicht. Sicher gab es schon vorher Experimente, aber man kann das so nicht stehen lassen. Mir ist nur der Adler bekannt, der als erste Lokomotive auf einsatzfähigen Gleisen und mit Fahrplan Fahrgäste transportierte.“ Die Gesichte, betont Franzke nach erneutem Funkloch, müsse also wohl nicht umgeschrieben werden. Ärgert’s ihn ein wenig? „Nun, da halt ich’s mit dem Spruch: Was juckt’s die Eiche, wenn sich die Sau an ihr kratzt...“

Susanne Will

Lust auf mehr „Populäre Bayern-Irrtümer“?: Das Buch ist ab Montag im Handel, 19,95 Euro, bebra-Verlag

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